Johannes Trumpp sprach im Nagolder Zellerstift über Wilhelm Gümbel. Foto: Monika Trumpp

Der 24-jährige Student hat im Nagolder Zellerstift über Pfarrer Wilhelm Gümbel gesprochen, der sich den Nationalsozialisten widersetzte.

Johannes Trumpp, der in Tübingen Lehramt für Sport und evangelische Theologie studiert, ist unter den Autoren des Bandes „Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus“ mit Abstand der Jüngste. Er sprach über Pfarrer Wilhelm Gümbel. Es gehe ihm um Erinnerung und Verantwortung, heißt es in der Pressemitteilung. Erinnern heiße, das Wissen um das Unrecht der NS-Zeit und des Holocaust wachzuhalten und konsequent auf die Gegenwart zu beziehen. Verantwortung bedeute, eine klare Haltung gegen autoritäre und antidemokratische Entwicklungen einzunehmen.

 

Wilhelm Gümbel – ein Pfarrer, der aneckt

Wilhelm Gümbel, der nach verschiedenen Pfarrstellen seit 1927 Stadtpfarrer in Schorndorf war, warnte schon 1931, dass die Hitlerbewegung „nichts mit christlichen Gedanken“ zu tun habe. „Wo eine politische Bewegung sich eine weltanschauliche Basis schafft, läuft sie immer in Gefahr, sich als die einzig notwendige Konsequenz dieser Weltanschauung zu betrachten; der Kurzschluss zwischen Evangelium und Nationalsozialismus muss dann notwendig zu einer religiösen Rechtfertigung führen.“

Ab 1933 widersetzte Gümbel sich, so der Vortrag, den sogenannten Deutschen Christen, die eine Gleichschaltung der evangelischen Kirche im Sinne des Nationalsozialismus anstrebten. Seine Versetzung und Ernennung zum Dekan von Nagold 1935 brachte keine Beruhigung. Ein Jahr später wurde ein Verfahren gegen Kanzelmissbrauch eingeleitet. In einer Predigt hatte er gesagt, dass im Jenseits der Chinese neben dem Deutschen sitzen werde, da es dort keine Rasse mehr gebe.

Zum entscheidenden Moment kam es demnach am 5. Mai 1940 in der Nagolder Stadtkirche. Während einer Predigt des „Wehrmachtspfarrers“ Wilhelm Ziegler, in der Adolf Hitler verherrlicht und mit biblischen Motiven verglichen wurde, stand Gümbel demonstrativ auf, verließ die Nagolder Stadtkirche und protestierte damit sichtbar gegen die Verehrung des „Führers“ in einem evangelischen Gottesdienst. Dieser öffentliche Widerspruch löste ein „kleines Erdbeben“ aus.

NSDAP-Ortsgruppenleiter Karl Raisch denunzierte demnach Gümbel als untragbar. Gleichzeitig wurde Gümbel von seinem eigenen Kirchengemeinderat verteidigt. Dennoch musste er noch im Juni 1940 Nagold verlassen, wurde zum Stadtpfarrer degradiert und nach Zuffenhausen versetzt. Wochenlang befragte ihn die Gestapo. Am Ende wurde er wegen „Störung des Gottesdienstes“ zu einer Geldstrafe verurteilt – ein mildes Urteil, weil Ziegler selbst seine Aktion als religiös und nicht politisch einordnete. Dass Gümbel den Mut hatte aufzustehen, hing direkt mit seinen Glaubensüberzeugungen zusammen, hieß es in dem Vortrag. In Veröffentlichungen wie im „Evangelischen Kirchenblatt“ machte er deutlich: Die Kirche dürfe nie zur politischen Rechtfertigung missbraucht werden.

Theologie als Fundament des Widerstands

Besonders scharf wandte er sich gegen den Vorsehungs- und Sendungsglauben der Nationalsozialisten, also die Ansicht, dass Hitler „von Gott gesandt“ sei. Gümbel sprach von einem Wächteramt, das ihn verpflichte, falsche Predigten in seiner Kirche nicht hinzunehmen.

Trumpp stellte in seinem Vortrag klar, dass Gümbels Geschichte nicht nur Erinnerung, sondern Auftrag für die Gegenwart sei. Er hob hervor, dass politischer Extremismus nie nur Kopfsache bliebe. Radikale Gedanken führten zu Gewalt und Verleumdung. Dualistisches Denken zerstöre Gesprächsräume.

Wer nur in Schwarz-Weiß-Kategorien denke, mache Andersdenkende zu Feinden und versperre sich einem respektvollen Miteinander. Schließlich erinnere Gümbels Handeln daran, dass jeder die Wahl hat: schweigend sitzen zu bleiben – oder aufzustehen, wenn Unrecht geschieht.

Weiterer Vortrag

Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus:
Buchvorstellung und Lesung von Gabriel Stängle am 16. November um 17 Uhr in der Ehemaligen Synagoge Horb-Rexingen, Freudenstädter Straße 16.