Wird nach 450 Jahren Winterlinde in Glatt kurzer Prozess mittels Kettensäge gemacht? In den sozialen Medien werden verschiedene Alternativen diskutiert.
Schnee liegt überall, der Himmel ist wolkenlos blau. Perfektes Wetter für einen Winterspaziergang – vielleicht zur Winterlinde nach Glatt?
Doch wer über den aufgeschütteten Damm am Minigolfplatz, auf dessen Areal das stattliche Naturdenkmal steht, kommt, steht alsbald vor einer Absperrung aus Warnbaken. Man muss also ein Stück auf der Straße oder dem gegenüberliegenden Gehweg gehen, um bis zur nächsten Treppe zu kommen, die wieder auf den höhergelegten Weg führt.
Linde ist Sicherheitsrisiko
Auch ist die Strecke mit einem Absperrband markiert, damit niemand das Teilstück in der Nähe des alten Baumes nutzt. „Für mich steht die Sicherheit der Sulzer Bürger sowie unserer zahlreichen Gäste in unserem kulturellen Zentrum in Sulz-Glatt an oberster Stelle“, betont Bürgermeister Jens Keucher.
In der vergangenen Gemeinderatssitzung hatte er bekanntgegeben, dass vor einiger Zeit ein Ast abgebrochen und auf den aufgeschütteten Fußweg-Damm gestürzt sei. Es folgte ein Gutachten, laut dem die alte Linde als Sicherheitsrisiko eingestuft und deshalb wegen der Verkehrssicherungspflicht entfernt werden müsse.
Todesurteil für Giganten
„Aktuell ist der Gefahrenbereich um die Winterlinde herum abgesperrt – ich hoffe und appelliere inständig an alle, dass dieser Bereich zum eigenen Schutz nicht betreten wird“, beschreibt Keucher die momentane Situation.
Doch dass das Ende des Baumes – der schon seit gut 450 Jahren dort steht – in greifbare Nähe rückt, bewegt die Menschen. „Es berührt einen, immer noch. Das Todesurteil dieses Giganten“, schreibt eine Nutzerin in der Facebook-Gruppe „News Sulz a.N. und Umgebung“. Und hofft, dass die Stadt ein Einsehen habe und nicht den ganzen Baum fällen werde.
„Eine kleine Chance“
„Der verbleibende Stamm mit seinen Hohlräumen ist ein idealer Lebensraum und Brutstätte für Kleintiere, Vögel uvm. und keine große Gefahr mehr für das Umfeld“, regt sie an. Dies könnte schließlich als „Ökopunkte“ gewertet werden.
„Vielleicht eine kleine Chance, den alten ‚Kämpfer‘ zu würdigen – und er darf sich zu den Monumenten unserer Geschichte im Glatttal reihen“, schließt sie ab.
Kommt ein Torso-Schnitt?
Und erhält dabei Unterstützung aus der Community. „Eine Eminenz verlässt Glatt. Naturschutzgerecht wäre ein Torsoschnitt. Hoffen wir darauf. Auch im Namen seiner vielen Bewohner“, lautet ein Kommentar dazu.
Dass der Baum den Menschen am Herzen liegt, spürt man. „Ich bitte dringend um Erhaltung des Baums“, schreibt jemand anderes. Doch neben dem Torsoschnitt – also dem Rückschnitt, bei dem nur der Stamm mit einigen Metern Höhe verbleibt – steht noch eine andere Idee im Raum.
Großes Eschensterben
„Im Siebentischwald hat die Stadt Augsburg gemeinsam mit den Carbonwerken Wallerstein ein Konzept erprobt, bei dem Carbonstäbe zur Stützung von Bäumen eingesetzt werden“, spricht ein User eine Maßnahme aus Bayern an. Die Stäbe seien optisch unscheinbar und passten sich gut der Umgebung an.
„Bei dem ‚Baum ab‘-Wahnsinn in Sulz ist das eine schöne Wunschvorstellung“, gibt eine andere Nutzerin zu bedenken – und verweist auf die gefällten Bäume der Baumallee bei den Schuppen auf Sulz-Kastell. „Die sind leider vom Eschensterben betroffen und immer wieder fallen da Äste und ganze Bäume um“, wird diese Verkehrssicherungsmaßnahme von der Netz-Gemeinschaft eingeordnet.
„Maßnahmen werden besprochen“
Und wie geht es nun mit der Winterlinde weiter, wenn man die Optionen der vollständigen Fällung, des Torsoschnitts sowie eines Exoskeletts vor sich habe?
„Zusammen mit den Fachbehörden werden mögliche Maßnahmen an der Winterlinde besprochen“, hält Keucher den aktuellen Sachstand um das Glatter Naturdenkmal fest.
Ein Baumtorso
Lebensraum
Höhlungen und Spaltenräume in Stämmen dienen vielen Wirbeltieren als Lebensstätte: etwa für höhlenbrütende Vögel (Schwarz- und Mittelspecht, Raufuß-, Sperlings- und Waldkauz, Hohltaube, Kleiber, Gartenbaumläufer, Blau- und Kohlmeise, Rotkehlchen), Fledermäuse (Zwerg-, Bechstein-, Bartfledermaus, Großer Abendsegler, Braunes Langohr), Baummarder, Eichhörnchen, Bilche (Haselmaus und Siebenschläfer) und Spitzmäuse.
Viel Potenzial
Wichtig sind solche Stämme in der Tierwelt aber auch für viele Insekten wie zahlreiche Käfer, Wildbienen, Solitärwespen und Hornissen. Durch Baumtorsos können geschädigte Stämme sich in ihrem Lebensraumpotenzial sogar fortentwickeln.