Wie sieht es denn aus mit dem Umwelt-und Naturschutz? Fragen an Katharina Baudis, Geschäftsführerin des BUND-Regionalverbandes (Bund für Umwelt- und Naturschutz).
Für die einen sind Umwelt- und Naturschutzverbände wie der BUND die Lobby für eine Natur, die immer stärker dem Raubbau unterworfen ist. Andere sehen sie eher in der Rolle von Spaßbremsen, die sich zudem zunehmend vor bestimmte politische Karren spannen lassen.
Haben Umwelt- und Naturschutz ein Imageproblem?
Nach meinem Empfinden: Ja. Ich kämpfe sehr häufig damit, dass Menschen mich und meine Mitstreiter beim BUND als „Spaßbremsen“ betrachten, und durch die politische Polarisierung ist der Umgangston deutlich rauer geworden. Vielen ist nicht klar, wie dramatisch die Veränderungen durch den Klimawandel auch hier bei uns im Schwarzwald-Baar-Kreis sein werden, wenn wir nicht endlich wirksame Maßnahmen ergreifen. Manche denken: Sonniges Wetter ist doch super und wir können ja sowieso nichts tun. Dem ist aber nicht so.
Insolvenzen, Angst um die eigene Sicherheit, Krieg: Wie präsent sind Umwelt- und Naturschutz noch in den Köpfen der Menschen?
Bei mir selbst hat das Sicherheitsgefühl in den letzten Jahren deutlich gelitten und ich denke, dass es vielen ähnlich geht. Wir kämpfen mit Inflation und wirtschaftlichen Veränderungen, die auch unsere Region vor große Herausforderungen stellt. Bei vielen ist da schon die Grenze der Aufmerksamkeit und Belastbarkeit erreicht, und zusätzliche Umwelt- und Klimakrisen werden dann gedanklich hinten angestellt und die Hinweise darauf als lästig empfunden. Das ist verständlich und menschlich.
Sehen Sie sich zu Unrecht politisch eingefärbt?
Ich glaube, viele blenden aus, dass es uns bei unseren Anliegen nicht um die Interessen eines bestimmten politischen Lagers geht, sondern schlicht darum, unsere Erde bewohnbar zu halten für die kommenden Generationen. Der Schutz von Umwelt und Natur kommt jedem Menschen zugute. Bei meiner Arbeit habe ich ja mit vielen unserer Ehrenamtlichen und Mitglieder zu tun, und gerade kommen wieder viele Neue hinzu, weil sie befürchten, dass wir als Gesellschaft in die falsche Richtung driften.
Sind Naturschutz einerseits und Windkraft- oder PV-Projekte andererseits auf Kollisionskurs?
Entsprechende Anlagen brauchen viel Fläche und Naturschützer gehen immer wieder auf die Barrikaden. Klimaschutz ist Naturschutz! Beides gehört zusammen und nicht gegeneinander ausgespielt. Der Klimawandel ist neben dem Lebensraumverlust durch Flächenverbrauch die größte Gefahr für unsere heimische Natur. Jetzt kann man es sich einfach machen und sagen: Die erneuerbaren Energien brauchen ja auch Fläche, schaden also dem Naturschutz, dann lassen wir es lieber. Das wäre aber zu kurz gedacht. Man muss genau hinschauen und abwägen. Dafür hat der BUND das Dialogforum Energiewende und Naturschutz gegründet, um genau an dieser Schnittstelle zu vermitteln und aufzuklären (https://www.dialogforum-energie-natur.de/).
Hat der Naturschutz auch mal Vorrang vor Erneuerbare-Energien-Projekten?
Bei besonders seltenen Arten kann es dazu führen, dass jedes Individuum in einem Gebiet so wertvoll ist, dass sein Verlust die gesamte Population schwächen würde, was in letzter Konsequenz zum Aussterben einer Art in einem Gebiet führen kann. Wenn diese Gefahr droht, dann lehnt der BUND auch Standorte für Windkraftanlagen oder Freiflächen-PV-Anlagen ab. Oftmals sind jedoch Kompromisse möglich.
Für manche Windparks müssen Wälder gerodet werden, ist das für Sie das kleinere Übel?
In den meisten Fällen Ja, aber es kommt auf den Wald an. Naturnahe Wälder mit gemischtem, altem Baumbestand und viel Totholzanteil sind von unschätzbarem Wert für den Artenschutz und aus unserer Sicht deshalb tabu für den Windkraftausbau. Leider erfüllen nur wenige unserer Wälder diese Kriterien. Zwar wird heute in der Forstwirtschaft stärker in diese Richtung gearbeitet, aber oft herrscht leider noch Monotonie im Wald. Da wir ein waldreiches Land sind und die Forstflächen sogar größer werden, sehe ich für unsere Wälder keine akute Bedrohung durch Windkraftanlagen.
Artenschützer sehen mit Blick auf sich drehende Rotoren auch ein großes Risiko für Vögel und Fledermäuse: Übertriebene Sorge oder angebrachte Kritik?
