Ein Goethe- oder Schiller-Haus kennen alle – aber wie viele Häuser berühmter Frauen fallen uns ein? Die Stuttgarter Künstlerin Nana Hülsewig lädt in ihre Wohnung in der Dobelstraße ein.
Den Hauseingang ziert eine große Tafel mit Daten aus dem Leben dieser Künstlerin: Geburtsjahr und -ort, Leben und Werke, dazu ein Portrait zur Person Hülsewig. Die Türen sind geöffnet, leuchtende Neonröhren weisen den Weg in den oberen Stock. Die Nachbarn grüßen freundlich.
Am Samstagnachmittag hat die Stuttgarter Performance-Künstlerin Nana Hülsewig ihre Künstlerinnenwohnung in der Dobelstraße 7 geöffnet und das Publikum zum Rundgang durch ihre Wohnstatt und ihr Leben eingeladen – das „Hülsewig-Haus“ hat zwischen 16 und 18 Uhr geöffnet, heißt es in der Ankündigung. Wer Nana Hülsewig bereits aus dem Theater Rampe und dem Projekt „NAF“ zusammen mit Fender Schrade kennt, ahnt, dass hier Kunst mit dem besonderen „Oha“ und „Oh ja!“ passiert. Und auf der Tafel steht: „Die Künstlerin ist bekannt für ihren subversiven Humor“. Ein Humor, der sich mit tiefem Ernst verbindet und vorzugsweise an gesellschaftlichen Strukturen kratzt.
Mit der Performance „Iconic – Goldene Stunden einer Künstlerin“, die in Kooperation mit der Rampe und Projektraum Ostend entstand, persifliert Hülsewig nicht nur das eigene Leben als Künstlerin, sondern auch den Mythos des Künstlertums: Ein Goethe- oder Schillerhaus kennen alle, doch weshalb sind Häuser, die nach berühmten Frauen benannt sind, so selten? Älter werden, Frau sein, Körper sein? Zur Premiere am Samstag war die Tanzperformance der finnischen Künstlerin Annika Tudeer zu sehen, die sich mit diesen Themenfeldern befasst.
Im Kästchen die Milchzähne
Wenn das eigene Bett zum Ausstellungsstück wird, auf dem die Decke noch vom Morgen zerknittert liegt, mit einer Kaffeetasse daneben, erzählt das eine Geschichte. Das ist wie Hacking, sagt Hülsewig. Und sie bietet zahlreiche Gelegenheiten für den voyeuristischen Blick. Bücher auf dem Nachtschrank, ungeöffnete Briefe, in einem Kästchen die Milchzähne – Erklärungen zu den „Exponaten“ gibt es im Ausstellungskatalog: etwa zu „zwei Chanel-Lippenstiften in den Farben Velvet und Passion“ oder dem „ersten Arbeitslaptop Apple iBook G3 snow“, versehen mit der Anmerkung: „Durch das Gerät entdeckte die Künstlerin, dass sie schreiben kann. ‚Ich kann gut denken, wenn ich tippe’.“
So streifen Besuchende durch eine fremde Vier-Zimmer-Wohnung in Stuttgart-Mitte, die über einen verwunschen bepflanzten Erker die Stadt erahnen lässt. Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Flur, Badezimmer, Gästezimmer, Schlafzimmer – ein Leben für die Kunst. Einundsechzig Jahre ist Hülsewig nun alt und hat sich – auch dank ihres Humors - noch zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt, so zumindest die Erzählung.
Zu sehen ist die Ausstellung noch bis Ende Juni, entweder Samstagnachmittag oder wahlweise auch mal Dienstagfrüh, dann heißt es „Die Künstlerin erwacht“, mit Führung, Frühstücksgespräch oder auch mal einer Teezeremonie.
Hereinspaziert
Termine:
17.5. bis 28.6., samstags 16 Uhr, dienstags 3. Und 17.6. 8 Uhr
Zur Person:
Nana Hülsewig, 61, ist freie Künstlerin und Performerin, Musikerin und Kostümbildnerin. In ihren Arbeiten beschäftigt sie sich unter anderem mit den Themen Identität, dem älter werden, dem feindseligen Blick auf den Körper und Rollenkonstruktionen. Als Performance-Duo „NAF“ war sie in der Vergangenheit mit Fender Schrade unter anderem mit dem Projekt „Norm ist Fiktion“ zu sehen.