Israelische Soldaten auf dem Golan. Foto: imago/ZUMA Keystone

Der Überfall Ägyptens und Syriens an Jom Kippur trifft Israel vor 50 Jahren völlig unvorbereitet. Mehrere Tage droht dem jüdischen Staat die Vernichtung. Ein Trauma, das bis heute nicht überwunden ist.

Die Straßen sind leer, die Geschäfte geschlossen, das öffentliche Leben steht still an diesem 6. Oktober 1973. Schließlich ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag. Selbst das Radio schweigt. Doch kurz nach 14 Uhr wird die Stille durch Sirenengeheul unterbrochen. Ägyptische und syrische Truppen haben die Grenzen überschritten, um ihre 1967 im Sechstagekrieg verlorenen Gebiete zurückzuerobern und die Juden ins Meer zu treiben. Ein Angriff, der Israel unvorbereitet trifft und bis heute traumatisiert.

 

An Warnungen hatte es nicht gemangelt. Die letzte am 5. Oktober, als Ashraf Marwan, Israels Topspion in Kairo und Schwiegersohn des verstorbenen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, Alarm schlägt. Selbst Jordaniens König Hussein war vorstellig geworden. Doch Premierministerin Golda Meir will den ohnehin schlechten Ruf Israels nicht durch einen zweiten Präventivschlag weiter belasten.

Debakel auf dem Sinai

Um politisch Pluspunkte zu sammeln, müsse man „ein kalkuliertes militärisches Risiko akzeptieren“, erklärt Verteidigungsminister Mosche Dajan und verzichtet auf die vom Generalstab geforderte Generalmobilmachung. Israel soll auf keinen Fall als Aggressor dastehen wie 1967, als man in einem Präventivschlag die angriffsbereiten Armeen Ägyptens, Jordaniens und Syriens mühelos zerschlagen hatte. Auch deswegen hält sich die Sorge in Tel Aviv in Grenzen, hat der Sechstagekrieg doch gezeigt, wie schwach der Gegner ist.

Doch das „kalkulierte Risiko“ erweist sich als zu groß, seine vornehme Zurückhaltung wird Israel fast zum Verhängnis. Im Süden setzen 100 000 ägyptische Soldaten über den Suezkanal und bringen das Ostufer unter ihre Kontrolle. Ihnen gegenüber steht nur eine Notbesatzung, von der die Hälfte den nächsten Tag nicht erleben wird. Erste Gegenstöße scheitern, verfügen die Ägypter doch über modernste sowjetische Raketen, mit denen sie reihenweise israelische Kampfjets und Panzer ausschalten. General Ariel Scharon spricht von einem Desaster. „Wie konnten 400 Panzer an die Ägypter verloren gehen“, fragt US-Außenminister Henry Kissinger kopfschüttelnd, als der israelische Botschafter um neue Waffen bittet.

Israel macht kurzen Prozess

Im Norden sieht es nicht besser aus: Dort haben 1000 syrische Panzer die israelischen Stellungen auf den Golanhöhen durchbrochen und stehen kurz vor dem See Genezareth. So dramatisch ist die Lage, dass Meir den Einsatz von Atomwaffen erwägt. Dajan, Held des Sechstagekriegs, verliert die Nerven, fürchtet das Ende Israels.

Doch dann wendet sich das Blatt. Mit frischen Truppen gelingt im Norden der Gegenschlag. Vier Tage nach Kriegsbeginn stehen die Israelis 30 Kilometer vor Damaskus. Im Süden kommt es zur größten Panzerschlacht seit dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Ruf „Gott ist groß“ hatten die Ägypter die israelischen Stellungen überrannt, ein paar Tage später ist Gott offenbar nicht mehr aufseiten der Araber, denn die Ägypter stehen nun außerhalb des Schutzschirms ihrer von Moskau gelieferten Raketen. Dort warten 750 israelische Panzer und machen kurzen Prozess. Zwei Tage später gelingt Scharon der Sprung über den Suezkanal. Die Ägypter sitzen in der Falle – und Scharons Panzer stehen kurz vor Kairo.