Es ist unbestritten, dass an den Rotorblättern immer wieder Vögel und Fledermäuse zu Tode kommen, meist bei schlechten Sichtverhältnissen. Sind seltene Vogel- oder Fledermausarten betroffen, muss genau hingeschaut werden. Wenn die örtliche Population gefährdet wäre, würden wir uns dafür einsetzen, dass von dem Projekt an diesem Ort Abstand genommen würde. Es gibt aber mittlerweile erprobte Mechanismen, um Vogel- und Fledermausschlag an Rotoren zu vermeiden. Fledermäuse sind in der Dämmerung besonders aktiv und sind dann gefährdet. Für diese Zeiträume kann man die Rotoren abschalten. Das wird vielerorts bereits erfolgreich umgesetzt.
Der geplante Solarpark auf den Bertholdshöfen in Villingen-Schwenningen sorgte für heiße Diskussionen. Wie kritisch sehen Sie, sieht der BUND, Freiflächenanlagen? Wäre es nicht sinnvoller, zunächst auf versiegelte Flächen zu gehen?
Ja, es wäre sinnvoll gewesen vor 20 Jahren den Ausbau der PV-Nutzung auf allen Dächern und Parkplätzen voranzutreiben und mit dem Netzausbau entsprechend zu fördern. Unsere Versäumnisse aus der Vergangenheit fallen uns heute auf die Füße. Wir müssen aber jetzt vorankommen und da sind FF-PV Anlagen wirtschaftlicher. Ich hätte mir gewünscht, dass wir auf Freiflächenanlagen in großem Maß hätten verzichten können, aber die Dringlichkeit der aktuelle Klimakrise lässt dies nicht zu.
Agri-PV-Anlagen sollen der Königsweg sein, sind aber nicht für alle Kulturen geeignet: Ein berechtigter Kritikpunkt?
Agri-PV-Anlagen sind eine Möglichkeit Landwirtschaft und Stromerzeugung auf derselben Fläche zu ermöglichen, allerdings ist Agri-PV ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von unterschiedlichen Aufständerungsvarianten, und die meisten sind noch in der Erprobungsphase und die Wirtschaftlichkeit noch nicht belegt. Für die Fläche an den Bertholdshöfen könnte sie aus meiner Sicht tatsächlich zu einem tragfähigen Kompromiss beitragen, auch wenn der Nutzen für den Naturschutz dann geringer ausfallen würde und Einbußen beim Stromertrag hingenommen werden müssten.
Der Widerstand gegen solche Großprojekte wird nicht weniger, zumal Großspeicher noch weitgehend fehlen, um grüne Energie für einen längeren Zeitraum zu speichern. Was halten Sie dagegen?
Ja, es gibt große Herausforderungen, die wir meistern müssen. Die Speicherung macht große Entwicklungssprünge, und wenn wir in Zukunft noch vom Lithium wegkommen und stattdessen Natrium nutzen können, sind wir auch viele ökologische und soziale Probleme los. Die Umsetzung der Energiewende erfordert enorme Anstrengungen, gute Planungen und viel Geld. Um uns unabhängiger zu machen, muss die Stromerzeugung und Speicherung auch bei uns in der Region stattfinden. Ich sehe meine Aufgabe darin, diese Prozesse kritisch zu begleiten, um die besten Lösungen für Mensch und Natur zu finden.
Eine Herausforderung?
Ja. Das ist nicht immer einfach, weil wir mittlerweile von beiden Seiten in der Kritik stehen. Die einen sehen uns als Bremser des Fortschritts, die anderen werfen uns vor, die Natur dem Klimaschutz zu opfern. Das kann – ehrlich gesagt – sehr frustrierend sein. Dennoch hat der BUND viele Unterstützer, die uns für diese reflektierte Sichtweise schätzen – und das macht mir Mut.
Wie sieht in Ihren Augen eine naturverträgliche Planung von Solar- und Windparks aus?
Schon bei der Standortwahl können viele Konflikte vermieden werden, indem Schutzgebiete und bekannte Lebensstätten geschützter Arten außen vor bleiben. In dem ausgewählten Gebiet muss eine Inventur der vorhandenen Tier- und Pflanzenarten und der Umwelt erfolgen. Dann müssen die Wirkungen der Anlage auf den Ist-Zustand beschrieben werden und wie sich dieser vermutlich verändern wird. An dieser Stelle muss auch überlegt werden, was getan werden kann, um negative Auswirkungen zu vermeiden oder möglichst klein zu halten. Nach einem Bau muss ein regelmäßiges Monitoring erfolgen. Die Menschen müssen den Nutzen vor Ort spüren können und die Natur darf nicht den Kürzeren ziehen. Nur ein gründlicher, transparenter Planungsprozess kann dies gewährleisten.
Zur Person
Katharina Baudis
ist seit Februar 2017 Geschäftsführerin des BUND-Regionalverbands Schwarzwald-Baar-Heuberg. Nach dem Abitur machte sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. Sie absolvierte den Double degree master in Environmental Sciences an der Uni Hohenheim und der Sveriges lantbruksuniversitet in Uppsala.