Der DFB-Sportdirektor Rudi Völler blickt auf das Spiel gegen Dänemark. Foto: IMAGO/Kirchner-Media/IMAGO/Kirchner-Media/DI

Sportlich wie atmosphärisch darf sich Rudi Völler nach der EM-Gruppenphase bestätigt fühlen. Die Natinalelf und das Land bilden eine Einheit. Dennoch mahnt der Sportdirektor vor dem Achtelfinale gegen Dänemark.

Die Busfahrten haben es für Rudi Völler ganz schön in sich. Der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) schaut dann aus dem Fenster – und was er sieht, gefällt ihm. Nein, es berührt ihn sogar. Diese wieder gewonnene Freude, mit der die Fans die schwarz-rot-goldenen Fahnen schwenken; diese wieder entdeckte Herzlichkeit, mit der die Menschen der Nationalmannschaft alles Gute wünschen; diese wieder aufgeflammte Leidenschaft, mit der die Zuschauer die Spieler am Straßenrand und in den Stadien unterstützen.

 

Ein gutes Gefühl hat sich rund um das DFB-Team breit gemacht. Und am Samstag startet nach dem Transfer von Franken in den Ruhrpott die nächste Busfahrt vom EM-Hotel aus. Das Achtelfinale gegen Dänemark steht an (21 Uhr/ZDF). In Dortmund, wo die echte Fußballliebe zuhause ist, und die Anhänger auf dem Weg zur Arena ein Spalier aus positiven Emotionen bilden werden. „Die Stimmung, die sich nach den erfolgreichen Gruppenspielen gebildet hat, ist wichtig. Sie trägt uns“, sagt der Sportdirektor.

Ein Stimmungshoch namens „Julsi“

Genau so hat es Völler sich vorgestellt. Monatelang hat er im Vorfeld des Heimturniers über die ersehnte Euphorie im Land gesprochen. Alt und jung sollte davon ergriffen werden, auch die Spieler. Oft ist der 64-Jährige bei diesen Worten nur belächelt worden. „Tante Käthe“, wie der frühere Publikumsliebling ob seiner grauen Haare genannt wird, wurde in die Rolle des Gute-Laune-Onkels gedrückt, als die Nationalelf ständig von Kritik, Skepsis und Unlust begleitet wurde.

Jetzt darf sich Völler in seinem Vorgehen bestätigt bestätigt. Atmosphärisch und sportlich. Es herrscht ein Hoch, das er wohl „Julsi“ taufen würde, wie Julian Nagelsmann von Freunden gerufen wird. Sein Vertrauen in den jungen Bundestrainer zahlt sich aus. Durch ihn und seine Maßnahmen wurde ein Stimmungsumschwung vollzogen. Das ist überall zu spüren, wo die Spiele verfolgt werden. Auf Schloss- und Marktplätzen beim Public Viewing, in Bars und Wohnzimmern. Die Einschaltquoten sind wieder enorm und die Trikots ausverkauft. Nagelsmann hat den Spielern sogar auf seinem Smartphone Szenen davon gezeigt, was in den Städten los ist. Von Hamburg über Stuttgart bis München.

Nun geht es darum, die Welle der Begeisterung weiter zu reiten, ohne den Blick für die Realität zu verlieren. „Wir haben den Optimismus und das Selbstvertrauen, in die nächste Runde einziehen zu wollen“, sagt Völler. Zudem führt er aus, dass man im innersten DFB-Zirkel alles richtig einordnen könne. Vor allem in den Begegnungen mit Ungarn und der Schweiz lief nicht alles optimal, aber die Mannschaft hat Widerstände überwunden. Das stärkt. Und: „Jetzt beginnt ein neuer Wettbewerb. Jetzt zählt’s“, sagt der als Spieler und Trainer erfahrene Völler.

Gegen ein dänisches Team, von dem man nicht so recht weiß, ob in deren Wundertüte noch etwas „Danish Dynamite“ steckt. Die Auswahl von Nationalcoach Kasper Hjulmand hat bei der EM 2024 noch kein Spiel gewonnen, aber eben auch noch keines gewonnen. „Sie spielen körperbetont und robust. Da tut sich jeder Gegner schwer, Chancen zu kreieren“, sagt Völler, „aber sie selbst tun sich schwer, Tore zu erzielen.“

Gibt es Brandherde im Team?

Dagegen bewegt sich die DFB-Elf mit einer gewissen Leichtigkeit. Der richtige Kanal mit dem Dänemark-Spiel war eingeschaltet – und die Stimmung beim abendlichen Fernsehstudium des nächsten Gegners im Quartier in Herzogenaurach gut. Selten ist in der Geschichte des Ballsports auch eine andere Botschaft während der Turniertage verkündet worden. Nur diesmal ist man geneigt, es den Protagonisten abzunehmen. „Es gibt keine Brandherde“, sagt Völler. Nach sechs Jahren, in denen die ruhmreiche DFB-Mannschaft in der Rangliste des Weltfußballs abgerutscht ist und nach drei Großereignissen, die enttäuschend endeten.

Doch Nagelsmann hat das Niveau gehoben. Das erhöht die Wertschätzung bei den Mitfavoriten und hebt die Laune im Land. Dennoch liegt der DFB-Fokus allein auf Dänemark, betont Völler. Er mag nicht über den weiteren Turnierweg reden, bei dem sich an der anvisierten Viertelfinalstation in Stuttgart Spanien und beim möglichen Halbfinalstopp in München Frankreich oder Portugal warten könnten. „Solche Gedanken machen wir uns nicht, denn auch die bisher exzellenten Spanier haben im Achtelfinale kein Freilos“, sagt der Sportdirektor.

Die bisher emotionalisierten Deutschen glauben vielmehr an die Kraft des Stadions in Dortmund. Mit neuer Lust soll es im Zusammenspiel zwischen Mannschaft und Publikum weitergehen. Zuvor setzt sich Völler in den Bus, neben Nagelsmann. Dabei durchbricht die Stürmerlegende eine Gewohnheit. Neuerdings greift der passionierte Espressotrinker auf dem Weg ins Stadion zu einem koffeinhaltigen Energiegetränk, aus der Dose. Nagelsmann hat Völler zu diesem Ritual bewegt, das Flügel verleihen soll.