Mythos der Unbesiegbarkeit

Es ist eine Schmach, und doch feiern sich Ägypter und Syrer als Sieger, wurde der Mythos der israelischen Unbesiegbarkeit doch angekratzt – wenn auch nur für ein paar Tage. Dass die arabische Militärgeschichte dafür um ein Kapitel voller Pannen und Pleiten reicher ist, wird ausgeblendet. Am 26. Oktober ist der Spuk vorbei, ein eilig geschlossener Waffenstillstand verhindert die Vernichtung der arabischen Truppen. Durchgesetzt von der Sowjetunion, die mit einer Eskalation des Krieges und eigenen Truppen droht. US-Präsident Richard Nixon spricht von der „schwersten Krise seit Kuba“.

Wenig ruhmreich ist auch der Beitrag der Bundesrepublik: So wie die Regierung Scholz im Falle der Ukraine erweist sich auch die Regierung Brandt als zögerlicher Verbündeter, auf den man sich im Ernstfall kaum verlassen kann. In den deutschen Nachrichten aus den Kriegstagen heißt es denn auch: „Von der moralischen Unterstützung der Bundesrepublik hält man in Israel nicht viel.“

Blick in den Abgrund

Dass Israel so unverhofft in den Abgrund schaut, hat seine Gründe. Zum einen die Überheblichkeit der Israelis, zum anderen massive sowjetische Waffenhilfe, die sich nicht nur in Materiallieferungen erschöpft. Israelische Offiziere werden später berichten, dass die ägyptischen Truppen ab Regimentsebene von russischen Offizieren geführt wurden. Gerettet wird Israel von Waffenlieferungen der USA, was die Ölkrise auslöst, die den Bau neuer Atomkraftwerke nach sich zieht, die Entstehung der Anti-AKW-Bewegung und letztlich auch die Gründung der Grünen.

Dass sich beide Seiten nicht als strahlender Gewinner fühlen können, ermöglicht 1979 einen Friedensschluss zwischen Ägypten und Israel. Wobei Präsident Anwar as-Sadat einen hohen Preis dafür zahlt: Ägypten wird aus der Arabischen Liga ausgeschlossen, er selbst 1981 während einer Parade zum Gedenken an den Jom-Kippur-Krieg erschossen. Seine Witwe wird später schreiben: „Mein Mann war kein Opfer des Krieges: Mein Mann war ein Opfer des Friedens.“

David ohne Schleuder

Dajan und Meir sind da längst zurückgetreten, zu verhängnisvoll war ihr Zögern. Das Trauma, ausgelöst durch die drohende Auslöschung, bleibt und frisst sich tief in die Gesellschaft. Wird doch schmerzhaft klar, wie verwundbar Israel ist. Denn in den ersten Tagen des Konflikts steht David ohne Steinschleuder da. So führt der Krieg die gern erzählte Mär vom israelischen Goliath endgültig ad absurdum, steht den damals knapp drei Millionen Juden doch eine ganze Weltreligion gegenüber, die von Jakarta bis Marrakesch reicht.

Heute wird der Hass auf Israel selbst im Westen öffentlich ausgelebt, herausgebrüllt auf Pro-Palästina-Demos und Al-Quds-Märschen in Berlin, verkleidet als „Israel-Kritik“ in linken Zirkeln und rechten Kreisen, zur Kunst erklärt bei Konzerten des ehemaligen Frontmanns von Pink Floyd oder bei der Documenta.

Auch von den Vereinten Nationen hat die einzige Demokratie des Nahen Ostens nichts zu erwarten, beschließt die Generalversammlung doch zuverlässig mehr Resolutionen gegen Israel als gegen alle Diktaturen und Schurkenstaaten zusammen. Die israelischen Stellungen sind seit dem Jom-Kippur-Krieg jedenfalls auch am höchsten jüdischen Feiertag gut besetzt. Nur für den Fall.