Der Goldblättrige Nabeling. Foto: Popa

Das Gebiet Wilder See ist ein Tummelplatz für seltene Pilze im Nationalpark. In einem mehrjährigen Projekt wurden 723 Arten ermittelt. Dazu gibt es jetzt auch einen Forschungsband.

Baiersbronn - Citizen Science heißt übersetzt etwa Bürger-Forschung. Mit Citizen-Science-Projekten werden Interessierte angesprochen, die ihre Begeisterung für ihr Hobby in den Dienst des wissenschaftlichen Datensammelns stellen. So wie die Pilzkundigen, die mehrere Jahre lang das ehemalige Bannwaldgebiet Wilder See im Nationalpark Schwarzwald genau unter die Lupe nahmen.

Akribische Arbeit

Unter der Leitung des Naturkundemuseums Karlsruhe und des Nationalparks Schwarzwald entdeckten sie insgesamt 723 Pilzarten, heißt es in einer Pressemitteilung des Nationalparks. Darunter seien Pilzarten, die deutschlandweit bislang nur aus diesem Gebiet bekannt sind.

Aus dem Projekt entstand der erste Forschungsband des Nationalparks Schwarzwald. "Wir freuen uns sehr über das umfangreiche Ergebnis des Projekts", wird Flavius Popa, der als Mykologe im Nationalpark arbeitet und das Projekt gemeinsam mit Markus Scholler vom Naturkundemuseum Karlsruhe leitete, in der Mitteilung zitiert. "Unglaublich, wie viel akribische Arbeit die vielen Helferinnen und Helfer geleistet haben, um zu ermitteln, wie viel Pilzleben in diesem, an natürlichen Strukturen reichen Waldgebiet steckt."

An dem Citizen-Science-Projekt beteiligten sich zahlreiche professionelle und nicht-professionelle Mykologen aus mehreren Bundesländern und Frankreich. Die Vielzahl von Spezialisten ermöglichte die Erforschung von wenig bekannten Pilzgruppen wie den Schleimpilzen, aquatischen Pilzen, Rostpilzen oder den flechtenbewohnenden Pilzen.

Eindrucksvolle Ergebnisse

Die Ergebnisse können sich laut der Pressemitteilung sehen lassen: Die auf dem knapp 149 Hektar großen Waldareal nachgewiesenen 723 Pilzarten entsprechen ungefähr der zehnfachen Zahl der im Gebiet vorkommenden Pflanzenarten. "Besonders erwähnenswert ist auch, dass im Gebiet eine Vielzahl von Arten gefunden wurde, die aus Deutschland oder Baden-Württemberg noch nicht bekannt waren; sogar zwei für die Wissenschaft neue Risspilze konnten beschrieben werden", erzählt Mykologe Markus Scholler.

Bereits 2019 gab es im Regierungspräsidium Karlsruhe eine Ausstellung, die über das Pilzarten-Projekt informierte. Nun veröffentlichen Scholler und Popa ihre Forschungsergebnisse auch in einem fast 500 Seiten fassenden, illustrierten ersten Band der neuen Schriftenreihe "Forschung im Nationalpark Schwarzwald" – in einer auch für Laien verständlichen Sprache.

Funde konserviert

"Wichtig war uns neben der Kartierung des Gebiets die Konservierung aller Funde im Herbarium des Naturkundemuseums für die weitere wissenschaftliche Arbeit", sagt Scholler. Diese stehen so der wissenschaftlichen Öffentlichkeit für weitere Untersuchungen zur Verfügung.

Neben der Erfassung der Arten wies das Forschungsteam auch die enorme Bedeutung der Weißtanne als Symbiosepartner und als Substrat für seltene Pilzarten nach. Der Schwarzwald besitze das größte Weißtannenareal in Deutschland und dennoch sei der Baum im Schwarzwald, so auch am Wilden See, durch die Forstwirtschaft der vergangenen 200 Jahre von der Fichte stark zurückgedrängt worden, heißt es in der Mitteilung weiter. Bleibe zu hoffen, dass man der Tanne wieder eine Chance gebe, so Popa. Nicht nur aus mykologischer Sicht. Untersuchungen speziell in Schutzgebieten könnten durchaus auch von praktischem und ökonomischem Nutzen sein, ergänzt Flavius Popa. Kollegen der Universität Gießen sei es gelungen, aus einer Reinkultur des sehr seltenen Duftenden Schichtpilzes den Stoff zu isolieren und chemisch zu charakterisieren, der den Wohlgeruch bewirke. Der vielleicht bekannteste Pilz vom Wilden See, die seltene Zitronengelbe Tramete, wird mittlerweile von Forschungseinrichtungen in Deutschland und Österreich untersucht.

Das Projekt

Das Naturkundemuseum Karlsruhe ist schon lange ein wichtiger Partner in der Erforschung der biologischen Vielfalt des 2014 gegründeten Nationalparks: Seit 2013 kooperieren Fachleute für Pilze, Pflanzen und Spinnen des Naturkundemuseums mit den Forschern des Nationalparks. Die Kooperation ergab sich aus der Patenschaft der Stadt Karlsruhe mit dem Schutzgebiet. Das Pilzprojekt wurde finanziell unterstützt von der Nationalparkverwaltung, dem Naturkundemuseum Karlsruhe, dem Regierungspräsidium Karlsruhe und der Landesbank Baden-Württemberg.

Der Forschungsband mit dem Titel "Die Pilze des ehemaligen Bannwalds Wilder See im Nationalpark Schwarzwald unter besonderer Berücksichtigung der mit Abies alba (Weißtanne) vergesellschafteten Arten" ist käuflich in Buchform erhältlich – bestellbar direkt bei Flavius Popa (flavius.popa@nlp.bwl.de). Eine kostenfreie Ansichts-PDF des Fachbands zum Herunterladen steht demnächst auf der Internetseite des Nationalparks zur Verfügung.