Gemauert: Es müsse "nur zwei Fledermäuse im Tunnel geben und das ganze Projekt ist stillgelegt", brachte Hans-Jörg Heinrich als eine von vielen Hürden für die Realisierung ins Spiel. Foto: Sum

Kurz sah es so aus, als würde Schiltach seine Zusage doch noch zurückziehen, sich an der Machbarkeitsstudie zu Reaktivierung der Bahnlinie nach Schramberg zu beteiligen. Nach intensiver Diskussion gab es zwar einen neuen Beschluss – das Ja steht aber weiterhin.

Schiltach - "Den Beschluss, uns an der Machbarkeitsstudie zu beteiligen, hat der Gemeinderat in einer nichtöffentlichen Sitzung schon gefasst", erklärte Bürgermeister Thomas Haas eingangs. Bei der Klausurtagung des Rats sei das Thema behandelt worden. Weil die Ratsmitglieder damals noch eigene Ideen und Anregungen hatten, sei der Wunsch aufgekommen, die Studie auch noch mal öffentlich zu diskutieren.

"Halbe Museumsbahn"

"Die meisten Schiltacher sehen das Projekt von der Realisierung her kritisch", schilderte Michael Buzzi seine Wahrnehmung. Auch wenn Ideengeber Armin Fenske "echt Ahnung" vom Thema habe, "ist das meiner Ansicht nach ein Projekt, das nie kommen wird", schloss sich Buzzi der Skepsis an. Gerechnet werde mit einer eingleisigen Strecke und einem Zug, der eine Fahrzeit von 16 Minuten hat. "Damit kann nur ein Stundentakt realisiert werden – das ist nicht zukunftsträchtig", erklärte er. Er wollte nichts reaktivieren, "was in der Vergangenheit liegt" und sprach von einer "halben Museumsbahn", die bei der Umsetzung entstehen würde. Die Strecke habe sich früher schon nicht rentiert. Deshalb seien die 30 Millionen Baukosten, zu denen dann in der Folge die Betriebskosten dazukämen, "eigentlich ein Wahnsinn".

Pilotprojekt zu autonomem Fahren

Buzzi wollte die Chance für den Ausbau des Nahverkehrs nutzen – aber "um etwas Zukunftsträchtiges zu machen". Seine Hoffnung: Zusammen mit dem Land könnte ein Pilotprojekt gestartet werden, etwa zum autonomen Fahren. Auch digitale Lösungen waren für ihn denkbar. Es gebe viele Konzepte, "wie sich der Nahverkehr modern und flexibel handhaben lässt". "Vielleicht lässt sich das Land überzeugen, eine Studie zu machen, wie sich die Strecke zwischen Schramberg und Schiltach mit etwas Neuem reaktivieren lässt", fasste er zusammen.

Nahverkehr im Ganzen betrachten

"Den Stundentakt nach Schramberg gibt es ja größtenteils schon. 30 Millionen Euro für keine Verbesserung – das macht es für mich schon fragwürdig", befand Ulrich Gebele. Auch er störte sich daran, dass sich die Studie auf die Bahn beschränke und nicht die Verbesserung des Nahverkehrs im Ganzen untersuche. Er forderte "eine gewisse Verkehrsmittel-Offenheit" der Studie. Kritik kam auch von Hans-Jörg Heinrich: "Ich bin dagegen, Geld für ein Projekt auszugeben, dass eh zum Scheitern verurteilt ist." Da müsse es "nur zwei Fledermäuse im Tunnel" geben und "das ganze Projekt ist stillgelegt". Auch die alten Brücken könnten nicht mehr genutzt werden, befürchtete er. Obwohl die Kosten, die die Stadt für die Studie aufbringen muss, überschaubar seien, "da gibt es bessere Dinge, für die wir das Geld ausgeben können".

Mehrwert durch den Radweg

Philipp Groß befand die Reaktivierung nur nach Schramberg "unsinnig". Er wollte untersucht haben, ob sich der Nahverkehr nach Rottweil verbessern ließe. Allerdings pflichtete er bei, dass die Anbindung ans Kinzigtal für Schramberg sicher attraktiv sei. "Den Mehrwert hat Schiltach durch den Radweg, nicht durch die Bahn, die sowieso nie kommen kann", meinte auch Inge Wolber-Berthold. Die weiterführenden Schulen und mitarbeiterstarken Unternehmen fänden sich hauptsächlich in Sulgen – "dann müsste man erst wieder in den Bus umsteigen".

