Die Nationalsozialisten haben psychisch kranke und körperlich behinderte Menschen stigmatisiert, zwangssterilisiert und ermordet.
Sie gelten den Nationalsozialisten als „unwertes Leben“ – die sogenannten Erbkranken. Aus Nazi-Sicht belasten sie die Volksgemeinschaft finanziell und stellen zugleich eine Gefahr für die „Rassenhygiene“ dar, sollten sich diese „Minderwertigen vermehren“. Psychisch kranke und körperlich behinderte Menschen werden stigmatisiert, häufig zwangssterilisiert und ab Ende 1939 systematisch ermordet. Die Schicksale von 21 Zellern, die gegen ihren Willen zwangssterilisiert werden, sind zwischenzeitlich dokumentiert. Mindestens zwölf Zeller fallen dem „Euthanasieprogramm“ des NS-Regimes zum Opfer und werden in der eigens errichteten Tötungsanstalt Grafeneck vergast.
Bereits 1933 verabschieden die Nationalsozialisten das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Es markiert den Beginn einer Entwicklung, die in den zwangsweisen „Gnadentod“ für psychisch Kranke und körperlich Beeinträchtigte mündet. Im Rahmen der geheimen „Aktion T4“ werden allein im Jahr 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck 10 654 Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten ermordet – darunter auch die bislang bekannten Opfer aus Zell. Wie viele Menschen aus Zell und den heutigen Ortsteilen, die offiziell als „Volksschädlinge“ bezeichnet wurden, tatsächlich getötet wurden, ist ungewiss. Die Behörden verschleiern ihr Vorgehen, und eine gründliche Aufarbeitung nach dem Ende des Nationalsozialismus hat nie wirklich stattgefunden.
Das Schicksal der Zellerin Rosa Fröhle
Rosina Rümmele wird 1879 als Tochter des Mambacher Schmieds Leopold Rümmele geboren. Schon als Kind wird sie nur Rosa genannt. Im Jahr 1900 heiratet sie den aus Wehr stammenden Küfer Kolumban Fröhle, der in Zell in der Küferei von Eugen Leisinger in der heutigen Bahnhofstraße arbeitet. Das Ehepaar zieht nach Zell. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor: die Tochter Martha (geboren 1911) und der Sohn Hermann (geboren 1913). Kolumban Fröhle wird 1914 zum Kriegsdienst eingezogen und fällt 1915 in Saint-Souplet in Nordfrankreich. Spätestens ab 1915 lebt Rosa Fröhle mit ihren beiden Kindern im Haus der Familie Siegfried Faller in der Schopfheimer Straße. Sie arbeitet dort als Haushälterin; die Familie Faller betreibt ein kleines Unternehmen für Schmierstoffe und Wachse.
Den Tod ihres Mannes scheint Rosa Fröhle nicht überwunden zu haben. Sie leitet unter seelischen Beschwerden. Ihre nächtlichen Gänge zur Kalvarienbergkapelle werden damals als „Nachtwandelei und Verwirrung“ gedeutet. 1927 wird sie in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen eingewiesen und verbringt mehrere Monate in der „geschlossenen Abteilung“, kehrt jedoch anschließend in ihre Wohnung in Zell zurück. Da sich ihr psychischer Zustand nicht bessert, erfolgt 1930 eine erneute Einweisung nach Emmendingen, wo sie bis zum 23. September 1940 verbleibt.
An diesem Tag treffen die gefürchteten grauen Busse der Tötungsanstalt Grafeneck in Emmendingen ein, um „Erbkranke“ abzutransportieren. Es ist der letzte Tag im Leben von Rosa Fröhle. Der Transport führt direkt nach Grafeneck. Unmittelbar nach der Ankunft wird Rosa Fröhle zusammen mit anderen Patienten in der Gaskammer getötet. Ihren Leichnam bringt man in die angrenzende Remise, die als provisorisches Krematorium dient, und dort in einem der drei mobilen Öfen verbrannt. Der letzte Eintrag in ihrer Krankenakte vom 23. September 1940 lautet nüchtern: „Verlegung aus planwirtschaftlichen Gründen“.
Rosa Fröhle ist eine von insgesamt 1 127 Patientinnen aus Emmendingen, die im Rahmen der „Aktion T4“ als „unwertes Leben“ ermordet werden. Um die Tat zu verschleiern, erhält das Standesamt Zell fünf Wochen später eine offizielle Mitteilung vom Standesamt Hartheim in Österreich: Rosa Fröhle sei am 10. Oktober 1940 in Hartheim (Oberdonau) verstorben. Eine bewusst falsche behördliche Beurkundung. Es sollte 85 Jahre dauern, bis dies zweifelsfrei bewiesen werden konnte.
Hilfsbereitschaft anderer rettet Erwin Plagowski
Erwin Plagowski wird 1924 in Zell geboren. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sein Vater Karl im Gefängnis ein. Er wurde im September 1923 durch seine Teilnahme an den Lörracher Arbeiterunruhen wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu 18 Monaten Haft verurteilt. Sein Sohn Erwin ist von Geburt an gehörlos und hat deshalb lebenslang Schwierigkeiten, sich sprachlich auszudrücken. Bereits mit sechs Jahren wird er in die „St. Josephsanstalt für Schwachsinnige und Epileptische“ in Herten eingewiesen.
Im Jahr 1940 erfahren seine Eltern auf geheimem Wege, dass Patienten der Hertener Anstalt abgeholt und getötet werden sollen. Man empfiehlt ihnen, ihren Sohn möglichst sofort von Herten nach Zell zu holen, um ihn vor diesem Schicksal zu bewahren. So brechen Erwins Eltern, gemeinsam mit der jüngeren Schwester Gertrud, nachts mit Fahrrädern nach Herten auf. Als sie in der Morgendämmerung den Hintereingang der Anstalt erreichen, treffen am Haupteingang gerade zwei graue Busse ein, um Patienten zur Tötungsanstalt Grafeneck zu bringen. In letzter Minute gelingt es der Familie, Erwin unbemerkt mitzunehmen und nach Zell zurückzukehren.
Dort erfährt die Familie weitere Unterstützung. Der Drechslermeister Carl Rümmele stellt den inzwischen 16-jährigen Erwin als Hilfsarbeiter in seiner Schreinerei ein. Bei allen Überprüfungen durch die Geheime Staatspolizei bleibt unerkannt, dass Erwin Plagowski als „erbkrank“ und somit als „unwertes Leben“ gilt. Wie es Carl Rümmele gelingt, dies zu verschleiern, bleibt unklar – doch er kann wohl stets glaubhaft versichern, dass Erwin ein unverzichtbarer Mitarbeiter sei. Dies bewahrt Erwin vor dem sicheren Tod. Nach dem Krieg absolviert Erwin Plagowski eine Schreinerlehre im selben Betrieb. 1962 heiratet er Maria und lebt mit ihr – wie zuvor schon seine Eltern – im Zeller Stadtteil Liebeck. Das Ehepaar bekommt einen Sohn. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1984 arbeitet Erwin Plagowski in der Schreinerei Rümmele. Er stirbt im Jahr 2009 im Alter von 85 Jahren. Insgesamt 345 ehemalige Patienten der St. Josephsanstalt Herten hatten weniger Glück und wurden in der Gaskammer von Grafeneck ermordet.