Die Angeklagte Conny Glück (vorne) marschierte mit einer Horde Funkenmariechen ein. Foto: Decoux

Pünktlich um 10.31 Uhr läutete am Donnerstag der Narrenbüttel Max Trotter den Einmarsch des Kappeler Narrengerichtes der „Rhinschnooge“ ein. Angeklagt waren „Gullerkönig im Ruhestand“ Rainer Klomfass und Haarstylistin Conny Glück.

Narrengendarm Trotter schickte dem Geschehen voraus: Das ganze Jahr lang habe es nichts wie Ärger und Verdruss gegeben. Jetzt sei es endlich Zeit für die tröstliche Fasent.

 

Am Richtertisch nahm Johannes Saiger mit vier Beisitzern des Narrenrats im vollen Ornat Platz und in der Anklage-Bütt waltete erstmals Eleni Speier mit Narrenspiegel in der Rechten ihres neuen Amtes. Vor die Gerichtsschranken waren heuer die zuvor festgesetzten und eingekerkerten Rainer Klomfass und Conny Glück zitiert worden, um hier gnadenlos abgeurteilt zu werden. Das illustre juristische Spektakel fand draußen im Hinterhof des Rathauses statt, beobachtet von hunderten blendend gelaunten Prozessbeobachtern, teils in Hemdglunker-Nachthemden.

Rainer Klomfass kam als „Gullerkönig im Ruhestand“ aus Rheinhausen zuerst dran. Er habe nun nicht nur als dortiger Hechinger-Wirt die Hähnchenversorgung der ganzen Region leider eingestellt, warf ihm Anklägerin Speier vor, sondern überdies auch noch die stets heftigen Gullerparties samt entsprechenden -schoppen.

Hähnchenkultur nach Kappel gebracht

Klomfass wehrte sich mit Inbrunst. Erst mal käme er aus Vorderösterreich und habe drum vor Kappeler Gerichten gar nichts zu suchen. Dorthin habe er allerdings erstmals Hähnchenkultur gebracht, vorher sei dort nur Schnakensuppe gegessen worden. Mit Messer und Gabel sei das mit seinen Gullern indes noch nicht gegangen, „weil die Kappeler noch nicht so weit waren“. Und die entsprechenden Schoppen habe er nur deshalb abgeschafft, weil die Kappeler Männergäste davon, stets sturzbetrunken, nie heim fanden. Die seien ohnehin wenig trinkfest, weil sie von ihren Frauen nur mit Geißenmilch und Kräutertee traktiert würden.

Schließlich unternahm der Rheinhausener Hühnerkönig noch einen typisch österreichischen Gerichts-Bestechungsversuch mit Linzertorte und Schnaps: „Der eine gibt, der andere nimmt!“ Doch das fruchtete nicht.

Verurteilter hat eine Bedingung

Erbarmungslos wurde Klomfass vom Narrengericht nach kurzer Scheinberatung dazu verurteilt, auf dem nächsten Prunkabend der Rhinschnooge eine Büttenrede halten zu müssen. Das nahm der nur unter einer Bedingung an: „Trinkt dazu, was ihr wollt – aber bringt’s gefälligst selber mit!“

Conny Glück bringt Zeuginnen mit

Die zweite Delinquentin Conny Glück hatte als Kappeler „ortsbekannte Haarstylistin mit Hang zur Provokation“ zu ihrer Verteidigung gleich einige ihrer Damen vom „Mädels-Stammtisch“ auf die Gerichtsbühne mitgebracht, nämlich als höchst agile Funkenmariechen in kurzen Röckchen. Sie hätte sich laut Anklage geweigert, weiterhin Kinder und Große bis hin zum Narrenrat zu schminken?

Mitnichten. Die Anklageschrift sei überhaupt recht verspätet und völlig zerknittert bei ihr angekommen, samt leerer CD-Beweishülle, deren Scheibe sich dann zwischen zwei Mülltonnen fand. Das belegten die Maidele-Damen mit riesigen realen Beweisfotos, so dass Richter Saiger dabei gehörig ins Schleudern kam. Ansonsten habe der Narrenrat vollmundig verlautbart gehabt, Connys Hilfe künftig nicht mehr zu benötigen. Doch das ändert sich jetzt: „Wegen Fachkräftemangel“ kommt man jetzt auf Connys Bereitschaft zurück, alle Akteure des nächsten Prunkabends wieder kosmetisch zu verschönern. Und nicht nur das: Mit fetzigem Song zum Mitklatschen verabschiedeten sich die reifen Funken-Mariechen extra: „Conny – schänk mir ä Hoorschnitt …“

Stolzer Großvater

Nach einer knappen sonnigen Stunde köstlichem Freiluft-Gerichtsklamauk mit einem ganz überraschenden, aber immerhin kurzen Hagelschauer wurde sogleich vor dem Rathaus der neue Narrenbaum in Rekordzeit souverän von Hand aufgerichtet – es braucht dafür sogar weniger als eine Minute Montagezeit. Danach wurde das badische Scherben-Gebäck nebst einigem Freiwein verteilt und hunderte Hemdglunker-Narren feierten in Stehzelten den gelungenen Kappeler Gerichtstag. Dieser geht übrigens auf eine alte Urkunde von 1724 zurück. Darauf fußend hatten dann 1990 Karl Heinz Speier und Johannes Laubis das Kappeler Narrengericht neu ins Leben gerufen. Speier, Großvater der neuen Anklägerin Eleni Speier, ließ es sich am Donnerstag nicht nehmen, die Enkelin bei ihrer ersten Verhandlung beim Narrengericht stolz aus der ersten Ehrenplatz-Reihe zu beäugen.