Der Nationalspieler Toni Kroos will sich noch nicht vom Heimturnier verabschieden. Foto: Baumann/Julia Rahn

Der 34-Jährige ist überzeugt, dass sich das mit Spannung erwartete Viertelfinale im Mittelfeld entscheidet – und er selbst stellt am Freitag in Stuttgart eine Schlüsselfigur dar.

Wird es sein letzter Tanz um die letzte Trophäe? Ausgerechnet gegen Spanien, im EM-Viertelfinale, am Freitag (18 Uhr/ARD) in Stuttgart. Toni Kroos kann nicht leugnen, dass ihm dieser Gedanke durch den Kopf geht. „Das ist mir bewusst, aber es beeinträchtigt mich nicht. Es motiviert mich, bei diesem Turnier noch länger dabei sein zu wollen. Ich sehe die Chance dazu“, sagt der Mittelfeldspieler.

 

Dennoch nähert sich nach einer glanzvollen Karriere der selbst gewählte Schlusspunkt, der aus Kroos’ Sicht ein weiterer Höhepunkt werden soll. Denn der 34-Jährige kann auf eine Titelsammlung wie kaum ein anderer Fußballprofi schauen. Er ist Weltmeister und hat allein die Champions League mit Real Madrid und dem FC Bayern München sechsmal gewonnen, nur Europameister ist er noch nicht geworden. Dies zu schaffen und seine Zeit in der Nationalelf mit einem Triumph im Finale in Berlin zu vollenden, stellt die ultimative Herausforderung dar.

Die Schwäche beseitigt

Dafür ist Kroos im Frühjahr in die Nationalmannschaft zurückgekehrt, und gegen die bisher beeindruckend starke Auswahl seiner Wahlheimat schlägt die Stunde des Strategen aus Greifswald. „Ich bin schon immer der Meinung, dass sich solche Spiele in der Mitte entscheiden. Trotz der Einzelaktionen, die eine Partie verändern können“, sagt Kroos. Um ihn als Fixpunkt dreht sich das deutsche Spiel.

„Ruhe und Kontrolle bringt er ein“, sagt Leroy Sané stellvertretend für seine Teamkollegen. Fast wortgleich lauten die Antworten, wenn die Verantwortlichen während des Heimturniers auf Kroos’ Bedeutung angesprochen werden. „Jeder weiß, was für eine Qualität Toni hat. Vorher waren wir nicht stabil genug. Das war eine Schwäche. Die hat er uns komplett genommen. Er hat uns einfach stärker gemacht“, sagt Sané.

Mit seiner Ballsicherheit, seiner Übersicht, seinem Spielverständnis. Kroos versteht es wie kaum ein anderer Mittelfeldspieler, aus den sich ihm bietenden Passoptionen die richtige zu wählen – mit einer durchschnittlichen Passquote von mehr als 90 Prozent. Wie zur Turniereröffnung gegen Schottland, als Kroos unter mehr als 100 Pässen nur ein Fehlpass unterlief, kann sich sein Spiel nahe an der Perfektion bewegen. Sofern man diesen Spielansatz bevorzugt. In gewisser Weise den klassisch-spanischen Stil mit Ballbesitz, Ballstafetten, Ballkontrolle.

Im Team von Nationalcoach Luis de la Fuente nimmt Rodri die Schlüsselposition im Mittelfeld ein. „Er ist ein Topspieler und prädestiniert für den sogenannten Pep-Fußball, wie er auch bei Manchester City unter dem Trainer Guardiola gespielt wird. Rodri strahlt absolute Ruhe aus und ist selbst unter Druck nicht fehleranfällig“, sagt Kroos, der den größten Unterschied zum spanischen Gegenpart in der Positionierung sieht.

Der Unterschied zu Rodri

Rodri agiert als alleiniger Sechser, Kroos ist der feine Teil einer Doppelsechs unter dem Bundestrainer Julian Nagelsmann. Ein Techniker, der sich taktisch aus dem Zentrum zurückzieht, um mehr Raum und Zeit für seine Aktionen zu gewinnen. Viele kurze Pässe sind das oft, um einen langen Diagonalball oder Steilpass vorzubereiten. Geduld braucht es dafür – und den Blick sowie das Timing für den richtigen Mann im richtigen Moment.

Fußballerische und strategische Fähigkeiten, die Kroos schon immer hatte, die in Deutschland jedoch nicht immer wertgeschätzt wurden. In Spanien dagegen schon. „Er gehört zweifellos zu den allerbesten Mittelfeldspielern, die in den vergangenen Jahren in Spanien gespielt haben. Sein rechter Fuß ist grandios“ sagt José Espina von der Madrider Sportzeitung „AS“. „Insgesamt ist er so gut, dass er auch außerhalb des Real-Kosmos von allen Konkurrenten anerkannt wird, selbst beim großen Rivalen FC Barcelona. Zu dem kommt seine persönliche Art. Er verhält sich vorbildlich, ein Ehrenmann auf und außerhalb des Platzes.“

„Am Ende verstehen alle mein Spiel. Die einen kapieren es schneller, die anderen später“, sagt Kroos selbst süffisant. Er, der mit sich im Reinen ist und nach der Karriere in Madrid eine Nachwuchsakademie gründen will, hat noch einmal Großes vor mit der Nationalelf. Der letzte Tanz kann noch warten.