Naturschutzbund sieht Potenzial. Große zusammenhängende Waldfläche gilt als einmalig.
Von Wiebke Bomas
Freudenstadt. Nationalparks – das sind andernorts auf dieser Welt echte Nummern. Baden-Württemberg hat als einziges Bundesland neben Rheinland-Pfalz keinen. Dabei sieht etwa der Naturschutzbund hierzulande großes Potenzial.
Der Yellowstone National Park in den USA zieht jährlich knapp drei Millionen Touristen an. In Baden-Württemberg träumen nicht nur Naturschützer bisher von solchen Verhältnissen. Auch Touristiker, manch ein Politiker und Anwohner wären froh, wenn nur ein Bruchteil der Fläche des 8987 Quadratkilometer großen US-Reservats hierzulande zum Nationalpark umgewidmet werden könnte.
Zum Beispiel 10 000 Hektar (zehn Quadratkilometer), auf die der Naturschutzbund (NABU) Baden-Württemberg jetzt sämtliche Regionen im Südwesten abgeklopft hat. Das Bundesamt für Naturschutz hatte den Südwesten bereits 2010 um Prüfung gebeten.
Ziel ist es, den Artenrückgang zu stoppen
Dahinter steht die nationale Strategie der Bundesregierung, biologische Vielfalt zu erhalten. Nachdem das von der EU gesetzte Ziel, bis 2010 den Rückgang der Artenvielfalt zu stoppen, auch 2011 in weiter Ferne ist, setzt die Bundesregierung auf Nationalparks. In Deutschland sind dies vor allem großflächige Waldflächen, die nicht wirtschaftlich genutzt werden.
Die größte zusammenhängende Waldfläche liegt mitten im Südwesten: Mit über 375 000 Hektar, die allein der Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord im Nordschwarzwald aufweist, ist die Region deutschlandweit einmalig. So verwundert es nicht, dass der NABU sie nun in einer Studie als am geeignetsten für einen Nationalpark erklärt. »Uns war klar, dass das Land von sich aus nicht prüfen wird – es hätte gewartet, bis die Regionen den ersten Schritt machen«, erklärt Ingrid Eberhardt-Schad, die stellvertretende Geschäftsführerin des NABU. Da der Naturschutzbund darauf nicht warten wollte, hat er die Initiative ergriffen.
Menschen in der Region sollen entscheiden
Schon vor 20 Jahren war der Nordschwarzwald als Nationalparkregion im Gespräch – das allerdings kläglich gescheitert ist, wie Eberhardt-Schad sich erinnert. Vor allem, analysiert man beim NABU, weil die Region nicht von Anfang an in den Entscheidungsprozess einbezogen worden sei. Den Fehler will man diesmal nicht wiederholen: Den Landräten in dem betroffenen Gebiet von Bad Herrenalb/Bad Wildbad im Kreis Calw bis runter in südwestlicher Richtung bis Baiersbronn im Kreis Freudenstadt liegt die Standortstudie des NABU bereits vor. Ab heute wird sie offiziell vorgestellt.
Sie schlägt einen sogenannten Suchraum von 40 000 Hektar zur Diskussion in Rathäusern, Gemeinde- und Ortschaftsräten, Bürgerforen und bei den Touristikzentren vor. Die Region und damit die Menschen vor Ort sollen selbst entscheiden, ob und wo sie die mindestens 10 000 Hektar im Nordschwarzwald zum Nationalparkareal umwidmen möchten: »Es ist uns sehr wichtig, ergebnisoffen zu suchen: Welche Vorteile und Nachteile ergeben sich für die Region, wo sind Familien oder Unternehmen wie Sägebetriebe betroffen – schließlich sollen die Leute nicht ihren Arbeitsplatz verlieren«, betont Ingrid Eberhardt-Schad.
Doch was macht eine nationalparktaugliche Region überhaupt aus? »Ganz wichtig ist, dass die Fläche unzerschnitten durch Straßen Kanäle oder ähnliches ist, wenig Außengrenzen hat, sehr naturnahe Ökosysteme aufweist, mindestens 10 000 Hektar umfasst und größtenteils in öffentlicher Hand ist«, zählt Eberhardt-Schad auf. Insgesamt 20 Flächen hat der NABU nach diesem Schema abgeprüft, nur drei kommen in Frage.
Wertvolle Lebensräume durch Karseen und Moore
An erster Stelle steht der Nordschwarzwald auch wegen der vielen Karseen und Moore, die wertvolle Lebensräume bieten. Über 20 Moosarten etwa fühlen sich hier heimisch und schaffen ideale Bedingungen für weitere Tiere und Pflanzen. Doch es gibt auch einen Plan B, sollte das Projekt Nationalpark im Nordschwarzwald abermals scheitern: »Der Schönbuch steht bei uns als große Waldinsel im Raum Stuttgart auf Platz zwei«, sagt Eberhardt-Schad. Das Problem: Er ist zerschnitten durch eine Straße und grenzt direkt an Industriesiedlungen.
So ruhen alle Hoffnungen auf der Entscheidung der Gremien vor Ort. »Es ist ja nicht so, dass Sie im Nationalpark gar nichts mehr dürfen«, will Eberhardt-Schad mit Vorbehalten aufräumen. Auf Baumwipfelpfaden könne man etwa in Höhe der Baumspitzen die unbeeinflusste Wildnis von oben betrachten. Auch ein Wildniscamp sei denkbar oder großflächige Gehege, in denen mit etwas Glück Luchs & Co. in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet werden kann. Für den schon bestehenden Naturpark wäre das eine echte Aufwertung.
Mit der Unterstützung der neuen Landesregierung kann die Region rechnen: Die Einrichtung eines Nationalparks hat sich Grün-Rot in den Koalitionsvertrag geschrieben. Rund eine Million Euro wird das kosten, schätzt der NABU. »Die Anschubfinanzierung muss von der Landesregierung kommen«, fordert Eberhardt-Schad. Morgen ist Europäischer Tag der Parke – vielleicht ja ein Anlass für Grün- Rot die Weichen in der Mission Nationalpark zu stellen.