Der Bundestrainer Julian Nagelsmann führt aus, welche Spieler er für die WM nominiert hat. Foto: Federico Gambarini/dpa

Rund um die Kader-Nominierung ist es zum Kommunikationsdesaster gekommen. Nun kämpft der Bundestrainer darum, vor der Fußball-WM die Zweifel zu vertreiben.

In gut drei Wochen beginnt für die Nationalmannschaft die Abenteuerreise in Amerika. In Houston gegen Curaçao ertönt der erste Anpfiff. Doch von Vorfreude auf die Weltmeisterschaft ist nichts zu spüren – und schon gar nichts davon, dass sich Fußball-Deutschland hinter seinen Lieblingen vereint, um nicht nur auf dem Platz geschlossen aufzutreten. Aufbruchstimmung, Begeisterung, Teamspirit. All die emotionalen und motivierenden Komponenten, die diese Elf nach innen wie außen benötigt, um erfolgreich zu sein – vorerst Fehlanzeige.

 

Vielmehr begleiten bislang Irritationen und Spekulationen das Auftreten und den Auswahlprozess des Bundestrainers. Bestens nachzuvollziehen am Umgang mit der Torwartfrage. Julian Nagelsmann hat Manuel Neuer nach langem Hin und Her nun offiziell in den WM-Kader berufen und zu seiner Nummer eins erklärt. Und sicher gibt es aus sportlicher Sicht gute Gründe, den Schlussmann des FC Bayern wieder in den Elitekreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aufzunehmen. Man kann sogar zu der Überzeugung gelangen: Es ist richtig.

Der 40-Jährige ist noch immer der beste Torwart im Land. Sofern er fit im Tor steht – und dass bei dem Münchner immer mal wieder ein Muskel zwickt, gehört zur Realität der zu Ende gehenden Saison. Dieses Risiko geht Nagelsmann bewusst ein und er hat sich mutmaßlich bei seinen Führungsspielern rückversichert, die Aura des Weltmeisters zu nutzen. Dennoch ist dem Bundestrainer die Diskussion um den Posten zwischen den DFB-Pfosten entglitten. Weil er monatelang Oliver Baumann als Stammkeeper bezeichnete. Weil er die Debatte um Neuers Rückkehr trotzdem laufen ließ. Weil er in puncto Nominierung einen Eiertanz vollführte, der dem Team schadet und die Fans auf Distanz gehen lässt.

Das nährt die Zweifel. Wie soll aus dem Kreis der WM-Teilnehmer unter Nagelsmanns Führung noch eine Einheit entstehen, die es bei diesem Mammutturnier mit den besten Gegnern aufnehmen kann? Denn die Signale, die er mit seinen eigenwilligen Aussagen im Vorfeld der Bekanntgabe ausgesandt hat, haben ihn nicht nur in der Öffentlichkeit an Glaubwürdigkeit verlieren lassen, sondern sie werfen ebenso im Mannschaftskreis Fragen auf.

Wie ein Getriebener der eigenen Personalpolitik wirkte Nagelsmann zuletzt. Auch, weil sein WM-Kader Name für Name über bestimmte Medien durchgestochen wurde. Ein Kommunikationsdesaster, das dem Bundestrainer nach seinen klärenden Telefonaten mit den Kandidaten nicht zwingend anzulasten ist. Wobei es nur einen Nebenaspekt darstellt, dass die Leaks die DFB-Aktion, die WM-Spieler durch Familienmitglieder und Freunde per Videobotschaft zu verkünden, konterkarierten.

Doch das Ganze kostet Vertrauen. Nicht nur Nagelsmann, sondern ebenso die DFB-Spitze. Nichts war zu sehen oder zu hören von Sportdirektor Rudi Völler, Geschäftsführer Andreas Rettig oder Präsident Bern Neuendorf, als es in den vergangenen Wochen und Tagen darum ging, ein besseres Timing und eine bessere Kommunikation rund um die Nationalmannschaft hinzubekommen.

Es ist also höchste Zeit, einen Stimmungsumschwung einzuleiten. Nagelsmann hat damit in Frankfurt bei der Präsentation des WM-Kaders begonnen. Basierend auf seiner schon verloren geglaubten Fähigkeit, Fußballinhalte zu vermitteln und Überzeugungen zu transportieren. Sein Ziel hat der Bundestrainer dabei noch einmal klar formuliert. Er will mit den 26 auserwählten Nationalspielern am 19. Juli in New York Weltmeister werden.