Das Stuttgarter Duo Böller und Brot taucht im Dokumentarfilm „Narren“ tief in die Rottweiler Fastnacht ein. Im Interview erklären Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, wie sie das geschafft haben.
Stuttgart - Wiltrud Baier und Sigrun Köhler, besser bekannt unter dem Pseudonym Böller und Brot, sind in die Geheimnisse der Rottweiler Fastnacht eingetaucht. In ihrem Dokumentarfilm „Narren“ geben sie so humor- wie respektvoll Einblicke in ein Paralleluniversum mit ganz eigenen Regeln.
Frau Baier, Frau Köhler, was hat Sie an der schwäbischen Fastnacht gereizt?
Baier: Die Narren sind visuell sehr schön, und wir mögen schwierige Themen. Unser „Türöffner“ war Andreas Schreitmüller, damals bei Arte. Er ist aus Rottweil, mag unsere Filme und dachte, wir wären richtig dafür.
Köhler: Wir waren auch offen, obwohl wir keine Närrinnen sind. Ich komme aus dem Evangelischen, mich gruselt’s da eher – man hat ja so seine Vorurteile.
Trotzdem haben Sie es gewagt . . .
Köhler: In der Narrenzunft hat noch nie jemand gefilmt. Und uns war schnell klar, dass wir etwas Größeres erzählen können: Wer darf dabei sein, wer nicht? Schon Leute aus dem Nachbarort gelten in Rottweil als falsche Narren.
Baier: Da geht es um Integration und Exklusivität. Ich war in München-Pasing auf der Grundschule, und dort war es was, in Pasing geboren zu sein. In bin in Erlangen geboren, und das Gefühl, es nie zu schaffen, in Pasing geboren zu sein, hat mich als Kind sehr beschäftigt. Das anhand der Narren zu erzählen, fanden wir super.
Wie war der Zugang zu den Narren?
Köhler: Die Zunft war uns gegenüber sehr offen, es gibt auch eine gewisse Selbstironie. Im Ausschuss der Narrenzunft sind alle politischen Couleurs vertreten, wie im „richtigen Leben“, das spiegelt sich auch in den Diskussionen.
Baier: Zum Beispiel bei der Grundsatzfrage, ob ein kleiner Scherz mit der Fastnachtsglocke erlaubt ist oder ein Traditionsbruch.
Sie haben viele solcher Anekdoten gesammelt – wie schwierig war das?
Baier: Sigrun ahnt als Kamerafrau oft voraus, wenn etwas passieren wird, und fängt das dann auch ein. Wir erleben manchmal wirklich magische Momente.
Köhler: Wenn man nur zu zweit ist, braucht man Intuition, man muss schnell sein und Zeit mitbringen. Wir waren über einen Zeitraum von drei Jahren in Rottweil. Da trifft man Leute immer wieder und kann so Geschichten fortschreiben.
Zur Kostümschneiderin, die Haare auf den Zähnen hat und jedem misstraut, der nicht Schwäbisch spricht, kommt eines Tages eine Brandenburgerin . . .
Baier: Das war ein Geschenk. Genau wie die Szene mit dem Glockenriemenmacher, der die Entstehung der Narrenwurst erklärt. Da kommt ein Kunde rein, der nicht in Rottweil narren darf, weil er aus einem Vorort kommt und dort eine Hummel ist. Wie die darüber reden, das ist einfach zauberhaft.
Im Ausschuss der Narrenzunft sind nur Männer. Waren die irritiert über Ihre Fragen zu diesem Thema?
Köhler: Wir durften als Frauen dort filmen, da liegt es nahe, danach zu fragen. Es gibt ja in unserer Gesellschaft diese „normale“ Diskriminierung, Bereiche, die seit Jahrhunderten nur Männer vorbehalten sind und worüber auch nicht gesprochen wird. Viele Frauen wollen von sich aus auch gar nicht da rein.
Baier: Da ist wieder das Thema: Wer darf dabei sein und wer nicht?
Haben Sie bewusst nach Rebellinnen gesucht? Eine soll ja mal ins Rössle geschlüpft sein, die zentrale, Männern vorbehaltene Fastnachtsfigur.
Köhler: Man sieht ja nicht, wer hinter einer Maske ist, diese Frau wurde verpfiffen. Die Figur durfte ein Jahr lang nicht an der Fasnet teilnehmen, für Rottweiler eine schreckliche Strafe. Überlingen ist angeblich noch strenger: Werden Frauen im „Hänsele“ erwischt, wirft man sie im Winter in den Bodensee.
Die Rottweiler fürchten, dass der Besucheransturm ihre Fastnacht beschädigt. Wie haben Sie das erlebt?
Köhler: Die Touristen sehen den Narrensprung als Event und haben oft keine Ahnung, was das eigentlich bedeutet.
Baier: Die eigentliche Fastnacht findet in den Häusern statt, und da kommt man als Außenstehender schwer rein.
Sie schon und mit Ihnen Ihre Zuschauer. Sie zeigen sogar, wie ein Rössle sich eine kleine Einkehr gönnt . . .
Baier: Das war ein unglaublicher Glücksmoment, da dabei sein zu dürfen, auch visuell: 15 Grad minus, Gegenlicht, Schnee, Dampf. Allein dafür hat es sich gelohnt, tagelang in der Kälte herumzulaufen.
Narren. D 2021. Regie: Wiltrud Baier und Sigrun Köhler. 97 Minuten. Ab 6 Jahren. Am 11.11. finden im Stuttgarter Kino Delphi zwei Premieren mit den Filmemacherinnen statt, für 18 Uhr gibt es noch Karten unter 0711 / 29 24 95.
Die Regisseurinnen und die Kinowoche
Böller und Brot
Die Schwäbin Sigrun Köhler und die Bayerin Wiltrud Baier lernen sich beim Studium an der Ludwigburger Filmakademie kennen und machen seit ihrem Diplomfilm „How Time flies“ (1999) im Duo Dokumentarfilme. Zu ihren Werken zählen „Schotter wie Heu“ (2002), das Porträt des Leiters der kleinsten Sparkassenfiliale Deutschlands, „Alarm am Hauptbahnhof“ über die Proteste gegen Stuttgart 21 (2011) und das Autorinnen-Porträt „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“ (2015).
Weitere Kinostarts
„Last Night in Soho“: In dem Horrorthriller träumt eine junge Frau oft von den wilden 60ern, und irgendwann mischen sich Traum und Realität. „Die Rettung der uns bekannten Welt“: Drama von und mit Til Schweiger über einen Vater mit einem bipolar gestörten Sohn.
„Lieber Thomas“: Albrecht Schuch („Berlin Alexanderplatz“) spielt in diesem Biopic den rebellischen DDR-Schriftsteller Thomas Brasch.
„Billie“: Dokumentarfilm über die legendäre Jazzsängerin Billie Holiday.