Gespenstische Szenerie im idyllischen Schwarzwald: In Haslach im Kinzigtal wurden Häftlinge des Konzentrationslagers in einen Stollen gesperrt. Sie mussten dort auch übernachten. Foto: Uli Fricker

Eine Wanderausstellung in Konstanz zeigt, wie viele Konzentrationslager es auch im Südwesten gab und wie nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versucht wurde, den Terror des Nationalsozialismus zu vertuschen.

Christian Bollacher hat sich eigentlich auf prähistorische Archäologie spezialisiert. Seine Doktorarbeit schrieb der Archäologe über keltische Viereckschanzen, die im zweiten Jahrhundert vor dem Jahr Null errichtet wurden. Der Unterschied zu seiner aktuellen Tätigkeit am Landesamt für Denkmalpflege könnte kaum größer sein: Bollacher und sein Team dokumentieren die materiellen Spuren, die von Konzentrationslagern im Land hinterlassen wurden.

 

Grabungen haben Erstaunliches zutage gefördert: unscheinbare und kleine Gegenstände, die viel über den harten Alltag in den Zwangslagern berichten. Deshalb ist die Ausstellung „Das KZ vor der Haustür“ schlank ausgefallen. Sie passt in ein mittelgroßes Wohnzimmer. Die Dinge, die auf dem Areal der KZ gefunden wurden, wirken unscheinbar, zeugen aber vom Terror des Alltags im Lager – vom verrosteten Löffel bis zu den Zahnpastatuben, die bis auf das letzte Gramm ausgedrückt wurden. „Wir haben das Projekt gestartet, um alle archäologischen Relikte aufzuarbeiten“, erläutert Claus Wolf, Präsident des Denkmalamts.

Archäologie des Grauens: KZ-Häftlinge drückten diese Tuben bis auf das letzte Gramm aus. Diese Fundstücke der 50 KZ-Außenstellen wurden vom Landesdenkmalamt dokumentiert. Foto: Uli Fricker

50 dieser Terrorlager aus der Zeit des Nationalsozialismus befanden sich auf dem Gebiet des heutigen Baden-Württemberg. Es gibt kaum einen Landkreis ohne KZ. Sie dienten als Außenstellen des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass. Funde im Boden der Außenstellen werden in der aktuellen Wanderausstellung dokumentiert (andere Lager unterstanden dem KZ Dachau). Die meisten Baracken wurden nach dem Zeiten Weltkrieg abgerissen und die zerbeulten Gegenstände vergraben. Das Interesse nach diesem Teil der Geschichte war nach 1945 gering. Die Schande vor der Haustür wurde untergepflügt, da sie zwangsläufig die Frage nach Mitwisserschaft aufwarf.

Einige Baulichkeiten haben den Abriss dennoch überstanden. In Haslach im Ortenaukreis war das Arbeitslager in einem ehemaligen Bergwerk „Vulkan“ untergebracht. Die Häftlinge wurden dort gezwungen, Schotter zu brechen, der für den Bau von Straßen oder Eisenbahnschwellen genutzt werden konnte. Die Zustände waren unmenschlich: Die Häftlinge wurden nachts in den kalten Stollen eingesperrt, sie mussten dort leben und schlafen. „Wir sind die ersten, die das dokumentieren“, erläutert der Archäologe Christian Bollacher.

Konzentrationslager auf der Schwäbischen Alb

Auch bei Offenburg war in der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs ein KZ errichtet worden. „Diese späten Lager wurden in großer Hektik aus dem Boden gestampft“, sagt Bollacher. Die Häftlinge dort waren vor allem Zwangsarbeiter. Sie sollten die Bahngleise reparieren, die durch die Luftangriffe der Alliierten zerstört worden waren. 41 Häftlinge wurden am 12. April 1945, als sich die Niederlage des Deutschen Reiches abzeichnete, in einem Keller ermordet.

Auffällig ist ein Schwerpunkt auf der Schwäbischen Alb: Acht KZ reihen sich in kurzen Abständen aneinander. Zwischen Bisingen und Schömberg (Zollernalbkreis) waren die Häftlinge eingesetzt, um Ölschiefer zu fördern und diesen zu Treibstoff zu verarbeiten. Gewaltige Anlagen wurden dafür errichtet; die Ausbeute des „Unternehmens Wüste“, wie es damals genannt wurde, war bescheiden. Am Ende wurde mehr Energie hineingesteckt als gewonnen.

Einige Betongehäuse stehen bis heute im dichten Eckerwald bei Schörzingen. Das Grün überwuchert die Gehäuse immer mehr. Die Sprengung der Betonwände wäre zu aufwendig gewesen. Dort befindet sich bis heute eine der eindrucksvollsten Erinnerungsstätten an den Terror in den KZ.

Die Ausstellung „Das KZ vor der Haustür“ ist bis zum 13. April im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg ALM (Benediktinerplatz 5) in Konstanz zu sehen, geöffnet von 10 bis 17 Uhr außer Montag.

Info

Natzweiler
Der KZ-Komplex Natzweiler steht für ein deutsches Verbrechen von europäischer Reichweite. Mehr als 52 000 Personen aus über 30 europäischen Nationen wurden in eines oder mehrere der Natzweiler-Lager deportiert. Schätzungsweise mehr als 20 000 Häftlinge kamen ums Leben. Im Jahr 2018 wurde dem ehemaligen Konzentrationslager Natzweiler-Struthof und seinen etwa 50 Außenlagern in Frankreich und Deutschland von der EU-Kommission das Europäische Kulturerbe-Siegel verliehen.