Fünf Stuttgarter gehören aktuell zur deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Das ist gut, doch nicht alle sind in Form. Wir liefern die Hintergründe dazu.
Angelo Stiller nimmt eine besondere Rolle ein. Er ist ja der einzige Neuling im Kader der deutschen Nationalmannschaft. Doch mit Anpassungsschwierigkeiten ist kaum zu rechnen. Das liegt zum einen an den fußballerischen Fähigkeiten des 23-Jährigen. Zum anderen aber auch an seinem Naturell. Stiller ist kein Spieler, der lange fremdelt. Das hat er beim VfB Stuttgart bewiesen, wo er sich auf Anhieb zu einer prägenden Figur auf dem Feld entwickelt hat. Weil er Selbstvertrauen mitbringt und aufgrund seiner Sozialisation beim FC Bayern auch die Selbstverständlichkeit des Siegens.
Beide Elemente soll Stiller nun in das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) einfließen lassen. Oder wie es Joshua Kimmich, der neue Kapitän der Nationalelf, anerkennend ausdrückt: „Er hat Eier auf dem Platz. Man sieht einfach, dass Angelo Lust auf Fußball hat.“ Als einsamer Streiter aus dem Schwabenland muss sich der gebürtige Münchner dabei nicht vorkommen. Stiller bewegt sich durchaus im vertrauten Kollegenkreis, da der Bundestrainer Julian Nagelsmann vier weitere VfB-Profis für die Länderspiele am Samstag (20.45 Uhr/ZDF) gegen Ungarn und am folgenden Dienstag in den Niederlanden (20.45 Uhr/RTL) nominiert hat. Damit stellen die Stuttgarter für die Nations-League-Partien mit den Dortmundern mit je fünf Nationalspielern den stärksten Block – mit einem Unterschied.
Der Unterschied zwischen VfB und BVB
Dem VfB ist es trotz großer Befürchtungen gelungen, drei seiner vier EM-Teilnehmer zu halten: Deniz Undav, Maximilian Mittelstädt und Chris Führich. Der Torhüter Alexander Nübel ist nach seiner Ausbootung unmittelbar vor der Europameisterschaft im vergangenen Juni in Herzogenaurach wieder zum DFB-Tross gestoßen. Der BVB hat sich dagegen drei Nationalspieler dazugekauft: den Ex-Stuttgarter Waldemar Anton, Pascal Groß (Brighton) und Maximilian Beier (Hoffenheim). Nico Schlotterbeck und Emre Can gehören schon länger zur Borussia.
„Wir sind in der DFB-Auswahl inzwischen schon mit einer spektakulären Anzahl an Spielern vertreten“, sagt der VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth über den VfB Deutschland, „ich würde lügen, würde ich sagen: Das macht mich nicht stolz.“ Und diese Nominierungswelle geht nicht zuletzt auf Wohlgemuths Personalpolitik und die Arbeit des Cheftrainers Sebastian Hoeneß zurück. Der Sportchef legt Wert auf das Verpflichten und Halten von deutschen Spielern mit Potenzial. Hoeneß hat eine Reihe von ihnen verbessert und somit geholfen, sie in die Nationalmannschaft zu katapultieren.
„Natürlich ist auch die Anzahl der Nominierungen ein Hinweis darauf, dass Stuttgart ein leistungsförderndes Umfeld anzubieten hat“, sagt Wohlgemuth. Bester Beweis: Zum Saisonstart in Freiburg (1:3) und danach gegen Mainz 05 standen in der Bundesliga jeweils neun deutsche Spieler in der Startelf. Nur Enzo Millot (Frankreich) sowie Ermedin Demirovic (Bosnien-Herzegowina, aber in Hamburg geboren) und Anrie Chase (Japan) wiesen andere Nationalitäten auf.
Trotz all dieser positiven Aspekte befindet sich die weiß-rote Gefühlslage nach wenigen Wochen in der neuen Spielzeit etwas im Ungefähren. Zu schön war die alte Saison mit der Vizemeisterschaft für den VfB, und zu schleppend ging es neu los. Auch, weil die Nationalspieler nach einem spektakulären Sommer Anlaufschwierigkeiten haben.
Undav ist körperlich noch nicht auf der Höhe, Führich spielt bislang schwach, und Mittelstädt bietet Mittelmaß. Unerwartet kommt das nicht, da ein großes Turnier erst einmal verarbeitet werden muss, physisch und mental. Ginge es also allein nach der aktuellen Form, hätte der Bundestrainer wohl andere Spieler bevorzugt.
Tappen die VfB-Spieler in die Falle?
Doch Nagelsmann hat sich dazu entschieden, zunächst dem Kern seiner EM-Gruppe zu vertrauen. Aufgrund der Rücktritte von Toni Kroos, Manuel Neuer, Ilkay Gündogan und Thomas Müller verändert sich schon genügend in der Hierarchie der Mannschaft. Nun soll sie sich festigen. „Der Bewertungszeitraum für die Nominierungen war kurz“, sagt der Bundestrainer, „Angelo Stiller und Alexander Nübel haben sich ihr Dabeisein verdient, weil sie schon in der Vorsaison sehr gute Leistungen gezeigt haben.“
Nübel profitiert also wie Stiller von seinen vergangenen VfB-Verdiensten, zudem kennt er die Torwartgruppe bereits. Der Mittelfeldspieler soll in Ruhe seinen Platz finden und nicht mit Erwartungen belastet werden. „Wir freuen uns riesig für die Jungs, die durch die Nominierung für die Nationalmannschaft noch einmal eine persönliche Anerkennung für ihre individuelle Leistungsentwicklung in den vergangenen Monaten erhalten“, sagt Wohlgemuth.
Doch die VfB-Profis müssen in den DFB-Reihen um ihre Positionen kämpfen. Zumal sich das innere System verändert. Zwar gibt es weiter Stammkräfte, Herausforderer und Joker plus den vorläufigen EM-Bonus, aber die Rollen sind nicht mehr klar verteilt wie während der Euro. Um den Konkurrenzkampf zu fördern. „Die Rollen sind etwas offener. Wir wollen mit Blick auf die WM 2026 aber einen Stamm an Spielern haben, die das Selbstverständnis entwickeln, Spiele zu gewinnen. Jeder hat die Chance auf Spielzeit, aber das Profil der Rolle muss erfüllt sein“, erklärt der Bundestrainer.
Lange Gesichter will Nagelsmann dabei nicht sehen. Selbst oder gerade wenn ein Nationalspieler nicht zum Einsatz kommt. Oder erst gar nicht dabei ist. Was schon im Oktober passieren kann, wenn der Bundestrainer frisches Personal testen möchte. Bis dahin wollen aber auch die VfB-Profis im DFB-Kreis wieder voll in Tritt sein und nicht in die Erfolgsfalle tappen. Diese berüchtigte Spirale, die sich nach oben dreht, wenn erst die Leistungen explodieren, dann die Gehälter mit der Aufmerksamkeit und Anerkennung steigen, danach die Belastungen durch Europapokal- und Länderspiele zunehmen und einen schließlich in den Alltag plumpsen lassen – die Bundesliga.