Mittendrin statt nur dabei: der Stuttgarter Nick Woltemade blickt sich beim Training der Nationalmannschaft mit Leroy Sané (rechts) und Felix Nmecha um. Foto: Federico Gambarini/dpa

Dem Bundestrainer Julian Nagelsmann fehlen in der Nations League eine Reihe von Offensivspielern. Das eröffnet dem Senkrechtstarter aus Stuttgart eine große Chance.

Rudi Völler hat im Kreis der Nationalmannschaft ja vor allem eine Aufgabe: Er soll schlicht Rudi Völler sein. Der sympathische, volksnahe Publikumsliebling, der auf ganz natürliche Weise Stimmungen auszuloten und kritische Sachverhalte zu kommunizieren weiß. Mit einem Lächeln im Gesicht. Und dann gibt es zusätzlich die Fachexpertise des Sportdirektors des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Vor allem in Sachen Stürmer ist der in Ehren ergraute Weltmeister von 1990 gerne gefragt. Zum Beispiel bei Nick Woltemade, dem Senkrechtstarter der Saison vom VfB Stuttgart.

 

„Luft nach oben“, sieht Völler bei dem 23-Jährigen. Trotz seiner fast zwei Meter an Körpergröße – oder gerade deshalb. „Wenn er sein Kopfballspiel noch verbessert, dann steht er vor einer großen Zukunft“, sagt der 65-jährige Ex-Stürmer über Woltemade, dem er in seiner Ballbehandlung und seinen Dribblings eine große Eleganz zuschreibt. Ähnlich positiv äußert sich der Bundestrainer über die Fähigkeiten des Neulings im A-Kader. „Klar hat er Chancen auf einen Startelfeinsatz, ansonsten wäre er nicht hier“, sagt Julian Nagelsmann.

Besonderes Profil für Julian Nagelsmann

Viele Gedanken drehen sich rund um die Nationalmannschaft also um Woltemade. Nicht nur, weil er aus der Trainingsgruppe herausragt. Furios hat er zuletzt beim frisch gebackenen Pokalsieger aus Stuttgart aufgespielt und jetzt bringt der blonde Riese, der der besser dribbeln als köpfen kann, sein außergewöhnliches Profil in Herzogenaurach ein. Auf dem Areal des Sportausrüsters Adidas bereitet sich das DFB-Team auf das Finalturnier der Nations League vor. Am Montag hinter verschlossenen Trainingstüren, da Nagelsmann an Aufstellung und Taktik tüftelt, um am Mittwoch (21 Uhr/ZDF) im Halbfinale gegen Portugal zu bestehen.

Kommt Woltemade nach den Ausfällen von offensiven Schlüsselspielern in München dabei gleich zu seinem Debüt? Gut möglich, denn Kai Havertz fehlt ebenso wie Tim Kleindienst. Die spielerisch feine sowie körperlich robuste Variante für die Mittelstürmerposition. Falsche und echte Neun, teilweise spielten sie auch zusammen. „Wir haben mit Kleindienst und Havertz zwei Ausfälle, die wir mit anderen Spielern nicht so gut ersetzen können. Da passt Nick natürlich sehr, sehr gut rein“, sagt Nagelsmann über ein Nominierungskriterium.

Woltemade verbindet in seinem Spiel beide Elemente. Er kann sich geschmeidig ins Passspiel einfügen und der Schlaks mit dem breiten Kreuz weiß sich mit dem Rücken zum Tor gegen Abwehrkanten immer besser durchzusetzen. Zudem hat er, wie der Bundestrainer betont, das viel zitierte „Momentum“ auf seiner Seite – beim VfB und in der U-21-Auswahl des DFB. Mit Leichtigkeit tritt er auf und trifft regelmäßig.

Der Dreiklang aus Pokalfinale, Nations-League-Teilnahme und anschließender U-21-EM klingt für Woltemade deshalb zum Ende der Saison nicht nach schier unerträglicher Zusatzbelastung, sondern nach der großen Lust auf weitere Titelchancen. Der gebürtige Bremer will sie ergreifen – ob als Startelfspieler oder Spezialkraft, die eingewechselt wird. Denn die Optionen im Angriff bleiben erhalten. Selbst ohne Jamal Musiala, der ebenfalls nicht dabei ist.

Besondere Rolle für Deniz Undav

Dafür sucht Niclas Füllkrug nach einer schwierigen Saison und langer Verletzungspause bei West Ham United sein Glück wieder in der Nationalelf. Mit seinen Jokerqualitäten, aber auch mit dem Selbstbewusstsein, über eine exzellente Trefferquote zu verfügen (14 Tore in 22 Länderspielen). „Meine Qualitäten werden zu einem bestimmten Zeitpunkt gefragt sein“, sagt der 32-Jährige, der beim Blick auf die DFB-Offensive noch genügend Unterschiedsspieler ausmacht.

Nagelsmann sieht zudem alle Spielertypen vertreten, die es braucht, um den „kleinen Titel“ in der Nationenliga (Frankreich und Spanien bestreiten am Donnerstag das zweite Halbfinale in Stuttgart) zu gewinnen. Leroy Sané und Serge Gnabry vom FC Bayern München für die Flügel. Als Ergänzung dazu der rasend schnelle Dortmunder Karim Adeyemi, nachdem der nachnominierte Mainzer Jonathan Burkardt (Risswunde an der Ferse) wieder abgereist ist.

Für die Rolle hinter der Spitze gibt es Deniz Undav, da der Bundestrainer den wiedererstarkten Stuttgarter mit seiner Zockermentalität lieber auf der Zehnerposition einsetzt als ganz vorne. Undav ist die Positionierung in der DFB-Elf ohnehin nicht so wichtig. Der 28-Jährige will nur spielen und würde seinen Gefallen an einem VfB-Duo für Deutschland mit Woltemade finden. Zumindest als starke Alternative erscheint dieser Gedanke möglich in der Begegnung mit Cristiano Ronaldo und Co., wenn man Völler und Nagelsmann richtig versteht.