Büschelweise wedeln Wasserpflanzen wie das Haar einer Nixe in der Strömung der Starzel. Das trockene Frühjahr haben deren Wachstum stark begünstigt. Handlungsbedarf bestehe nicht, sagt das Regierungspräsidium. Doch die Fischer machen sich Sorgen.
Rangendingen - Das Wasser der Starzel ist glasklar. Nichts könnte den Blick auf die Millionen Kieselsteine im Bachbett trüben, die in den Wellen der Strömung tanzen. Wären da nicht teilweise meterlang scheinende Pflanzenfasern, die unter der Oberfläche vom Wasser in eine Richtung gebürstet werden. Auch auf die durch das Niedrigwasser freigelegten Kiesbänke haben sie sich wie ein graugrüner Belag gelegt.
Vermehrtes Wachstum hängt mit mehreren Faktoren zusammen
Was da beinahe gespenstisch teilweise flächendeckend im Wasser flattert sind verschiedene Grünalgen, ist dazu von der Landesbehörde Gewässer im Regierungspräsidium Tübingen zu erfahren. Diese gehörten zu den "normalen Lebensgemeinschaften" in Fließgewässern. Dass sie diesen Sommer in der Starzel so massiv wachsen, hänge mit mehreren begünstigenden Faktoren zusammen, die in diesem Frühjahr verstärkt vorzufinden waren.
Dies sind ein extrem niederer Wasserstand und die damit einhergehende langsame Fließgeschwindigkeit der Starzel. Hinzu kommt eine starke Sonneneinstrahlung, die das wenige Wasser erwärmt und zu der relativ hohen Temperatur des Fließgewässers beiträgt.
Wenig Niederschlag im Frühjahr ist negativ für den Wasserabfluss
Dass die Starzel im Vergleich zu durchschnittlichen Jahren sehr wenig Wasser führe ist laut dem Gewässeramt an den Zahlen der Abflussganglinien deutlich abzulesen. Insbesondere im März habe es vergleichsweise wenige Niederschläge gegeben, was sich negativ auf den Wasserabfluss auswirkte.
Außerdem habe sich in Rangendingen an einer Untersuchungsstelle der Landesanstalt für Umwelt eine "leichte Nährstoffbelastung" gezeigt. Auch dies ist ein weiterer wichtiger Faktor, der die Algenblüte fördere, wie es aus dem Gewässeramt heißt.
Algenwachstum ist auch Hinweis auf eine Nährstoffbelastung
Das in diesem Jahr vermehrte Wachstum der Wasserpflanzen kann durchaus auch ein Hinweis auf eine Nährstoffbelastung sein, was wiederum vor allem nachts zu einer reduzierten Sauerstoffkonzentrationen im Wasser führen könne. Außerdem sei es möglich, dass durch die Photosynthese der Pflanzen der ph-Wert des Wassers steige – was wiederum zu einer höheren Ammoniak-Belastung führen könne.
Insbesondere die damit verbundene niedere Sauerstoffkonzentration könnte auch für die Fische in der Starzel gefährlich werden, heißt es weiter. Auch Kleinlebewesen der Gewässersohle würden durch die sich ablagernde Biomasse infolge des starken Algenwuchses beeinträchtigt, da deren Abbauprozess durch Mikroorganismen weiteren Sauerstoff verbrauche.
Gewässerbiologen sehen derzeit keinen Handlungsbedarf
Eine akute Gefahr sehen die Gewässerbiologen im Augenblick noch keine für die Starzel und deshalb auch noch keinen Handlungsbedarf. Allerdings: Käme es zu weiteren Auffälligkeiten, wie beispielsweise verendete Fische, würden das Landratsamt sowie die Fischereibehörde im RP benachrichtigt werden.
Ein kritisches Auge hat seit jeher natürlich auch der Fischereiverein Rangendingen auf sein Fischgewässer in der Starzel. Das Problem sei bereits seit mehreren Jahren bekannt und bestehe nicht erst seit diesem Frühjahr, ist von deren Gewässerwart Christian Vollmer zu erfahren. Besonders der extrem niedere Pegel und die geringe Wassermenge des Baches werden von den Fischern als "katastrophal" angesehen. "Die Fische leiden", sagt Schriftführer Paul Maichle.
Starkregenereignisse bringen nichts für den Pegel der Bäche
Dass der Pegel permanent niedrig ist, dürfte mit dem gesunkenen Grundwasserspiegel zusammenhängen, der den Bachlauf speist. Selbst starke Gewitterregen, wie sie auch in den letzten Wochen teilweise vorkamen, und bei denen kurzfristig viel Oberflächenwasser einfließe und den Pegel rasch anschwellen ließen, könnten die Situation nicht verbessern. "Fast genauso schnell wie das Wasser kommt, ist es dann auch wieder weg", sagt Christian Vollmer.
Die Fische könnten sich nur schwer an diese sich binnen weniger Stunden veränderten Bedingungen und die neue Umgebung gewöhnen. Ein einziger Gewitterregen könne ausreichen und einen Großteil des frischen Besatzes starzelabwärts bis in den Neckar schwemmen.
Gegenmaßnahmen können kaum rasch umgesetzt werden
Abhilfe könnte, zumindest was das erhöhte Algenwachstum betrifft, eine bessere Beschattung des Bachlaufs sowie eine Reduzierung des Nährstoffeintrags schaffen. Auch eine naturnahe Gewässerentwicklung wirke sich generell positiv auf die Zusammensetzung der Wasserpflanzen und Algen und damit auch auf die Wasserqualität aus. Nach einer raschen Umsetzbarkeit hört sich das aber nicht gerade an.
Also dürfte die Entwicklung der Situation in den kommenden Jahre wohl weiter eher eng mit dem Wetter zusammenhängen. Nach einem kühlen, regenreichen und sonnenarmen Frühjahr könnte es in der Starzel zwar auch mal wieder ganz anders aussehen.
Wegen Klimawandel bleiben Probleme wohl eher bestehen
Allerdings müsse als Folge des Klimawandels wohl eher dauerhaft mit einem vermehrten Aufkommen von Algenblüten gerechnet werden, vermuten die Gewässerfachleute. Womit dann letztlich auch kaum mit einer wirklichen Verbesserung der Lebensbedingungen für die Fische zu rechnen sein dürfte.
Entsprechend gewännen ein konsequenter Gewässerschutz und eine naturnahe Gewässerentwicklung immer mehr an Bedeutung. Je naturnaher ein Fließgewässer ist, umso widerstandsfähiger zeige es sich auch für die Folgen des Klimawandels.
Fischer haben reagiert: "Fischerei an der Starzel wird sich verändern."
Doch darauf wollen die Rangendinger Fischer nicht warten. Sie haben auf die veränderten Lebensbedingungen in ihrem Fischwasser bereits reagiert. Mittlerweile setzen sie nur noch einmal im Frühjahr Jungfische in der Starzel aus. In früheren Jahren hätten sie dies noch zwei Mal jährlich gemacht, also zusätzlich im Sommer, so Vollmer. Doch dies mache keinen Sinn mehr. Vollmers Resümee: "Die Fischerei an der Starzel wird sich für uns verändern."