Klare Vorgaben: Bundestrainer Julian Nagelsmann (re.) mit Maximilian Mittelstädt Foto: imago//Nico Herbertz

Bundestrainer Julian Nagelsmann hat im Jahr 2024 eine Mannschaft geformt, die von klaren Vorgaben auf dem Platz und einem Wohlfühlklima untereinander lebt. VfB-Profi Maximilian Mittelstädt gibt Einblicke.

Maximilian Mittelstädt kann das Länderspieljahr der DFB-Elf gut einordnen. Vielleicht ist er sogar der Experte schlechthin dafür, weil er anno 2024 vom Senkrechtstarter rund um seine erste Berufung zur festen Größe im Kader von Bundestrainer Julian Nagelsmann geworden ist. Tief blicken lassen nun die Aussagen des Linksverteidigers des VfB Stuttgart vor den beiden letzten Länderspielen des Jahres an diesem Samstag in Freiburg (20.45 Uhr/RTL) gegen Bosnien und Herzegowina und drei Tage später in Budapest gegen Ungarn– da sie die interne, atmosphärische Entwicklung unter Nagelsmann spiegeln.

 

„Klar, den Konkurrenzkampf gibt es“, sagt Mittelstädt also: „Aber im Endeffekt wollen wir alle für Deutschland das Maximale rausholen.“ Der Zusammenhalt, so Mittelstädt weiter, zeige sich beim Kampf um seine Position. „Es gibt Spiele, für die David Raum besser geeignet ist, und Spiele, für die ich besser geeignet bin“, sagt der Abwehrmann, „trotzdem herrscht Harmonie zwischen uns wie im gesamten Team.“ Es folgt die Kernbotschaft des 27-Jährigen: „Die Harmonie war auch ein bisschen der Schlüssel dafür, dass wir zuletzt so erfolgreich waren – und ist es immer noch. Wir sind alle stolz, überhaupt dabei zu sein.“

Schnitt, Cut, Rückblick.

Vor einem Jahr, im November 2023, liegen die DFB-Elf und ihr Bundestrainer am Boden – sportlich und atmosphärisch. Erst gibt es das 2:3 gegen die Türkei und ein paar Tage später den Offenbarungseid von Wien. Ralf Rangnicks Österreicher demütigen Nagelsmanns Elf beim 0:2.

Man brauchte damals eine lebhafte Fantasie, um den dann folgenden Aufschwung zwischen den Novembern 2023 und 2024 für möglich zu halten. Was also ist in dem Jahr der DFB-Elf passiert, dass nun nicht nur VfB-Profi Mittelstädt, sondern auch viele andere Beteiligte von der tollen Entwicklung und der tollen Atmosphäre sprechen?

Nach den November-Niederlagen im vergangenen Jahr verfällt der Bundestrainer nicht in den Herbstblues. Er packt die Dinge an. Im Rückblick sagt er heute, dass er die Erkenntnisse von Berlin und Wien gebraucht habe, um die Entwicklung im EM-Jahr 2024 voranzutreiben.

Klar, die Rückhol-Aktion von Toni Kroos mit Blick auf das Heimturnier gilt als sein größter Coup. Vor allem aber hat der 37-Jährige im März dieses Jahres allgemein den großen Schnitt gemacht: Er hat sich auf Eckpfeiler festgelegt und sich dabei nicht gescheut, bedingungslos auf die Jungstars Jamal Musiala und Florian Wirtz zu setzen. Er hat Quereinsteiger wie die VfB-Profis Deniz Undav oder Mittelstädt berufen, langjährige Säulen wie Mats Hummels und Leon Goretzka aussortiert.

Und obwohl Nagelsmann betont, dass dies keine politischen Entscheidungen gewesen seien: Der Coach achtete nicht nur auf sportliche Qualitäten, sondern auch auf charakterliche. So hätten Goretzka und Hummels mit einer Ersatzrolle bei der EM zu kämpfen gehabt. Andere nominierte Profis wie der damalige VfB-Abwehrmann Waldemar Anton dagegen nicht.

Stolzer Bundestrainer

Diese Prinzipien setzt Nagelsmann nun weiter um. So falle, wenn die Spieler nominiert werden oder dann ankommen im Kreise der DFB-Elf, immer wieder das Wort „Freude“, sagt Nagelsmann nicht ohne Stolz. Jeder Profi also reist gern an, weil der Bundestrainer längst ein Wohlfühlklima geschaffen hat und die klaren sportlichen Vorgaben Halt geben. „Wenn man ein Jahr zurückdenkt“, berichtet der Bundestrainer nun vor dem Spiel gegen Bosnien, „glaube ich, dass unter Umständen einige vorher angerufen und gesagt hätten, ich habe ein bisschen Probleme, ich komme nicht, ich brauche meine Kraft für meinen Verein – und jetzt sind trotzdem alle da.“

Und alle, die da sind, wissen, was zu tun ist auf dem Platz. „Wir wollen es taktisch einfach halten“, sagt Nagelsmann stets. Seine Elf agiert im 4-2-3-1-System und ist in ihren Abläufen inzwischen so gefestigt, dass auch personelle Veränderungen keine großen Auswirkungen auf das Gesamtkonstrukt haben. Sogar die Absenz der nach der EM zurückgetretenen Größen Manuel Neuer, Thomas Müller, Toni Kroos und Ilkay Gündogan verkraftete die deutsche Elf in den folgenden Lehrgängen.

„Das liegt daran, dass wir ein funktionierendes System haben“, sagt Kapitän Joshua Kimmich dazu und betont: „Jeder weiß, was seine Aufgabe ist.“ Selbst Neulinge wie zuletzt Tim Kleindienst oder VfB-Profi Jamie Leweling finden sich so schnell zurecht. „Das“, so Kimmich weiter, „ist sicherlich ein Verdienst des Bundestrainers.“

Der wiederum will mit seinem System siegen, immer und überall. Nagelsmann beschreibt seinen Grundgedanken so: „Wir haben immer die Idee, zu gewinnen und attraktiven Fußball zu spielen, um Dinge nach außen zu senden – aber vor allem auch nach innen.“ Als Vorbild dienen dem Coach Weltmeister Argentinien und Europameister Spanien, die nach Erfolgsserien mit breiter Brust zu den Großereignissen reisten und dort zum Titel stürmten.

Starke Bilanz

Nagelsmanns Auswahl hat sich auf einen ähnlichen Weg begeben. So gab es in diesem Jahr bislang eine einzige Niederlage (gegen Spanien bei der EM). Einen besseren Punkteschnitt (2,31) hatte die DFB-Elf zuletzt im Jahr 2017 (2,47). Nun, beim Länderspielfinale 2024 gegen Bosnien und Ungarn, kann Nagelsmanns Team die Bilanz weiter aufbessern – und so den weiteren Weg vorgeben für 2025 und 2026: das Jahr der nächsten WM.