Die Zahl der Narros, die beim historischen Umzug am Fasnetsmentig in Villingen mitlaufen, steigt rasant. (Archivbild) Foto: Roland Sigwart

Fremde im Leih-Häs, volle Umzüge, schwindende Tradition: Die Narrozunft reagiert mit Mitgliederpflicht und Kennzeichnung – und stößt damit einen regelrechten Ansturm an.

Voll eingeschlagen hat der Beschluss der Narrozunft Villingen, dass nur noch Mitglieder beim historischen Umzug am Fasnetsmentig mitlaufen dürfen: Gut 250 Anmeldungen sind seit der Hauptversammlung Anfang Januar eingegangen, schildert Zunftmeister Anselm Säger die ersten Auswirkungen.

 

Mit einer Kennzeichnung der Hästräger will die Zunft ab der Fasnet im kommenden Jahr diese Regelung einführen. Derzeit diskutiere der Rat noch, wie diese genau aussehe, aber klar sei, dass es eine dezente Markierung sein soll, die sich am Ärmel befestigen lässt.

Schon als in der 2024 gestarteten Mitgliederumfrage erste Überlegungen in diese Richtung aufkamen, seien die Aufnahmeanträge in die Höhe geschossen – und das bei einer Steigerung von ohnehin jährlich drei Prozent in den vergangenen zehn Jahren.

Ende Dezember zählte die Zunft 5650 Mitglieder. Jetzt sei der nächste Schub gekommen und ein Ende nicht absehbar, stellt Säger fest. Die drei Mitgliederverwalter kämen kaum hinterher, die Anträge abzuarbeiten.

Massen beim Umzug

Zunächst gibt es jedoch nur die passive Mitgliedschaft: Erst, wer einen Willkommensnachmittag mit Informationen rund um den Verein und das Brauchtum besucht hat, ist als aktives Mitglied aufgenommen und bekommt jährlich mit dem Zunftblättle sein Kennzeichen.

Für den Rat sei das der erste Schritt in die richtige Richtung, betont Säger. Der jetzt derart rasante Anstieg der Mitgliederzahlen bestätige in der Vermutung, dass bisher viele Menschen am Umzug teilnehmen, die der Zunft nicht angehören. Ziel sei es, erst einmal zu ermitteln, wie viele aktive Hästräger es überhaupt gibt.

Und langfristig müsse die Zunft dem Wachstum entgegentreten, betont Säger. Die Massen beim historischen Umzug seien weder im Sinne der Zunft noch der Zuschauer. Zumal es zuletzt zu zeitlichen Kollisionen mit der Katzenmusik und den Südstadtclowns gekommen sei. „Es geht auch um Fairness, dass sie genügend Zeit und Raum für ihre Umzüge in der Innenstadt haben.“

Traditionen gehen verloren

Ebenso wie seine Ratskollegen kann er den Ansturm auf die Zunft nicht nachvollziehen, gerade auch von Menschen, die gar nicht aus Villingen kommen und mit dem Brauchtum nichts zu tun haben. „Da geht vieles verloren wie die Tradition des Strählens oder der Dialekt“, bedauert er. Gleichzeitig bereite es immer größere Probleme, genügend Stüble für Hästräger zu finden oder die Krägen rechtzeitig zu richten.

Ganz entschieden wende sich die Zunft gegen den Fastnachtstourismus, unterstreicht Säger, zum Beispiel die Gewohnheit, Freunde nach Villingen mitzubringen und mit einem zusammengeliehenen Häs auszustatten, um gemeinsam auf Stübletour zu gehen. Da schreite die Zunft schon dieses Jahr ein, in Arbeit sei ein Transparent mit Verhaltensregeln, das in allen Stüble hänge.

Langfristig gehe es um die Qualität des Häs überhaupt, der Brauchtumsausschuss entwickle ein Gütesiegel, das Verkäufern und Handwerkern wie Häsmalern und Schemenschnitzern bescheinige, dass sie die Tradition der Narrozunft wahren. „Und gleichzeitig wollen wir Neumitglieder vor Missbrauch und Schrott schützen“, betont der Zunftmeister. Denn wer schnell an ein Häs kommen wolle, falle oft auf minderwertige Qualität und kopiergefräste Schemen herein.

Umfrage bestätigt Rat

Der Verein sehe sich als Partner, beim Kauf zur Seite zu stehen, und mahne zur Geduld, falls es zu Wartezeiten kommt. Ist die Nachfrage doch ungebrochen. Keine Antwort habe er bisher auf die Frage gefunden, weshalb die Figuren der Zunft seit Jahren so im Trend liegen und kein Ende in Sicht ist. Und damit eben auch die Mitgliederzahlen explodieren.

Die Umfrage habe den Rat bestärkt, Konsequenzen zu ziehen und die verpflichtende Mitgliedschaft samt Kennzeichnung einzuführen. Dass dies im Sinne der Mehrheit sei, beweise auch, dass keine vermehrten Austritte zu verzeichnen sind. In zwei bis drei Jahren sei sicher absehbar, wie viele Menschen tatsächlich ins Häs gehen. Dann gelte es, Lösungen zu finden, um die Zahl auf Dauer zu minimieren. Doch welche Hebel die Zunft ansetze, stehe völlig offen.

Offen für weitere Ideen

Jetzt sei erst einmal der Startschuss gefallen, sagt der Zunftmeister. Er sei selbst gespannt, wie es sich an der Fasnet und das ganze Jahr über entwickelt. „Und wir sind jederzeit bereit nachzujustieren, in jegliche Richtung“, zeigt er sich weiteren Ideen gegenüber offen, alles befinde sich in einer Übergangsphase.