Wird die Stadt Haiterbach 20 Hektar auf ihrer Gemarkung für ausgleichende Aufwertungsmaßnahmen im Zuge der Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn-Bahn ausweisen? Eine Entscheidung vertagte der Gemeinderat jetzt. Vielen Räten ging es zu schnell.
Schon ein Blick in die Vorlage zum Tagesordnungspunkt „Hermann Hesse Bahn – Ausgleichsmaßnahmen“ ließ ahnen, dass die Sitzung am Mittwochabend spannend werden könnte. Dort las man in der Bewertung seitens der Verwaltung: „Noch immer weist der Vertrag handwerkliche Fehler und Ungereimtheiten auf.“
Man habe in Haiterbach wertvolle Flächen, die für Ausgleichsmaßnahmen geeignet seien, erläuterte Bürgermeister Andreas Hölzlberger einleitend. Dabei geht es um einen der Knackpunkte der Reaktivierung der Hermann-Hesse-Bahn inklusive der Tunnel: In den Tunneln haben Fledermäuse ihr Quartier. Von bis zu 18 Arten und tausend Tieren sprechen Naturschützer.
Vertrag auf 25 Jahre
Flächen wie in Haiterbach, wo Fledermäuse, darunter die Bechsteinfledermaus, ihr Sommerquartier hätten, sollen laut Hölzlberger die nächsten 25 Jahre den Betrieb der Bahn sicherstellen, falls durch den Eingriff an der Strecke ein Artenrückgang festgestellt werde. Der Gedanke ist dabei, die Population der Tiere an anderen Standorten, wie in Haiterbach, aktiv zu fördern.
Das Landratsamt und der Zweckverband Hermann-Hesse-Bahn befinden sich seit einiger Zeit auf Rundreise zu Kommunen. Laut Andreas Knörle, Dezernent Infrastruktur beim Landratsamt Calw, seien 21 Städte und Gemeinden beteiligt.
„Wir sind mit einem recht großen Anteil dabei“, sagte Hölzlberger. Darunter sei eine große Fläche des Stadtwalds, der dann außer Betrieb gesetzt oder eingeschränkt werde.
Neben Flächen in den Bereichen Tann, Staudach, Staudachhütte, Nordhalde und Buch sind auch Gebäude wie der Alte Schafstall und die Laurentiuskirche für aufwertende Maßnahmen vorgesehen.
200 Einzelmaßnahmen
Knörle sprach von einem europaweit bedeutenden Vorkommen an Fledermäusen. Die Anstrengungen von Landratsamt und Zweckverband seien umfangreich. Man zähle mehr als 200 Einzelmaßnahmen. Es gehe um 170 Hektar Wald und 70 Gebäude sowie 20 Hektar Streuobstwiesen. Er habe zwar eine Meinung, sagte Knörle, werte dies aber nicht. Man ahnte so nur, wie diese sein könnte, als er von Kosten für den Naturschutz in Höhe von 60 bis 70 Millionen Euro sprach.
Knörle räumte ein, dass die Unterlagen, die man zur Verfügung gestellt habe, nicht ideal seien. 25 Jahre Vertragslaufzeit habe man gewählt, damit die Gemeinden ein Ausstiegsszenario hätten. Die Maßnahmen seien aber auf Dauer angelegt – sonst müsse man Alternativen finden.
Da Haiterbach für seinen Wald Fördermittel aus dem Bundesprogramm „Klimaangepasstes Waldmanagement“ erhält, werde der Landkreis das Risiko tragen, falls diese ausfallen sollte.
Sollten 20 Hektar sein
Auf ein paar Details zu den Maßnahmen ging Susan Knowles vom Landratsamt ein. In Haiterbach wolle man vier Wochenstuben der Fledermäuse aufwerten. Im Wald sollen Habitatbäume ausgewiesen werden. Es werden Fledermauskästen aufgehängt.
Weniger als die 20 Hektar sollten es nicht sein, antwortete Knowles auf die Frage von Julian Däuble (CDU), ob Abstufungen möglich seien.
Auswirkungen auf den Betrieb der Gebäude, etwa den Schafstall, gebe es nicht, sagte Knowles auf eine Anfrage von Elvira Helber (CDU).
In Bezug auf Bebauungspläne klang das in einer Antwort von Hölzlberger auf die Frage von Jochen Härdter (CDU) zuerst auch so, wobei der Bürgermeister dann mögliche Folgen doch nicht gänzlich ausschließen wollte.
Gutekunst kritisiert Landratsamt
Gerhard Gutekunst (UBL) sagte, dass dieser Tagesordnungspunkt Grund sei, weshalb er im Gemeinderat sei. Er wolle gute Stadtfinanzen, eine gute Infrastruktur, aber auch eine intakte Natur. Und dann folgte einige Kritik. So gebe es wenig Sachinformationen und viele Ausreden, wo Infos gelandet seien. Das Landratsamt falle stets durch bürokratisches Verhalten und eine unfreundliche Sachbearbeiterebene auf. Er habe also Zweifel am „Goodwill“ des Landratsamtes. Er sehe enormes Fachwissen, das aber nicht positiv beratend, sondern nur für Ablehnungen nach außen getragen werde.
Knörle entgegnete, dass er nicht für das gesamte Landratsamt sprechen könne, man aber auf Augenhöhe Wert lege. Gleichwohl räumte er ein, dass es in manchen Fällen besser wäre, das direkte Gespräch zu suchen.
„Wir stehen unter Termindruck“
„Wir stehen unter Termindruck. Das ist aber nicht ihr Druck“, sagte Knörle zu Wortäußerungen von Stadträten, die das so empfanden.
Mathias Kaupp (CDU) plädierte dafür, das Thema zu vertagen. „Ich kann mir keinen Beschluss vorstellen.“ Das Landratsamt solle auch sagen, „was sie uns als Bonus geben wollen“.
Fledermäuse seien ein vielfältiges, nicht einfaches Thema, antwortete Förster Thomas Katz, als Thomas Keck (CDU) einen Fingerzeig für eine Entscheidung bei ihm suchte. Er könne beraten, sagte Katz. Entscheiden müsse das Gremium, er hingegen müsse es umsetzen.