Vor 50 Jahren verhinderte die Umweltbewegung in Wyhl am Kaiserstuhl den Bau eines Atomkraftwerks. Mitinitiator Axel Mayer erinnert sich an die Anfänge der Umwelt- und Anti-AKW-Bewegung und sagt, wie er die heutige Atomkraft-Debatte erlebt.
Das Motto der Proteste von damals ist vielen noch geläufig: „Nai hämmer gsait“ („Nein haben wir gesagt“) war 1975 die Antwort eines gesellschaftlich breit aufgestellten Widerstands gegen die Pläne der Badenwerk AG, im beschaulichen Dörfchen Wyhl am Kaiserstuhl ein Atomkraftwerk zu bauen. Mit dabei: der spätere Grünen-Politiker, BUND-Geschäftsführer und Aktivist Axel Mayer (69) aus Endingen. Im Gespräch erinnert er sich an die bewegten Tage der Bauplatzbesetzung von Wyhl.
Herr Mayer, wie hat das mit dem Wyhl-Protest damals angefangen?
Der Protest gegen das AKW Wyhl hat schon vor 1975 begonnen. Da war zuerst der Widerstand gegen das AKW im benachbarten Breisach am Kaiserstuhl. Dann kam der Protest in Marckolsheim im Elsass. Dort war ein extrem umweltvergiftendes Bleiwerk geplant. Bei dieser Bauplatzbesetzung war ich aktiv dabei und habe erstmals kritische Informationen zur Atomenergie erhalten. Aus dem jungen, uninformierten Atomkraftbefürworter Mayer wurde ein Umweltschützer.
Breite Teile der Gesellschaft an Protest beteiligt
Wie sehr hat das Thema damals die Menschen motiviert, wer hat sich alles beteiligt am Protest?
Eines der vielen Erfolgskonzepte der damaligen Proteste war die heute unvorstellbare gesellschaftliche Breite und Vielfalt der Bewegung. Da waren Kaiserstühler Winzerinnen und Freiburger Freaks, wertkonservative Landfrauen und dörfliche Honoratioren. Linke Studierende debattierten mit evangelischen Pfarrern. Extrem unterschiedliche politische Ideen und unterschiedliche Lebensentwürfe sind aufeinander getroffen. Bereichernd war es auf jeden Fall.
Und wie lange ging das? Wie haben sich die Behörden positioniert?
Im Gegensatz zum schnellen Erfolg im Kampf gegen das Bleiwerk war Wyhl ein lang andauernder Konflikt. Nach der ersten Bauplatzbesetzung am 18. Februar 1975 in Wyhl kam die Räumung durch die Polizei. Am 23. Februar 1975 folgte auf eine Großkundgebung mit 28 000 Menschen die Wiederbesetzung. Danach kam ein langer rechtlicher und politischer Streit und eine freiwillige Beendigung der Besetzung. Erst 1994 wurden die Baupläne für die Atomkraftwerke in Wyhl endgültig beendet. Seit 1998 ist der Wyhler Wald Naturschutzgebiet.
Wie hat es sich angefühlt, als Wyhl schließlich vom Tisch war?
Der Erfolg war irgendwann absehbar. Die Region war erleichtert. Gerade die Atomkatastrophe von Tschernobyl hatte ja gezeigt, wie recht die Umweltbewegung hatte. In Wyhl war uns ja vom Badenwerk (heute EnBW) noch gesagt worden: „Nimmt man an, dass sämtliche Sicherheitseinrichtungen eines Kernkraftwerkes nicht funktionieren, dann würde dies mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Milliarde pro Jahr passieren.“
Solar- und Windenergie als Alternativen
Heute wird wieder über den Ausstieg aus dem Atomausstieg gesprochen. Wie fühlt sich das für Sie an?
Das „Nai hämmer gsait“ hat den Protest geprägt. Aber in Wyhl gab es auch das frühe Ja zu den zukunftsfähigen Energien. Welch positive Entwicklung im Bereich Solar- und Windenergie haben wir mit unserer ersten Solarausstellung am Kaiserstuhl mit angestoßen! 54 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms kommen heute aus erneuerbaren Energien. Strom aus Wind und Sonne ist kostengünstiger als Strom aus Kohle- und Atomkraftwerken. Gerade die neuen französischen Atomkraftwerke sind nicht nur ein Risiko, sondern auch ein finanzielles Fiasko. Ich verstehe nicht, warum konservative, wertebewahrende Parteien auf eine Hochrisikotechnologie setzen, wenn es billigere, ungefährliche und umweltfreundliche Alternativen gibt. Wer in Wahlkämpfen von Heimat redet, sollte nicht auf eine heimatgefährdende Technologie setzen.
Wie stehen Sie zum aktuell geplanten sogenannten „Technocentre“ in Fessenheim? Politisch ist da mittlerweile eher Ruhe eingekehrt.
Es ist gut, dass sich die französische Umweltbewegung, unterstützt von uns, gegen das geplante „Technocentre“ wehrt. Die wesentlich größeren Gefahren für unsere Heimat am Ober- und Hochrhein kommen allerdings aus der Schweiz. Im Leibstadt strahlt ein altmodischer Siedewasserreaktor vom Reaktortyp Fukushima. In Beznau läuft das älteste Atomkraftwerk der Welt. Und erneut in Grenznähe soll das atomare Endlager der Schweiz den Atommüll eine Million Jahre sicher aufbewahren. Doch viele geologische Aspekte sprechen gegen den Standort, der mit ungeheuer viel Geld durchgesetzt werden soll.
Wyhl und Marckolsheim waren Ihr Einstieg in die Politik. Welche persönliche Bilanz ziehen Sie heute?
Als ich 1975 zur Bauplatzbesetzung fuhr, war in Deutschland, Frankreich und Europa noch die Zeit der „guten, alten, offenen“ und vor allem sichtbaren Umweltzerstörung und Umweltvergiftung. Flüsse waren stinkende Kloaken, Kinder in der Umgebung von Verbrennungsanlagen litten an Pseudokrupp, und der Schweizer Atommüll wurde noch im Meer versenkt. Wenn heute in Bächen wieder gebadet werden kann, wenn die Luft sauberer geworden ist, wenn Strom aus Wind und Sonne billiger ist als Strom aus neuen AKW und Kohlekraftwerken, dann sind diese Erfolge nicht vom Himmel gefallen. Und ich bin auch ein wenig stolz, für einen menschengerechten Fortschritt gekämpft zu haben. Dennoch bleibt für die jungen Aktiven heute noch viel zu tun.
Das ist Axel Mayer
Axel Mayer
(69) kam durch den erfolgreichen grenzüberschreitenden Protest gegen das geplante Bleichchemiewerk in Marckolsheim im Elsass 1974 zur Umweltbewegung. Er war drei Jahrzehnte lang Geschäftsführer des Umweltverbands BUND in Freiburg und saß mehr als 30 Jahre für die Grünen im Emmendinger Kreistag. 2024 hat er sich aus der Politik zurückgezogen, bleibt aber ein politisch aktiver Mensch und engagiert sich in der von ihm 2020 gegründeten Mitwelt Stiftung Oberrhein für Themen wie Chancengleichheit, Arten- und Umweltschutz und demokratische Werte.