Pieter Bruegel: Kampf zwischen Fastnacht und Fasten ist ein Gemälde, das ebenfalls digital im Narrenschopf aufgearbeitet wurde. Screenshot: virtuelles-fastnachtsmuseum.de

Lange nahm man an, dass der so genannte Ambraser Teller in Nürnberg entstand. Dem ist aber nicht so. Wo und warum der reich verzierte Präsentierteller erschaffen wurde, und durch welche Liebesheirat er auf das Schloss Ambras bei Innsbruck gelangte, wird momentan digital im Narrenschopf aufgearbeitet. Im Frühjahr soll das Werk fertig sein.

Bad Dürrheim - Eigentlich wäre am Dreikönigstag der Beginn der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, doch die Coronapandemie macht den Narren einen Strich durch die Planung. Stattdessen müssen sie sich wohl auch in dieser Fastnachtssaison damit begnügen, die Schemen, Larven und Masken zu Hause anzuschauen. Anzuschauen gibt es auch einiges im Museum Narrenschopf, und im Frühjahr kommt ein weiterer absoluter Höhepunkt dazu, der Ambraser Teller. An dessen Digitalisierung wird mit Hochdruck gearbeitet, das Projekte entsteht im Rahmen des Förderprogramms museum4punkt0. Federführend dabei ist maßgeblich Werner Mezger, der das Kunstwerk jahrzehntelang eingehend untersucht und entschlüsselt hat.

 

Narrenschopf in ganz Deutschland anerkannt

In diesem Zusammenhang wird der Narrenschopf in einem Zug mit dem Haus der Geschichte, der Staatlichen Kunstsammlung Dresden oder dem Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven genannt. Und Bad Dürrheim hat sich in den vergangenen Jahren im Rahmen der Förderkulisse einen Namen gemacht, vor allem, was die Digitalisierung angeht. "Wir haben im digitalen Bereich solche Fertigkeit gewonnen, Kunstwerke zu analysieren und zu präsentieren, dass wir in der Oberliga ernst genommen werden. Auch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz fragt in Bad Dürrheim nach, wie wir das machen." Der Stolz auf die Arbeit des gesamten Narrenschopfteams und im Team Museum4punkt0 ist dem Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie deutlich anzuhören.

Der Ambraser Teller ist aus Holz gedrechselt, er hat einen Durchmesser von 78,5 Zentimeter und ist reich verziert und bemalt. In der Mitte steht die Narrenmutter, und um sie herum im Tellerrand, im Uhrzeigersinn ab 12 Uhr, sind sieben Bilder aufwändig gemalt, die die Austreibung der Narrheit zeigen. Das achte jedoch zeigt, warum die Narrheit nicht besiegt werden kann. Soweit die nüchternen Fakten. Doch in dem Teller steckt noch viel mehr – vor allem Historie und eine Liebesgeschichte.

Kontakte helfen bei Realisierung

Werner Mezger kannte den Teller, der auf Schloss Ambras bei Innsbruck gezeigt wird. Die dortige Sammlung ist ein Teil des Kunsthistorischen Museums Wien. Und für die Wiener arbeitete Mezger immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen. Über den Ambraser Teller war nicht ganz so viel bekannt, geschweige denn war entschlüsselt, was die Bilder auf dem farbenprächtigen Präsentierteller bedeuten. Man nahm an, dass er in der Gegend von Nürnberg entstanden ist, allerdings wusste man nicht, wer ihn in Auftrag gegeben hatte oder in welcher Werkstatt dies war. Das sollte sich durch Zufall ändern.

Werner Mezger war Anfang der 1990er-Jahre des öfteren in den östlichen Bundesländern unterwegs und besichtigte Kupferstichkabinette sowie Museen. Auf einer dieser Touren war es. "Das war wie ein Lottogewinn", beschreibt der Volkskundler im Interview. Denn in einer der Sammlungen fand er einen Scheibenriss von Jörg Breu, einem Augsburger Künstler, der zahlreiche Glasscheiben entworfen hatte wie auch ein so genanntes Planetenkinderbild. Er fand die Vorlage des Motivs der Narrenmutter. Somit war klar: Der Herkunftsort Nürnberg musste verworfen werden.

