Jubel hoch zwei: Der Nationalspieler Joshua Kimmich feiert den Torschützen Kai Havertz (vorne). Foto: dpa/Matthias Schrader

Deutschland feiert seine neuen Spaßfußballer. Das stärkt das Selbstbewusstsein vor dem zweiten Spiel gegen Ungarn, doch sportlich sagt der Auftaktsieg gegen Schottland nicht viel aus.

Schon der Auftakt hat eine Reihe von Bildern produziert, die Gefühle wecken. Zum Beispiel, wie der Torschütze Niclas Füllkrug mit seiner Tochter auf den Schultern den Erfolg genießt und erzählt, wie wichtig seiner Emilia immer Siege seien. „Es war ein kleiner Moment für uns, der bleiben wird“, meint Füllkrug. Oder wie Julian Nagelsmann nach dem 5:1 gegen Schottland von seiner Lebensgefährtin mit einem Kuss beglückwünscht wird und der Bundestrainer hinterher erklärt, wie wichtig ihm die Unterstützung seiner Lieben sei. „Wir haben alle eine kleine Botschaft von der Familie bekommen. Das ist sehr wertvoll“, sagt Nagelsmann.

 

Eine spezielle, weil persönliche Motivation war das zu Beginn der Fußball-EM. Emotionaler geht es kaum beim Heimturnier – und was vom Eröffnungsspiel auf ewig in den Ohren klingen wird, ist wie die schottischen Fans im Münchner Stadion ihre Nationalhymne schmetterten: „O Flower of Scotland“. Es waren die einzigen wuchtigen Minuten der Gäste. Zelebriert durch die Tartan Army, das Team von Steve Clarke hatte dagegen nichts zu bieten.

Der deutsche Chor hält dagegen

Doch am Ende nahm es der deutsche Anhang stimmlich sogar mit dem Schotten-Chor auf. Völlig losgelöst sang das Publikum Peter Schillings „Major Tom“ mit, die inoffizielle EM-Hymne. Ähnlich laut, berauscht von den Toren und beseelt von den Aussichten, die sich damit verbinden. „Man hat das Gefühl, das ganze Land steht kopf“, sagt Kai Havertz, einer von fünf Torschützen.

Nüchtern betrachtet bietet der klare Sieg zum Start jedoch wenig Aussagekraft. Die Nationalmannschaft wird es in keinem Turnierspiel mehr so einfach haben wie gegen die überforderten Kicker von der britischen Insel. Dennoch bleibt die Einschätzung des Bundestrainers richtig: „Die ersten 20 Minuten waren extrem gut. Sehr dominant, da haben wir keine Fehler gemacht.“ Dafür gelangen zwei Treffer durch die Zauberlehrlinge Florian Wirtz und Jamal Musiala (der fünfte gelang dem nachnominierten Emre Can).

Dadurch befreite sich Musiala von den Geistern der Vergangenheit. Mit seinen 21 Jahren spielt er bereits sein drittes Turnier und hatte bei der WM 2022 im ersten Spiel einige gute Möglichkeiten vergeben. Das ist mit der Niederlage gegen Japan in Deutschlands kollektivem Fußballgedächtnis verankert und hat an dem Ausnahmetalent genagt. „In Katar sind alle Bälle nicht reingegangen“, erinnert sich Musiala, „ich bin happy, dass es jetzt geklappt hat.“ Und wie.

Mit Toni Kroos lieferte Musiala zu seinem magischen Moment eine starke Statistik ab: mit den höchsten Passquoten. Praktisch hundert Prozent wiesen die beiden Mittelfeldspieler aus. Wobei Kroos einen Rekord für sich verbuchte. Von 102 Pässen kam der Ball 101-mal beim richtigen Adressaten an. Das liegt nahe an der Perfektion, und noch nie war ein Spieler besser, der mehr als hundert Pässe in einer Partie gespielt hat.

Eine neue Zeitrechnung

Diese Zahlen bilden nun nicht nur die emotionale, sondern vor allem die faktische Basis für den weiteren Verlauf. „Wir wissen, dass uns die beiden anderen Gruppengegner sicherlich mehr abverlangen werden“, sagt Rudi Völler. Jenseits der Euphorie kommt es ja auf die Punkte an – und der in Ehren ergraute Sportdirektor weiß, wie stark der Druck auf eine Mannschaft wächst, wenn die erste Begegnung verloren wird.

Die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hat diese Enttäuschung zuletzt dreimal hintereinander erlebt. Seit dem Weltmeistercoup von 2014 ging bei Großereignissen schief, was nur schiefgehen konnte. Als ob Murphys Gesetz die Nationalelf fest im Griff hätte. Jetzt scheint nach Joachim Löw und Hansi Flick mit ihren teils überheblichen, teils verstörenden Maßnahmen eine neue Zeitrechnung zu beginnen. Mit einem Julian Nagelsmann, der die Mannschaftsführung sehr empathisch angeht.

Der Torparty von München folgte der Familientag von Herzogenaurach. Lässig ging es nach dem höchsten Sieg der deutschen EM-Geschichte zu. Auf dem Gelände des DFB-Partners Adidas feierten die Mitarbeiter und ihre Angehörigen das 75-jährige Bestehen des Unternehmens. Die meisten Nationalspieler suchten abseits des Rummels Entspannung. Nur Manuel Neuer, Thomas Müller und Jonathan Tah kamen auf eine Bühne und wurden begeistert empfangen.

Schluss mit lustig war für den Bundestrainer am Sonntagvormittag. Die Familien wurden nach dem Frühstück verabschiedet, der Fokus richtet sich auf Ungarn, den nächsten Gegner am Mittwoch (18 Uhr/ARD) in Stuttgart. „Am Ende bin ich weit davon entfernt, ein Mahner zu sein. Für mich ergibt es wenig Sinn, zu viel zu bremsen“, sagt Nagelsmann, der vor der zweiten Nagelprobe steht.

Ungarn ist ein Gegner, der über Körperlichkeit und Konter kommt. Und nach dem 1:3 gegen die Schweiz herrscht für das Team bereits Erfolgszwang. Anders die DFB-Mannschaft: Sie kann mit einem Sieg bereits den Achtelfinaleinzug klarmachen, wenn Schottland nicht gegen die Schweiz gewinnt. Völlig losgelöst würde dann nicht nur das Publikum in der Stuttgarter EM-Arena singen und kopfstehen, sondern wieder das ganze Fußballland.