Joshua Kimmich (links) und Angelo Stiller könnten in der Nationalmannschaft schon bald die Doppelsechs bilden. Foto: IMAGO/Kirchner-Media

Der Bundestrainer Julian Nagelsmann stellt Joshua Kimmich wieder ins Mittelfeld. Damit ergibt sich eine neue Konkurrenzsituation in der Nationalmannschaft – auch für Angelo Stiller.

Julian Nagelsmann fehlt es nie an Ideen, wenn es um Fußball geht. Im Grunde sprudelt es aus dem 38-Jährigen heraus, wenn es um Aufstellungslösungen, Systemumstellungen und Taktikvarianten geht. So hat er sich bereits als junger Fußballlehrer den Ruf erarbeitet, ein innovativer und inspirierender Geist zu sein. Erst als Bundestrainer hat er seinem Erfolgsrezept etwas mehr Pragmatismus beigemischt – um Titel zu gewinnen. Das war der Vorzeigeauswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) unter Nagelsmann zwar noch nicht vergönnt, doch er hat auf dem Trainerkongress in Leipzig skizziert, wie er in knapp einem Jahr mit der Nationalelf Weltmeister werden will.

 

Die Basis soll eine defensivere Denke bilden, der Bundestrainer spricht sogar von „deutschen Tugenden“, die lange als verpönt galten, weil ein spielerischer Ansatz gewählt wurde. Jetzt soll’s die Mischung machen – und im Zentrum steht dabei wieder Joshua Kimmich. Nagelsmann kündigte eine Rochade an: Der Kapitän soll vom Rechtsverteidigerposten zurück ins Mittelfeld. „Weil er einer von zwei, drei Spielern ist, die auf der Sechserposition im Club Stammspieler sind“, begründet der Bundestrainer seine überraschende Maßnahme.

Noch im vergangenen Juni hatte Nagelsmann während des Final Four der Nations League Kimmich für unverzichtbar auf der rechten Abwehrseite erklärt. Da ein Außenverteidiger für ihn Abwehrkraft und Angriffsmotor in Personalunion sein muss – und kein anderer deutscher Spieler beherrscht diese Rolle so gut wie Kimmich.

Der 30-jährige Musterprofi des FC Bayern stellt aber auch im defensiven Mittelfeld eine Kapazität dar. Das meint nicht nur sein Vereinstrainer Vincent Kompany, sondern ebenso eine Reihe von Experten wie Lothar Matthäus und Matthias Sammer – beides ehemalige Autoritäten in der DFB-Elf.

Aufgrund der mangelnden Zeit bis zur WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko verzichtet Nagelsmann auf weitere Operationen am Herzstück des deutschen Spiels. In einer idealen Welt hätte der Bundestrainer für das große Turnier in Übersee ja gerne Angelo Stiller (VfB Stuttgart) und Aleksandar Pavlovic (FC Bayern) die Spielgestaltung anvertraut. Zwei ball- und passsichere Spieler, die kaum dazwischenhauen, sondern die Defensivarbeit in der Form verrichten, dass sie immer anspielbar sind und so gut wie nie den Ball verlieren.

Nun hat Pavlovic aufgrund von Verletzungen und Krankheiten bereits einiges an Zeit verloren, um so zu reifen, wie es sich Nagelsmann vorgestellt hat. Eine stabile Größe ist der 21-Jährige noch nicht. Stiller mit seinen 24 Jahren schon – zumindest in Stuttgart. Bei VfB-Coach Sebastian Hoeneß ist Stiller die zentrale Figur. Er koordiniert den Spielfluss. Das hat der Linksfuß auch schon in der Nationalelf getan. Dennoch ist er erst dabei, sich die internationale Güteklasse zu verdienen. Allerdings musste Stiller aufgrund einer Sprunggelenkverletzung nach dem Pokaltriumph mit dem VfB auf die Mini-EM verzichten. Jetzt hat es Stiller im Trainingslager am Außenband des anderen Fußes erwischt. Er fällt vorerst aus.

Ab sofort stellt sich also die Frage, wer im Mittelfeld der Nationalmannschaft zu Kimmich passt. Alternativen gibt es einige. Vielleicht kommt wieder Leon Goretzka zum Zug, der erst aus dem DFB-Kader aussortiert war und dann doch wieder zur Stammkraft avancierte. Wie vor Jahren geplant, als Kimmich und Goretzka beim FCB und DFB das Führungsduo der Zukunft auf der Doppelsechs bilden sollten. Oder was ist mit Pascal Groß (Borussia Dortmund) und Robert Andrich (Bayer Leverkusen)? Ein Alleskönner und ein Arbeiter, beide aber über 30 Jahre alt.

Die ersten WM-Qualifikationsspiele in der Slowakei (4. September) und gegen Nordirland (7. September) werden über die neue Mitte Aufschlüsse geben. Und auch darüber, wie die entstandene Leerstelle auf der rechten Abwehrseite besetzt wird. Nagelsmann blickt dabei auch auf den Nachwuchs aus Frankfurt oder Freiburg – Nathaniel Brown, Nnamdi Collins und Max Rosenfelder überzeugten zuletzt bei der U-21-EM. Darüber hinaus verfügt der Bundestrainer über die Fantasie, einen Offensivspieler umzuschulen. Denn an Ideen mangelt es ihm nie.