Auch in Trifflingen gibt es einen August-Lämmle-Weg. Foto: Kost

Heimatdicher und seine Texte erscheinen heute in anderem Licht. Einige nach ihm benannte Schulen erhalten neue Namen.

August Lämmle - wenn man heutige Generationen fragt, wer hinter diesem Namen steckt, dürfte man vermutlich nicht mehr als ein freundliches Schulterzucken ernten. Dabei sorgt der vor fast 60 Jahren verstorbene schwäbische Heimatdichter derzeit für Aufsehen.

Haigerloch-Trillfingen - Dass August Lämmle ein bislang geachteter Zeitgenosse war, zeigt die Tatsache, dass er der Namensgeber von Schulen und mindestens 35 Straßen in Baden-Württemberg ist, so auch in Trillfingen und Bodelshausen.

Aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit dreht sich jedoch der Wind gegen ihn. Sowohl in Leonberg und vor wenigen Tagen auch in Kusterdingen haben die Gemeinderäte entschieden, den dortigen August-Lämmle-Schulen neue Namen zu geben.

Leonberg hat August Lämmle zudem aus der Liste der Ehrenbürger gestrichen. Dort hatte August Lämmle ab 1944 gelebt, in Kusterdingen war er für ganz kurze Zeit Volksschullehrer.

Was aber sind die Gründe für diese Entscheidungen? Den Stein ins Rollen brachte eine neue wissenschaftliche Abhandlung zu August Lämmle, die insbesondere seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus frisch beleuchtet. Dieses Gutachten ist im Auftrag des Amts für Kultur und Sport der Stadt Leonberg im Oktober von Peter Poguntke aus Neufahrn bei München erstellt worden.

Akribisch hat sich der Historiker in seinem 24-seitigen Papier für den Leonberger Gemeinderat der Person August Lämmle genähert. Ja, sein Werk als schwäbischer Mundartdichter, Autor, Heimatforscher und Volkskundler verdiene hohe Anerkennung, so Poguntke. Aber er war eben ab 1933 auch Mitglied der NSDAP. Vermutlich mit dem Hintergedanken an eine berufliche Karriere war er in die Partei eingetreten. Was für Poguntke schwerer wiegt: Lämmle hat sich in einigen Texten als geradezu glühender Verehrer der NS-Ideologie "geoutet". Dies habe er getan, ohne dass es dafür eine Notwendigkeit gegeben hätte, stellt Poguntke fest. Er attestiert Lämmle "beispiellosen Opportunismus" und "blinde Führer-Verehrung".

Eine abschließende Beurteilung Lämmles, das räumt der Historiker ebenso ein, sei trotzdem nicht einfach. In der Tat bleibt das Verhältnis zwischen Lämmle und den Nationalsozialisten seltsam ambivalent, wenn man Poguntkes Studie aufmerksam liest.

Für ein Parteiamt in der NSDAP kam August Lämmle aufgrund seiner Vergangenheit als Mitglied einer Stuttgarter Freimaurer-Loge nicht in Frage. Schon 1935 hat ihm deshalb das NSDAP-Gaugericht Württemberg-Hohenzollern "die Fähigkeit zur Bekleidung eines Parteiamtes" auf Lebzeiten aberkannt.

Auch der Zugang zu höheren akademischen Ämtern blieb dem gebürtigen Oßweiler verwehrt. So wurde ihm Gustav Bebermeyer als Ordinarius des im Juli 1933 geschaffenen Lehrstuhls für Volkskunde an der Universität Tübingen vorgezogen. Bebermeyer war Gaureferent der NSDAP für Volkskunde und Volkskultur.

Mit den Straßennamen wird unterschiedlich umgegangen

Den Nationalsozialisten blieb wohl auch das wertkonservative und schwäbisch-heimatlich geprägte Verständnis Lämmles von Volkskunde eher fremd. Gleichwohl machten sie sich sein hohes Ansehen zu Nutze und ernannten ihn auf Initiative von Gauleiter Friedrich Murr ein Jahr nach seiner Pensionierung (1938) zum Vorsitzenden des "Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern", dem heutigen Schwäbischen Heimatbund.

Am 21. Juni 1947 wurde August Lämmle als "Mitläufer" entnazifiziert und musste einen "Sühnebeitrag" von 2000 Reichsmark zahlen. Auf seinem Leben bleiben also so oder so Schatten. Welche Konsequenzen zieht man daraus? Zumindest die Frage, ob Lämmle als Namensgeber für eine Schule geeignet ist, beantwortet Poguntke klar mit Nein. Von Namensgebern öffentlicher Einrichtungen müsse in besonderer Weise Vorbildcharakter erwartet werden.

Wie aber mit den Straßen umgehen, die Lämmles Namen tragen? In Kusterdingen hat der Gemeinderat eine Umbenennung der August-Lämmle-Straße beschlossen, obwohl sich deren Anwohner dagegen ausgesprochen und Unterschriften gesammelt hatten. In Leonberg ist man zurückhaltender. Man will am Straßennamen festhalten und ein zusätzliches Erläuterungsschild anbringen, welches "die Verstrickungen des Heimatdichters in den Nationalsozialismus erklärt".

Ähnlich wird es wohl im Leonberger Ortsteil Warmbronn laufen, wo es ebenfalls eine Lämmlestraße gibt. Im Januar will sich der Ortschaftsrat mit dem Thema befassen. Ortschaftsrätin Christiane Hug-von Lieven (SPD) hält im Gespräch mit unserer Zeitung eine Erklärungstafel für die pragmatischste Lösung, zumal an der Lämmlestraße nur zwei Häuser stünden und man an mögliche Kosten für die Anwohner denken müsse.

Der Einwand ist berechtigt, denn bei der Änderung eines Straßennamens müssten die Anrainer Kontaktdaten (Versicherungen, Stromversorger, Banken) und nicht zuletzt ihre Personalausweise ändern. Auch Historiker Peter Poguntke sieht die Beibehaltung von Straßennamen als relativ unproblematisch.

Seit der Erschließung des Baugebietes "Letten" Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre gibt es in Trillfingen den August-Lämmle-Weg. Er befindet sich in bester Gesellschaft mit der Uhlandstraße, der Schillerstraße und der Hölderlinstraße.

Zur Person: August Lämmle

August Lämmle wurde am 3. Dezember 1876 in Oßweil bei Ludwigsburg geboren. Er war ein schwäbischer Mundartdichter, Volkskundler und Politologe. Nach einer Ausbildung zum Volksschullehrer war er an verschiedenen Orten tätig. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er die Cannstatter Volkshochschule und veröffentlichte schwäbische Redensarten, Sagen, Sprichwörter und Volkslieder. 1923 wurde Lämmle Kurator der Abteilung Volkstum am Landesdenkmalamt. 1938 reichte Lämmle seine Pensionierung ein und ein Jahr später wurde er Vorsitzender des Bundes für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern. Dessen Vorsitz musste er 1946 aufgeben. August Lämmle erhielt 1951 aufgrund seiner literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten vom damaligen Land Württemberg-Baden den Titel "Professor" und wurde im selben Jahr Ehrenbürger Leonbergs. Er verstarb am 8. Februar 1962 im Paul-Lechler-Krankenhaus in Tübingen. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Bad Cannstatt.

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