Augsburger Narrengesellschaft Auftraggeber

Auf dem Teller stehen mehrere Namen von Patrizierfamilien, Mezger verglich diese mit dem Geschlechterhandbuch in Augsburg, "jeder Name war ein Treffer", seine Vermutung wurde bestätigt. So kam er weiter dem Geheimnis über die Entstehung des Tellers auf die Spur. In Augsburg gab es eine Narrengesellschaft, die sich an der Narrenmuttergesellschaft in Dijon orientierte. Sie hatte den Präsentierteller, auf dem einst wertvolle Geschenke überreicht wurden, in Auftrag gegeben, und er fand sogar den Namen des Zunftmeisters heraus.

Die Patrizier in Augsburg zerstritten sich jedoch, die Narrengesellschaft wurde aufgelöst und der Teller verkauft, über Umwege gelangte er in das Eigentum von Erzherzog Ferdinand II. von Habsburg-Lothringen. Er war in zweiter Ehe mit Philippine Welser verheiratet und mit ihr schließt sich der Kreis nach Augsburg. Philippine Welser war eine Augsburger Kaufmannstochter, aber nicht irgendeine. Die Familie Welser war auf Augenhöhe mit den Fuggern, denn die Welser hatten das Recht, die Bodenschätze Venezuelas auszubeuten. Es war also ebenfalls eine reiche Familie. Die nicht ganz standesgemäße Heirat des Habsburgers im Jahre 1557 war wohl eine Liebesheirat, denn zunächst durfte niemand von ihr erfahren. Ferdinand schenkte seiner Philippine das Schloss Ambras, und so kam der Augsburger Teller nach Tirol und dort blieb er. Doch geriet seine Bedeutung in Vergessenheit.

5,1 Gigabyte Bilderdaten

Allerdings wollte Werner Mezger den prächtigen Teller wieder ins rechte Licht rücken. In Wien wurde eine Ausstellung vorbereitet, in der auch der Ambraser Teller gezeigt werden sollte, allerdings machte die Pandemie einen Strich durch die Planungen, die Ausstellung konnte lange nicht eröffnet werden. Dies nahm Mezger zum Anlass für einen kühnen Vorstoß. Er machte den Vorschlag, mit der vorhandenen Fototechnik den Teller zu fotografieren, und wenn man mehrmals auslöste und entsprechende Erfordernisse berücksichtigt, könnte man später eine Drei-D-Animation anfertigen. Die Antwort der Wiener war "Mal schauen". Und Mezger war sich somit ziemlich sicher, es würde klappen. Und so kam es. 349 Aufnahmen wurden dem Narrenschopf in Bad Dürrheim für wenig Geld überlassen – mit der Vereinbarung, das digitale Ergebnis zu bekommen und es in Ambras zeigen zu dürfen.

Das neu zusammengesetzte Bild hat 5,1 Gigabyte. Man könnte es an eine Hochhauswand projizieren, es wäre immer noch scharf, erklärt Mezger. So entstand nun ein interaktives Modell des Tellers auf etwa doppelter Größe des Originals. Besser gesagt, es entstehen gerade zwei unterschiedliche Präsentationen. Das ist zum einen ein Film, in dem linear der Teller erklärt wird. Das zweite ist eine Animation, bei welcher der Besucher die Möglichkeit hat, von dem Bild oben (auf 12 Uhr) im Uhrzeigersinn die Bilder und die einzelnen Figuren anzusteuern. Diese erscheinen dann auch so, dass man sie richtig anschauen kann und nicht den Kopf verdrehen muss.

Präsentation im Frühjahr

Der User kann diese dann etwas fragen und kommt so zu Antworten oder wird an eine andere Figur auf dem Teller verwiesen, welche die Antwort weiß. So kann er sich durch die sieben Bilder klicken, die die Methoden zur Ausrottung der Narrheit darstellen, allerdings erfolglos, denn im achten Bild ist ein Sämann mit Pflug abgebildet, der die Narrheit wieder aussäht. Die Präsentation soll im Frühjahr 2022 erfolgen, einen genauen Termin gibt es noch nicht.