Dorothee Nagel: „Prinzipiell wird unsere Kundschaft wieder jünger.“ Foto: Annette Kasenbacher

Nachhaltiger Konsum ist heute gefragter denn je. Dorothee Nagel hat in Schramberg einen Ort geschaffen, an dem Bio nicht nur verkauft, sondern gelebt wird.

Das Image von Bioläden hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Es ist vom Klischee des alternativen „Öko-Ladens“ hin zu einem modernen, qualitätsbewussten und nachhaltigen Einkaufserlebnis gereift. In Schramberg hat Dorothee Nagel „Bio“ salonfähig gemacht.

 

Wenn sich im Naturladen Schramberg an der Kasse eine Schlange bildet, hat das meist einen angenehmen Grund: Ein persönliches Gespräch dauert eben manchmal etwas länger. So finden die Kunden außer Obst, Käse oder Tee noch seltene Giveaways in ihrem Einkaufskorb: Entschleunigung und persönlichen Zuspruch.

4500 Produkte

„Viele Kunden kennen wir wirklich gut“, sagt Dorothee Nagel, die mit ihrem Laden das Gesicht der Innenstadt prägt. Und das seit knapp zehn Jahren in der Hauptstraße und davor bereits in der Marktstraße.

Rund 4500 Produkte umfasst das Sortiment des Vollsortiment-Bioladens. Besonders gefragt ist derzeit Skyr, ein proteinreicher Joghurt der eigentlich aus Island stammt – der im Naturladen wird in Baden-Württemberg hergestellt. „Vor einiger Zeit waren es noch Erdmandeln, und Schafmilchjoghurt aus Frankreich ist seit Jahren ein Klassiker“, berichtet Nagel.

Foto: Annette Kasenbacher

Die Waren bezieht sie von Bio-Großhändlern, direkt von Herstellern oder – etwa bei Kartoffeln – von Landwirten aus der Region. Transparenz ist ihr dabei besonders wichtig: „Unsere Branche denkt in Generationen. Und dafür muss die Bio-Wertschöpfungskette passen – vom Acker bis zum Teller.“

Die Kundschaft im Naturladen ist bunt gemischt: junge Menschen, Familien, Singles, ältere Stammkunden – aus Schramberg, dem Umland und dem Kinzigtal. Die Gründe für den Einkauf sind unterschiedlich: Überzeugung, Gesundheitsbewusstsein oder schlicht die kurzen Wege in der Innenstadt. Außerdem kaufen viele Touristen im Naturladen ein. „Die bestellen schon vor ihrer Anreise, fragen gezielt nach speziellen Produkten“, so Dorothee Nagel. Und je nachdem, ob die Urlauber mit dem Auto anreisen, wird der Großeinkauf auch schon mal in die Ferienwohnung geliefert. Dieses Angebot steht aber auch allen anderen Kunden zur Verfügung. „Wir versuchen unseren Kunden so viele wie möglich entgegenzukommen – es sollte halt noch wirtschaftlich sein.“

Erfahrungen aus Freiburg

„Prinzipiell wird unsere Kundschaft wieder jünger“, sagt die studierte Försterin, die aber nie in diesem Beruf gearbeitet hat. „Ich wollte immer Wirtschaft und Ökologie zusammenbringen – und das schafft man mit einem Bioladen sehr gut.“ Diese Erfahrung machte sie bereits Ende der 1990er-Jahre, als sie im Weltladen in Freiburg arbeitete – zuerst im Ehrenamt und dann als Geschäftsführerin.

Ab 7 Uhr im Laden

Seither ist der Bio-Anteil in der Lebensmittelbranche stark gewachsen – vor allem auch durch das entsprechende Angebot in Discountern. Im vergangenen Jahr habe es allerdings eine „wirtschaftliche Delle“ gegeben. „Schlechte Nachrichten bringen schlechte Stimmung mit sich - und das spüren wir unmittelbar im Umsatz. Die Menschen sparen dann an Lebensmitteln, halten ihr Geld zusammen“, so die Erfahrung von Dorothee Nagel.

„Edelhilfe“ unterstützt

Der Arbeitstag beginnt für Dorothee Nagel meist um 7 Uhr mit dem Auspacken der Ware. Ab halb neun ist geöffnet, und die Tage sind dicht gefüllt – mit Kundenservice ebenso wie mit Bestellungen und Buchführung. Unterstützt wird sie von sechs Mitarbeiterinnen – und „einer Edelhilfe“, wie sie gut gelaunt sagt und damit ihren Mann meint. Auch ihre drei Kinder (17, 19 und 21 Jahre alt) haben bereits im Laden mitgearbeitet, sich inzwischen aber für andere Wege entschieden. „Das ist völlig in Ordnung. Kinder hat man ja nicht, um sie zu behalten.“

Am 30. Juni 2016 eröffnete Dorothee Nagel ihren Naturladen in der Hauptstraße. Das Jubiläum zum Zehnjährigen möchte sie gemeinsam mit ihrem Team und ihren Kunden am 17. Oktober feiern. Dazwischen gönnt sie sich im Sommer noch eine Premiere: zwei Wochen Betriebsurlaub. „Zum ersten Mal.“