Zusage zurückziehen?

"Wir haben unser Okay zur Studie gegeben, ohne die Details zu kennen", sagte Axel Rombach. Die jetzt vorliegende vorläufige Studie habe für ihn nun "viele Probleme gezeigt", sodass das Projekt noch mal zu überdenken sei. Sabine Bösel fragte, ob die Stadt ihre Zusage noch zurückziehen könnte. Jaqueline Stehle bezweifelte, dass die Stadt mitbestimmen könne, dass die Studie sich nicht nur auf die Bahn beschränke. Sie wollte es "nicht vertreten, unser Geld nur gefälligkeitshalber auszugeben, weil es unangenehm wird", die Zusage zurückzunehmen. Sonst müsse im Beschluss verankert sein, dass die Stadt darauf bestehe, dass die Studie auch innovative Verkehrsmittel untersuche – oder sie sich andernfalls nicht beteilige, forderte sie.

"Wir brauchen Partner"

Diese Wendung gefiel Bürgermeister Thomas Haas überhaupt nicht: "Glauben Sie nicht, dass die Stadt Schiltach allein bestimmen kann, was Sache ist. Wir brauchen den Landkreis und die Stadt Schramberg", verwies er auf die Zusammenarbeit im Nahverkehr. "Wenn wir erst sagen wir machen mit, und dann machen wir die Tür zu – das wird bestimmt viel Freude auslösen bei der Nachbarstadt und in Rottweil", meinte er sarkastisch. Die Stadt könne Anregungen geben und "gucken, dass wir es gelenkt bekommen – aber wir brauchen Partner".

Michael Buzzi sprach sich in der Folge dafür aus, "dass wir uns nicht querlegen", die Ergänzungen des Rats – etwa die Förderung des autonomen Fahrens und das Fortbestehen eines Radwegs als Bedingung – aber an den Landkreis weitergegeben werden sollten. Sein Antrag: "Das Ja bleibt bestehen, aber wir bitten die Studie, auch in Richtung innovativer Projekte zu gehen." Diesem stimmte der Rat mehrheitlich zu – bei zwei Gegenstimmen von Sabine Bösel und Jürgen Haberer sowie der Enthaltung von Jaqueline Stehle.

Mehr als 500 Fahrgäste am Tag

Ob die Machbarkeitsstudie überhaupt kommt, hängt auch von der Potenzialanalyse ab, die der Landkreis beauftragt hat. Sie soll eine Aussage darüber treffen, ob eine Machbarkeitsstudie überhaupt Sinn macht und welche Kosten dafür zu erwarten sind. Ein maßgeblicher Wert dafür sind nach Angaben des Landratsamts täglich mindestens 500 Fahrgäste. Inge Wolber-Berthold hoffte daher, "dass wir unter 500 bleiben" und sich das Projekt von selbst erledigt. Diese Hoffnung hat sich inzwischen zerschlagen. Wie das Landratsamt am Donnerstag auf Nachfrage unserer Redaktion mitteilte, liegt die "Potenzialanalyse seit wenigen Tagen vor" – die Fahrgastschwelle von 500 kann "gut überschritten werden", informiert die Pressestelle. Die Analyse werde am kommenden Montag im Kreistag vorgestellt. Dort fällt auch die endgültige Entscheidung zur Machbarkeitsstudie.

Info: Darum geht’s

Das Land will den öffentlichen Nahverkehr ausbauen. Ein Baustein ist die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken – wie zwischen Schiltach und Schramberg.

Dafür soll eine Machbarkeitsstudie her, die das Land mit 75 Prozent fördert. Die restlichen 25 Prozent teilen sich der Landkreis, der die Hälfte davon bezahlt, die Städte Schramberg und Schiltach demnach je ein Viertel. Allerdings gilt die Förderung nur für Anträge, die bis Ende 2021 gestellt werden.

Das Bahngleis soll nach ersten Ideen großteils auf dem bestehenden Radweg verlaufen, der neben der Strecke neu angelegt werden soll. In Schramberg selbst könnte die Bahn auf die Straße wechseln und schließlich durch Innenstadt und Fußgängerzone bis zum Busbahnhof fahren.

Denkbare Haltestellen unterwegs sind Schiltach Süd, Hinterlehengericht, Bahnhof Schramberg (Lidl), Stadtmuseum/Schloss, Stadtverwaltung und Busbahnhof.