Zu teuer, zu wenig nachgefragt: Der Umwelt- und Technikausschuss des Kreistags hat nun bei der Nahverkehrs-App die Reißleine gezogen.
„Das war nicht unser Glanzstück“, konstatierte Kippenheims Bürgermeister Matthias Gutbrod, Sprecher der Freien Wähler im Umwelt- und Technik-Ausschuss (UTA), am Dienstag. Gemeint war die Entwicklung einer eigenen Nahverkehrs-App für den Ortenaukreis, für die sich das Gremium 2020 entschieden hatte.
Mit seiner Einschätzung war Gutbrod nicht allein im Saal: Bei der Sitzung des Gremiums beim Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg in Ringsheim (siehe Info) herrschte große Ernüchterung.
Die Ortenauer Nahverkehrsapp ging Juni 2023 mit einer Landesförderung für 36 Monate und einem ambitionierten Ziel an den Start: „Ortenau Mobil“ sollte sämtliche Mobilitätsangebote im Kreis bündeln – zumindest nach und nach. Tatsächlich kamen immer mehr Funktionen hinzu, die Nutzerzahlen stiegen zuletzt auch an. Dennoch blieb die Anwendung zum Ende der Förderperiode – diese läuft zum Juni aus – weit hinter den Erwartungen zurück.
Nur 7055 Nutzer haben ein Benutzerkonto
Mit 7055 registrierten Nutzern hatten sich nicht einmal zwei Prozent der Kreisbevölkerung ein Konto bei „Ortenau Mobil“ eingerichtet. Dafür waren insgesamt rund eine Million Euro – exklusive der Förderung durch das Land – in die Anwendung fürs Smartphone geflossen.
Zudem schlägt die App mit hohen Betriebskosten zu Buche: für 2025 waren dies 231.000 Euro, für das laufende Jahr sollen es 212.000 Euro sein. Die Zahlen stellte Annette Streif, Leiterin des Amts für Straßenverkehr im Landratsamt, dem Gremium am Dienstag vor.
Zuvor hatte Landrat Thorsten Erny „schweren Herzens“ die Diskussion und Entscheidung über die Einstellung der App aufgerufen. Die sei zwar „technisch mittlerweile ausgereift“, verursache aber erhebliche Betriebskosten. Angesichts der prekären Finanzlage hatten die Kreisgremien auf Einsparungen gepocht – diese machte das Landratsamt bei „Ortenau Mobil“ aus.
Jährlich 50.000 Euro für die Integration in KVV-App
Zumindest die regionalen Funktionen der App hofft die Verwaltung jedoch in die Anwendung „Regiomove“ der Karlsruher Verkehrsbetriebe (KVV) integrieren zu können. Dafür ersuchte Landrat Erny um die Zustimmung des Gremiums – und um „Grünes Licht“ für jährlich 50.000 Euro als anteilige Betriebskosten auf fünf Jahre, falls man sich mit dem KVV einig wird.
„Wir hätten uns die App schon damals nicht leisten können“, blickte CDU-Sprecher Stefan Hattenbach auf 2020 zurück. Für eine eigene App sei der Kreis viel zu klein. Man habe sich jedoch vor sechs Jahren auf eine Art Kompromiss geeinigt – dazu sei seine Fraktion auch jetzt bereit. Für das Thema On-Demand-Verkehre – also flexible Bedienformen, wie etwa Anrufsammeltaxis – sei perspektivisch eine App notwendig. Daher signalisierte er für seine Fraktion Zustimmung zur Finanzierung der anteiligen Betriebskosten.
„Bei mir macht sich da schon Ernüchterung breit“, erklärte Kreisrat Gutbrod für die Freien Wähler. „Mit dem Wissen heute, dass diese App sehr wenig genutzt wird, hätten wir dem nicht zustimmen dürfen.“ Innerhalb seiner Fraktion sei das Thema „kritisch diskutiert“ worden, ebenfalls mit Blick auf die On-Demand-Verkehre schlage das Pendel jedoch zu Gunsten des Verwaltungsvorschlags aus. „Wenn wir jetzt gar keine App mehr hätten, müssten wir vermutlich eine neue entwickeln. Ich glaube, das wäre dann der Schildbürgerstreich schlechthin.“
Gremium gibt schlussendlich grünes Licht
Auch Bernhard Kohmann für die SPD, Sven Rothmann für die AfD sowie Martin Aßmuth für die FDP sprachen sich dafür aus, zumindest die regionale Funktionen in die KVV-App zu retten und „Ortenau Mobil“ einzustellen. Anders die Grünen-Fraktion: „Wir hätten sie zum jetzigen Zeitpunkt noch fortgeführt“, erklärte Ausschusssprecher Frank Himmelsbach. „Drei Jahre sind eine zu kurze Zeit um ein neues Angebot dauerhaft zu etablieren.“ Gleichzeitig müssen man jedoch die Haushaltslage ernstnehmen.
Schlussendlich stimmte der Ausschuss einstimmig dafür, „Ortenau Mobil“ zum nächstmöglichen Zeitpunkt einzustellen und Verhandlungen mit der KVV aufzunehmen. Zudem gab das Gremium grünes Licht für 50.000 Euro auf fünf Jahre.
Ausschuss auf Ausflug
Außer der Reihe tagte der Umwelt- und Technikausschuss des Kreistags am Dienstagnachmittag beim Zweckverband Abfallbehandlung Kahlenberg in Ringsheim. Im Anschluss an den nicht-öffentlichen Teil der Sitzung erhielten dessen Mitglieder noch eine Führung.