Moritz Müller (mit Möhre) hat das Down-Syndrom, ist aber ein vollwertiges Mitglied der Hasengruppe der Narrhalla Boll. Foto: privat

Moritz Müller hat das Down-Syndrom. Dennoch ist der 24-jährige Bollemer ein vollwertiges Mitglied der Narrhalla. Wie die gelebte Inklusion bei den „Hasawedeln“ funktioniert.

„Bei der Fasnet“, sagt André Göckel, der Vorsitzende der Narrhalla Boll, „darf jeder mitmachen“. Wirklich jeder? Was ist zum Beispiel, wenn da plötzlich beim Häsabstauben ein junger Mann auftaucht und den Narren auf ihrem Rundgang durchs Dorf auf Schritt und Tritt folgt? Und wenn dieser junge Mann erkennbar anders ist als die anderen, weil er das Down-Syndrom hat? Dann, so hat es sich erwiesen, wird bei den Bollemer „Hasawedeln“ nicht lange nachgedacht, diskutiert oder gar nach Ausreden gesucht. Dann wird dieser junge Mann mit offenen Armen empfangen.​

 

Nicht allein ins Kino​

Der junge Mann, von dem hier die Rede ist, ist Moritz Müller, ein 24-jähriger Bollemer, der wegen seiner Beeinträchtigung kein eigenständiges Leben führen kann, der nicht allein ins Kino oder auf eine Party gehen kann, der im Alltag auf die Fürsorge durch seine Familie angewiesen ist und in der Werkstatt der Lebenshilfe Zollernalb in Bisingen einer geschützten Beschäftigung nachgeht. Er kann an dieser Stelle auch nicht für sich selbst sprechen. Deshalb erzählt seine Mutter Susanne Bitzer, wie ihr Sohn zur organisierten Narretei gefunden hat.​

Schon als Kind närrisch​

„Moritz war schon als Kind von der Fasnet begeistert und wollte mit dabei sein“, sagt Susanne Bitzer, die man in Hechingen als erfolgreiche Läuferin aus den Reihen des Ski-Clubs kennt. Indes: Allein konnte sie ihn wegen seines Handicaps nicht gehen lassen, und selber wollte sie nicht in eine Narrenzunft eintreten: „Ich habe da einfach keinen Bezug dazu.“​

So blieb dem närrischen Moritz in der fünften Jahreszeit nur die ungeliebte Zuschauerrolle – bis er 2023 die Sache selbst in die Hand nahm und den durchs Dorf ziehenden Hästrägern nicht mehr von der Seite wich. Martin Laakmann, der „Treiber“ aus der „Hasawedel“-Truppe, war es dann, der bei Susanne Bitzer klingelte und ihr von den Avancen ihres Sohnes berichtete. Die Botschaft von der offenen Tür der Narrhalla brachte er gleich mit: Aber sehr gerne könne Moritz bei den Bollemer Narren mitlaufen!​

Auf der Terrasse geübt​

Ob das gut gehen würde? Anfangs war die Mutter noch skeptisch. Schließlich glaubt ihr selbstbewusster Sohn auch, Skispringen zu können, wenn er die Sportler im Fernsehen sieht. Aber Moritz war fortan nicht mehr zu bremsen. Daheim auf der Terrasse übte er die Häsle-Hüpf-Schritte, mit denen die Bollemer Hästräger bei den Umzügen auf sich aufmerksam machen. „Richtig aufgeregt“ sei Moritz vor seiner ersten Teilnahme am Hechinger Fasnetsumzug 2023 gewesen. Im geliehenen Häs von Martin Laakmanns Frau durfte er mitlaufen. „Und alles ging gut.“ In der 2024er-Saison war Moritz Müller dann gleich bei mehreren Umzügen mit von der Partie, und aus „Hasawedel“-Kreisen erreichte Susanne Bitzer die Nachricht: „Er ist richtig toll dabei.“ Am 6. Januar 2025 folgte dann die rituelle Aufnahme als vollwertiges Mitglied: die Narrentaufe. Auf dem Bollemer Dorfplatz wurde der junge Mann mit Down-Syndrom offiziell als „Hasawedel“ getauft. „Er war so aufgeregt, dass er am ganzen Körper gezittert hat“, schildert die Mutter die Emotionen. Doch wieder ging alles gut. Moritz bekam sein eigenes Häsles-Häs genäht und ist seither bei sämtlichen Aktivitäten der Bollemer Narren dabei. „Das Schöne ist“, sagt Susanne Bitzer, „ich muss nicht mitgehen und auf ihn aufpassen.“​

Die Betreuung übernehmen die Vereinskameraden. Martin Laakmann vorneweg. „Er hat immer ein Auge auf ihn. Mit ihm spreche ich mich ab. Ihm haben wir das alles zu verdanken“, sagt Susanne Bitzer. Narrenchef André Göckel betont, dass die Gruppe es macht: „Wir haben einige Leute im Verein, die in sozialen oder pädagogischen Berufen arbeiten. Da ist immer jemand da, der nach dem Moritz schaut.“

„Einfach unbezahlbar“​

Diese närrische Inklusion sei aber auch „keine Riesensache“ für den Verein, verweist André Göckel auf die Selbstverständlichkeit. Wenn die Narrhalla Boll einen Ball in der Festhalle ausrichtet – wie jetzt wieder am bevorstehenden Samstag, 7. Februar –, dann sei Moritz immer beim Aufbauen dabei. Göckel: „Wenn man ihm Zeit gibt und erklärt, was er machen muss, dann kann er das ganz hervorragend.“​

Nein, so sagt der Narrenchef, als Last habe man den behinderten Vereinskameraden noch nie empfunden. Im Gegenteil: „Es ist einfach schön mit ihm. Wenn er eine Freud‘ hat, haben wir auch eine Freud‘. Für uns ist er eine Bereicherung.“ Und auch von außen habe man noch keine negativen Reaktionen erfahren. „Wir würden es auch nicht akzeptieren, wenn jemand einen dummen Spruch machen würde“, stellt Göckel klar.​

Das Wissen darum beruhigt wiederum Susanne Bitzer ungemein. „Ich weiß, da passiert nichts. Das ist einfach schön.“ Das Allerschönste sei aber, wie Moritz die Zugehörigkeit zur Bollemer Narrenfamilie selbst empfinde: „Er ist da eigenständig dabei. Er fühlt sich erwachsen, braucht nicht seine Mutter als Aufpasserin. Er hat seine Rolle in der Gruppe, wird ernst genommen und hat Spaß.“ Das, so Susanne Bitzer, sei „einfach unbezahlbar, etwas ganz Besonderes, das man nicht kaufen kann. Ein großes Dankeschön an die Narrhalla Boll!“​