Auch abgestorbene Fichten gehören zum Bild des Nationalparks – aber neue Bäumchen wachsen bereits nach. Foto: Faltin

Vor zehn Jahren ist das Schutzgebiet gegründet worden: Erste Arten kommen zurück, doch der Borkenkäfer zerstört auch viele Flächen. Bei der Erweiterung gibt es ebenfalls Bewegung – ein Minister scheint seinen Widerstand aufgegeben zu haben.

Die Macher des Nationalparks Schwarzwald sind glücklich: Zehn Jahre nach der Gründung habe sich bereits sehr viel zum Positiven hin bewegt, sagt Wolfgang Schlund, der Leiter des einzigen Nationalparks auf baden-württembergischem Boden. Das gelte auch für den Artenschutz, der ja der eigentliche Grund für das im internationalem Vergleich eher kleine Großschutzgebiet mit 10 000 Hektar war.

 

So habe sich die Population des seltenen Dreizehenspechts bereits stabilisiert, Kuckuck und Schwarzstorch seien zurückgekehrt, viele Käferarten, die sich auf Totholz spezialisiert hätten, seien wieder zu beobachten. „Da verändert sich etwas“, so Schlund.

800 Veranstaltungen und Führungen pro Jahr

Für die Besucher sei der Nationalpark hoch attraktiv, gerade weil er so vielfältig sei, sagt auch Myriam Geiser, die Geschäftsführerin des Tourismusverbandes Nationalparkregion, in dem sich 27 Gemeinden zusammengeschlossen haben. Es gebe 300 Veranstaltungen und 500 Führungen pro Jahr allein im Nationalpark. Das Verkehrskonzept trage Früchte: Früher sei im Winter zweimal in der Woche ein Bus auf den Ruhestein gefahren, heute gebe es vier Buslinien mit einem Stundentakt.

Und auch die Befriedung des zunächst sehr umstrittenen Projekts sei einigermaßen gelungen, meinen die Verantwortlichen. Im Nationalparkrat und -beirat seien alle politischen und gesellschaftlichen Gruppen vertreten und könnten mitreden. „Aber am Wir-Gefühl müssen wir schon noch arbeiten“, so Wolfgang Schlund.

Also alles weitgehend gut? Ja und nein. Der Nationalpark ist unumstritten ein wichtiges Schutzgebiet. Aber er hat durchaus mit Nebenwirkungen und Kollateralschäden zu kämpfen. Wer durch das Gebiet wandert, kann die vielen abgestorbenen Fichten nicht übersehen. Laut Schlund hat der Borkenkäfer auf 14 Prozent der Kernzone die Bäume abgetötet; daneben sind aber auch die Folgen des Sturm Lothars im Dezember 1999 noch an vielen Stellen zu erkennen.

Und es werden mehr Brachflächen werden, räumt der Nationalparkleiter ein. Riesige kahle Gebiete wie im Harz erwartet Schlund aber nicht. Auf den neuen Flächen wüchsen dann viele Tannen, das mache den Wald resistenter gegen den Klimawandel. Aber bis neue Bäume hochkommen, vergehen Jahrzehnte: „Diese Zeit zu überbrücken, ist nicht einfach.“ Das ist für die Gegner ein Hauptpunkt. Michael Frank von der Bürgerinitiative Hundsbach etwa sagt, er wolle nicht den Großteil seines Lebens auf einen abgestorbenen Wald schauen.

Auch beim Tourismus hat sich viel getan, der Nationalpark wird mittlerweile einheitlich vermarktet. Dennoch gibt es Gegrummel, weil sich die Übernachtungszahlen nicht so schnell entwickeln wie erhofft. Im vergangenen Jahr seien 2,3 Millionen Übernachtungen in der Nationalparkregion gezählt worden, sagt Michael Ruf, der Bürgermeister von Baiersbronn. Man sei jetzt wieder auf Vor-Corona-Niveau. Ein wirklicher Aufschwung ist das nicht.

Dazugelernt haben die Verantwortlichen bei der Kommunikation, und die ist zentral, wenn es jetzt um die Erweiterung des Nationalparks geht. Eine zweite Kakofonie wie vor zehn Jahren wollen alle vermeiden. Wolfgang Schlund hat sich etwa vor Kurzem drei Tage Zeit genommen, um mit Gegnern in den Nationalpark Bayerischer Wald zu fahren. Man wollte sich anschauen, wie dort mit den Bedürfnissen der Einheimischen umgegangen wird.

Schlund sagte jetzt, dass sie wieder Wirtschaftswege öffnen wollten, um den Einheimischen nicht das Gefühl zu geben, sie seien aus dem Wald ausgesperrt. Brennholz könne man bei der Parkverwaltung kaufen. Und man werde auch Flächen ausweisen, wo Pilze gesammelt werden dürften. Das waren drei wichtige Punkt für die Gegner, wobei Schlund es sich nicht verkneifen konnte, anzufügen: „Ich wundere mich schon, wie viele Pilzsammler es plötzlich bei uns gibt.“

Tatsächlich sind Michael Frank und seine Mitstreiter mittlerweile zuversichtlicher: „Wir reden miteinander und werden gehört. Ob wir erhört werden, wird die Zukunft zeigen.“ Der Besuch habe aber gezeigt, dass größere Freiheiten auch in einem Nationalpark möglich seien; so seien im Bayerischen Wald 60 Prozent des Parks frei begehbar. Über die baden-württembergischen Restriktionen habe man dort öfters den Kopf geschüttelt.

Derzeit laufen die Verhandlungen mit der sogenannten Murgschifferschaft über einen Tausch von Waldflächen; so könnten die zwei Nationalpark-Teile vereint werden. Die CDU-Landtagsfraktion und auch CDU-Forstminister Peter Hauk waren zuletzt sehr skeptisch und lehnten die Erweiterung eigentlich ab, weshalb der „Freundeskreis Nationalpark Schwarzwald“ jetzt schriftlich die CDU aufgefordert hat, endlich eine „aktive, öffentlich wahrnehmbare Mitarbeit“ an den Tag zu legen.

Bei einer der jüngsten Landespressekonferenzen gab sich Peter Hauk als treuer Koalitionär. Die Erweiterung sei zwischen Grünen und CDU nicht strittig, und man plane, sie noch in dieser Legislaturperiode (bis März 2026) umzusetzen. Es gebe noch viele kontroverse Punkte, aber eigentlich nur mit der Murgschifferschaft, nicht in der Politik: „Unüberwindbare Hindernisse sehe ich nicht.“

Das Jubiläumsjahr

Eröffnungen
Zum zehnjährigen Bestehen des Nationalparks wird im Mai ein Spechtpfad eröffnet, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Lotharpfades an der Schwarzwaldhochstraße befindet. Der Spechtpfad soll für Rollstühle und Kinderwagen befahrbar sein. Im Oktober soll dann das zweite, kleinere Besucherzentrum im ehemaligen Rossstall in Herrenwies eröffnet werden. Das große Zentrum am Ruhestein mit Ausstellung besuchten im letzten Jahr 100 000 Menschen, den Nationalpark 700 000.

Fest
Am 15. und 16. Juni lädt der Nationalpark zu einem Bürgerfest an den Ruhestein ein. (fal)