Von diesem Schacht führt der Kanal im Bereich Spittel/Welschdorf weiter durch das kleine Tal. Dort soll die FFH-Mähwiese offenbar nicht mehr so hochwertig sein wie vor dem Kanalbau. Foto: Dold

Die Anwohner des Sulzbacher Außenbezirks kamen aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus, was sie im Gemeinderat hörten. Dort wurde ihnen dargelegt, warum der Abwasserkanal aus naturschutzrechtlicher Sicht nicht gebaut werden kann.

Philipp Klein von der unteren Naturschutzbehörde des Landratsamts war eigens eingeladen worden. Er sollte die vor einigen Wochen getroffene Entscheidung dem Gemeinderat – aber auch den vielen Mooswald-Anwohnern – begründen.

Sowohl der Mooswald als auch das Gebiet Spittel/Welschdorf seien im Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet. Beim Kanalbau im Spittel/Welschdorf im vergangenen Jahr sei einiges „schief gelaufen“, sagte Klein. Ökologisch wertvolle Mähwiesen seien in Anspruch genommen worden. „Alle Akteure haben eine Schuld, also beispielsweise die Baufirma, aber auch ich als Vertreter der Naturschutzbehörde“, räumte er ein. Er hätte früher einschreiten müssen, als die Baustelle nicht so lief wie geplant.

Planung für die Tonne

Die Konsequenz: Der Mooswald wird deswegen bestraft. Die fix und fertige kostspielige Planung für den Abwasserkanal muss in die Tonne getreten werden und der Kanal wird nicht gebaut – die Anwohner bleiben auf ihren in die Jahre gekommenen Hauskläranlagen sitzen. Der Anschluss ans öffentliche Kanalnetz wird zumindest auf absehbare Zeit nicht möglich sein. Deshalb grummelte es in den Zuhörerreihen merklich.

Hier war der Freispiegelkanal im Mooswald geplant. Daraus wird nun so schnell nichts. Foto: Dold

„Sie machen uns Vorschriften, aber von den Kosten übernehmen Sie nichts“, lautete ein Vorwurf eines Anwohners an die Adresse des Behördenvertreters. Er werde keinen Cent mehr in seine Hauskläranlage investieren, polterte ein weiterer Anwohner.

Für die Offenhaltung der Landschaft seien die Anwohner recht, lautete eine weitere Klage. Schnelles Internet oder ein Anschluss ans Abwassernetz werde den Menschen aber nicht zugestanden. Kleins Vorschlag lautete, die Straße zu sanieren und so gleich Kanal und Internet mit zu verlegen. Allerdings ist die Straße in einem passablen Zustand und hat keine Sanierung nötig.

Wildsauen am Werk

„Wildsauen haben 5000 Quadratmeter FFH-Wiesen umgegraben. Die Wiese hat sich schnell wieder erholt“, so die Beobachtung eines weiteren Anwohners. Er meinte, das könne auch an der ominösen Spittel/Welschdorf-Wiese möglich sein.

Zuvor hatte Klein gesagt, es müsse gewartet werden, bis die Mähwiese wieder hergestellt sei – oder an einer anderen Stelle müsse eine geschaffen werden, was aber ebenfalls mehrere Jahre dauere.

Ein Jahr nach dem Kanalbau im Bereich Spittel/Welschdorf kann nur noch erahnt werden, wo dieser errichtet wurde. Foto: Dold

Höhnisches Gelächter erntete Klein mit folgender Aussage: „Die EU verklagt Deutschland, weil das Land zu wenig für FFH-Mähwiesen tut“.

Rolf Buchholz gab zur ganzen Problematik ein Statement ab: „Gräser und Biotope sind offenbar wichtiger als Menschen“, meinte er. Die Leute würden in einer Weise abgestraft, die nicht nachvollziehbar sei – obwohl sonst bei fast jedem Gesetz eine Abweichung oder Befreiung möglich sei und es oft nur etwas guten Willen brauche. Er erwarte, dass Behörden nicht immer wieder nur im Wege stehen. „Es gibt kein Gesetz, dass man den gesunden Menschenverstand nicht einsetzen darf“, so Buchholz. Der damalige Beschluss zur Schaffung von FFH-Gebieten falle nun auf die Füße.

Trockenheit als Problem

Klein verwies auf fehlenden Spielraum angesichts der sogenannten „Natura2000“-Beurteilung. „Es zählt der Fokus auf das gesamte Gebiet“, sagte er. Dieses sollte geschützt werden und nicht nur ein Teil.

Stefan Weinmann zeigte sich stark verwundert, weil bislang nicht bewusst gewesen sei, dass der Bau im Spittel/Welschdorf so fatal verlaufen sei. Der Zustand mit den Hauskläranlagen schade der Umwelt angesichts mitunter schlecht geklärter Abwässer, schwante ihm.

Hauptamtsleiter Andreas Kaupp monierte, dass extra eine ökologische Baubegleitung eingeschaltet worden sei. „Trotzdem hat es nicht geklappt“, sagte er. „Es hat niemand auf die Baubegleitung gehört“, entgegnete Klein. So sei einfach über die Mähwiesen gefahren und Aushub abgeladen worden. „Man verletzt durch den Aushub doch nichts“, meinte Erich Fehrenbacher. „Es ist dann aber keine FFH-Mähwiese mehr“, sagte Klein. Hinzu kam die Trockenheit im vergangenen Jahr, die die Wiesen ebenfalls angriff.

Ausnahme ist unwahrscheinlich

„Gibt es die Möglichkeit auf eine Ausnahme?“, wollte Sonja Rajsp-Lauer wissen. „Eher nicht“, meinte Klein. Er werde aber mit dem Regierungspräsidium (RP) deswegen kommunizieren. Immer wieder wurde im Lauf der Diskussion spürbar, dass das RP – als verlängerter Arm der Landesregierung – der unteren Naturschutzbehörde beim Thema FFH-Mähwiesen im Nacken hängt.

Eine Ausnahme für den Mooswald ist unwahrscheinlich. Foto: Dold

Auch ein Rechtsverfahren solle geprüft werden, empfahl Ansgar Fehrenbacher. Sollte das RP nicht einlenken, bleibt nur eine komplett neue Planung – oder das Abwarten, bis sich die Mähwiese erholt hat.