Verletzungen, Stagnation, Sondertraining – und dann der große Durchbruch. So wurde Chris Führich zur Stammkraft beim VfB Stuttgart. Und dann zum EM-Teilnehmer.
Von Kufstein in Österreich nach Nagold im Schwarzwald ist es zwar keine Weltreise, aber eben doch ein gutes Stückchen. Ein langer Weg also – der stellvertretend steht für Chris Führich und seine Entwicklung in den vergangenen drei Jahren. Die nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.
Bis dahin wurden die Nominierten des deutschen Kaders für die Heim-EM ja schon auf recht ungewöhnliche Weise und einer nach dem anderen präsentiert. Mal in der Tagesschau (Nico Schlotterbeck), mal von einem Internet-Star (Jonathan Tah), mal von einer Dachdeckerin (Manuel Neuer). Am Dienstag war es dann eine Bäckerei in Nagold, die auf ihrer Brötchentüte die frohe Botschaft für den Außenbahnspieler des VfB Stuttgart verkündete.
Die Botschaft war so klar wie simpel: Chris Führich ist dabei. Spielt die EM. Kickt für Deutschland. Wovon er im Sommer 2021 noch ganz, ganz weit entfernt war.
Die Perle Tirols, also Kufstein, war für den damaligen Neuzugang des VfB keine Reise wert. Als Neuzugang vom Zweitligisten SC Paderborn war Führich ins Trainingslager des VfB nach Kitzbühel nachgereist. „Chris ist auf fast allen Offensivpositionen einsetzbar und bringt auch die Mentalität mit, die uns bei unseren Spielern wichtig ist“, lobte der damalige Stuttgarter Sportdirektor Sven Mislintat. Doch schon wenig später war der Neue überhaupt nicht mehr einsatzfähig.
In Kufstein spielte der VfB ein Testspiel gegen Arminia Bielefeld. Führich gab sein Debüt – fiel nach einem Zweikampf aber so unglücklich auf die Schulter, dass recht schnell klar war, dass er dem VfB erst einmal einige Wochen lang fehlen würde. „Total bitter“, grummelte Mislintat.
Schwieriger Start in Stuttgart
Es dauerte, bis Führich zurück war, später hatte er noch einmal länger mit einer Sprunggelenkverletzung zu kämpfen, infizierte sich danach mit dem Corona-Virus. Ein perfekter Start sieht sicher anders aus, dennoch kam der Dribbler in seiner ersten VfB-Saison noch auf 25 Bundesligaeinsätze. Doch sein Club war im Dauer-Krisenmodus – und mit den drei Saisontoren und zwei Assists konnte auch Führich daran nicht viel ändern.
Ganz knapp nur schaffte der VfB den Klassenverbleib, im Jahr darauf brauchte es die Relegation – und es war klar: Auf Dauer kann das so nicht weitergehen. Chris Führich zog aus der Malaise seine eigenen Schlüsse.
In Sonderschichten bereits vor der Saisonvorbereitung arbeitete er daran, seine bereits vorhandenen Stärken auszubauen – und damit endlich effektiver zu werden. Denn viele verheißungsvolle Aktionen waren bis dato ohne nennenswertes Ergebnis geblieben. Viel zu oft blieb er im Dribbling hängen oder traf am Ende die falsche Entscheidung. Doch das änderte sich nun.
Gleich im ersten Saisonspiel gegen den VfL Bochum lieferte Chris Führich beim 5:0 zwei Torvorlagen. Im dritten Spiel gegen den SC Freiburg (wieder 5:0) traf er selbst doppelt. Weitere sechs Treffer und fünf Assists sind seitdem dazugekommen. Bereits im Herbst wurde der 26-Jährige vom neuen Bundestrainer für seinen persönlichen Aufschwung belohnt. Chris Führich reiste mit dem Nationalteam in die USA.
„Ich habe viele Lehren aus den vergangenen Jahren gezogen und viel mitgenommen“, sagte er damals, „wenn man an seinem Ziel ankommt, ist man glücklich – egal, ob früher oder später.“ Im Spiel gegen die USA wurde er beim 3:1 eingewechselt und feierte sein Debüt für die DFB-Elf. „Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, diesen Schritt geschafft zu haben, sehr schwer zu beschreiben“, sagte er, „dieser Moment war ein ganz besonderer.“
Der Marktwert hat sich verzehnfacht
Die nächsten Länderspiele verpasste er im November 2023 dann zwar krank, im März stand Führich dann aber wieder im Kader – und hatte plötzlich Gesellschaft aus dem VfB-Team (Waldemar Anton, Maximilian Mittelstädt, Deniz Undav). Gegen Frankreich und die Niederlande war der gläubige Flügelspieler jeweils einer der ersten Einwechselspieler. „Das ist sicherlich ein positives Zeichen und unterstreicht die Rolle, die er in der Nationalmannschaft mittlerweile hat“, sagte der VfB-Coach Sebastian Hoeneß.
Seinen Vertrag beim VfB Stuttgart hatte Führich da schon bis 2028 verlängert, allerdings heizt eine Ausstiegsklausel seit kurzem die Spekulationen an. Ein Wechsel zum BVB wurde mal ins Gespräch gebracht, dort spielte der Blondschopf einst in der zweiten Mannschaft. Auch der FC Bayern soll interessiert sein. Immerhin müsste ein neuer Club tief in die Tasche greifen.
Für rund 2,5 Millionen Euro war Chris Führich einst nach Stuttgart gekommen. Nun hat er seinen Marktwert (laut transfermarkt.de) verzehnfacht. Und die Nominierung für die EM macht ihn sicher auch nicht billiger.