Der Innenverteidiger von Real Madrid ist in der Viererkette der deutschen Nationalelf gesetzt – doch wer soll an der Seite des 31-Jährigen spielen?
Wie nahezu jedes Kind wollte auch Antonio Rüdiger einst Stürmer werden. Ronaldo, dem brasilianischen Torphänomen, eiferte er auf den Bolzplätzen von Berlin-Neukölln nach. Das ging so weit, dass sich der heute 31-Jährige die WM-Frisur 2002 des Angreifers zulegte, um seinem Idol zu ähneln. Vorne ein kurzes, dichtes Haardreieck, der Rest rasiert. So war das damals. Und jetzt, da Rüdiger mehr Haare im Gesicht als auf dem Kopf trägt und selbst ein gestandener Fußball-Nationalspieler ist, kann er darüber lachen. Sein Fachgebiet ist allerdings ein anderes geworden als erträumt: Verteidigen – und zwar in einer Art, die ihn zum Stürmerschreck hat werden lassen.
„Er macht Angst“, hat Neymar, ein Erbe Ronaldos, über seine Begegnungen mit Rüdiger auf dem Platz gesagt. Auch über solche Aussagen schmunzelt der Betroffene, aber es schmeichelt ihm zugleich, weil der Satz seine Jobauffassung bestätigt. Körperlich, kompromisslos, konsequent. Rüdiger gehört zu der Kategorie von Abwehrspielern, die man gerne in der eigenen Mannschaft haben will. Real Madrid hat den Ex-Stuttgarter deshalb für vier Jahre verpflichtet, und sein Stammplatz bei den Königlichen erhebt ihn in den Stand einer Führungskraft im Kreis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).
Neue Mittelachse
„Zuletzt gab es nicht viel Gutes von der Nationalmannschaft zu erzählen“, sagt Rüdiger, „aber jetzt müssen wir nach den schlechten Ergebnissen eine Reaktion zeigen.“ Er ist dabei der Boss in Julian Nagelsmanns Abwehr und Teil einer Mittelachse, die sich mit Manuel Neuer hinter und Toni Kroos vor ihm herausbilden soll. Im Grunde geht es für den Bundestrainer in den anstehenden Länderspielen in Lyon gegen Frankreich am Samstag (21 Uhr/ZDF) und am Dienstag (20.45 Uhr/RTL) in Frankfurt gegen die Niederlande darum, die passenden Partner für Rüdiger in der Abwehr zu finden – in einer Viererkette, denn die Dreierlösung scheint passé.
Beides hat Nagelsmann seit seinem DFB-Debüt im vergangenen Oktober probiert. Funktioniert hat es jedoch nicht. Weder mit dem erfahrenen Mats Hummels noch mit dem wankelmütigen Niklas Süle. Durchweg vertraute der Bundestrainer noch auf den formstarken Jonathan Tah aus Leverkusen an der Seite von Rüdiger. Rein statistisch sind aber auch die beiden robusten Abwehrhünen bisher kein Erfolgsduo. Insgesamt standen Rüdiger und Tah neunmal gemeinsam auf dem Platz. In den ersten vier Länderspielen davon kamen sie auf gemeinsame 166 Minuten. In den fünf folgenden Partien waren es jeweils 90 Minuten, wobei Tah in den ersten beiden Spielen davon als Rechtsverteidiger auflief. Sie endeten mit Siegen gegen Frankreich (2:1) und die USA (3:1). Daran schlossen sich die Tiefpunkte gegen die Türkei (2:3) und Österreich (0:2) an.
Die Analysen dieser Niederlagen haben den Bundestrainer dazu bewogen, knapp drei Monate vor der Heim-EM personell und taktisch noch einmal eine Kehrtwende hinzulegen. Von „voller Fokus aufs Vereidigen“ über „wir können eh nicht verteidigen“ geht es jetzt wieder zu „wir brauchen eine Mauer“. An Rüdiger und Tah sollen die gegnerischen Angreifer abprallen. Einen Stresstest gibt es nun gegen die französischen Vizeweltmeister um Kylian Mbappé. „Wir brauchen dabei nicht groß über die Taktik zu reden, sondern wir müssen die Grundtugenden des Fußballs abrufen und die Bereitschaft zeigen, Spiele unbedingt gewinnen zu wollen“, sagt der Abwehrrambo aus Madrid.
Kampf vor Kunst – diese Devise hat auch Nagelsmann ausgerufen, und als Herausforderer zu Rüdiger/Tah sieht er neuerdings Waldemar Anton (VfB Stuttgart) und Robin Koch (Eintracht Frankfurt). Zwei Spieler, die in ihren Vereinsmannschaften mit der geforderten Mentalität und dem gewünschten Momentum auftrumpfen. Zweites gilt vor allem für Anton, der erstmals im DFB-Kader steht. Noch nie war der 27-Jährige in seiner Bundesliga-Karriere (189 Einsätze) so gut. Trotz der fehlenden internationalen Erfahrung hat er deshalb den Vorzug vor den Dortmundern Hummels, Süle und Nico Schlotterbeck erhalten. Der Bundestrainer verspricht sich von dem Stuttgarter mit Blick auf das große Turnier im Sommer mehr Kampfkraft, Demut und Anpassungsfähigkeit als vom ehemaligen BVB-Bock in der Nationalelf.
Ein Urteil über Waldemar Anton
„Waldemar Anton und Robin Koch sind hier, weil sie in ihren Clubs sehr gute Leistungen gebracht haben. Hier hauen sie sich auch voll rein. Und Jonathan Tah ist einen überragenden Weg gegangen. Es gibt keinen besseren Innenverteidiger in der Bundesliga“, sagt Rüdiger über seine Nebenleute. Wobei er klar zu verstehen gibt, wer der Allerbeste ist: „Ich bin sehr zufrieden mit meiner bisherigen Saison. Aber am Ende wird abgerechnet. Ich möchte jetzt nicht so viel Eigenlob, denn das stinkt manchmal.“