1968 zeigen die Luftbilder die Baumaßnahmen zur Nagoldtalsperre bei Seewald/Erzgrube. Foto: Landesarchiv/StAL/EL68IX-568

Hochwasserschutz und Wassersportstätte zugleich: Die Nagoldtalsperre boomt als Freizeitort für Touristen aus ganz Deutschland – zum Ärger von Thomas Nägele, Umweltschutzbauftragter der Gemeinde Seewald. Im Jahr 1968 war die Talsperre – wie die damaligen Luftbilder zeigen – noch mitten im Bau.

Kreis Freudenstadt/Seewald - Ob mit dem Stand-Up-Paddle-Board, dem Segelboot oder Schnorchel und Taucherbrille. Auf dem rund 2,9 Kilometer langen Wasserspeicher herrscht in den Sommermonaten stets reger Betrieb. Surfer, Taucher, Segler und alle anderen "Wasseratten" toben sich vom 1. April bis 30. September auf der Nagoldtalsperre aus. Rundherum beleben Wanderer und Camper das Obere Nagoldtal. In der Zwischenzeit ist die Talsperre ein Anziehungsmagnet für Touristen. Doch das war nicht immer so.

Im Zeitraum von 1965 bis 1971 gebaut

Auf den Luftbildern von 1968 ist der heutige Wasserspeicher kaum wiederzuerkennen. Der Grund: Die Nagoldtalsperre wurde im Zeitraum der Aufnahme – von 1965 bis 1970 – gerade erst gebaut.

Und dieser Schritt war längst überfällig: Denn in regelmäßig wiederkehrenden Naturkatastrophen und Überschwemmungen im Laufe der Nagold war der Bau der Nagoldtalsperre unausweichlich. Bereits zur Jahrhundertwende um 1900 gab es erste Pläne für eine Sperre in der Region um Freudenstadt. Diese wurden aufgeschoben – bis 1965 der Spatenstich erfolgte. Ursprünglich waren gar vier kleine Talsperren geplant, wie Thomas Nägele berichtet. Mitte der 1970er-Jahre besuchten dann die ersten Touristen den Wasserspeicher.

Im Winter 2001/2002 war der Stausee ohne Wasser

Wie ging die Geschichte weiter? In den Jahren 2001/2002 wurde dann eine umfassende Sicherheitsüberprüfung abgehalten – über den Winter verfügte der Stausee kein Wasser, wie vom Landesbetrieb Gewässer Freudenstadt, zuständige Behörde für die Talsperre, mitteilt. Bei der Prüfung wurde festgestellt, dass selbst der 1000-jährige Hochwasserfall sicher abgeleitet werden kann.

Mit der Errichtung des Wasserspeichers hat die Schwarzwaldregion mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Neben dem eigentlichen Zweck, dem Hochwasserschutz und der Aufhöhung des Niedrigwassers, fungiert die Nagoldtalsperre als umweltfreundlicher Stromlieferant. Eine Turbine am Fuße des Staudamms hat bei Vollstau und einem maximalen Durchfluss von 1200 Litern pro Sekunde eine Maximalleistung von 275 Kilowatt. Die Turbine an der Nagold ist an rund 300 Tagen im Jahr in Betrieb.

Tourismus hat auch seine Schattenseiten

Auf den Bildern deutlich sichtbar: Durch den Bau erlangte der Stausee erst seine Breite von maximal 250 Metern und seine Tiefe von maximal 35 Metern. Der Gesamtinhalt der Nagoldtalsperre beträgt rund 5,6 Millionen Kubikmeter Wasser. Ebenfalls auf den Bildern von heute zu erkennen ist die Trennung von Haupt- und Vorsperre. Erstgenannte ist auch das Paradies für Wassersportler.

Doch dieses hat auch seine Schattenseiten für Flora und Fauna – insbesondere seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie im Frühjahr 2020, wie Thomas Nägele ausführt: "Die Touristenzahlen nehmen immer mehr zu. Wir wollen eigentlich gar nicht, dass die Nagoldtalsperre als Attraktion ausgewiesen wird." Mit 3500 bis 4000 Naturliebhabern sei an einem schönen Sommertag mittlerweile zu rechnen. Autokennzeichen aus Heidelberg, Mannheim und Frankfurt säumen die Parkplätze vor Ort.

Die Verstöße gegen die Rechtsordnung rund um die Talsperre nehmen als Folge dessen zu: "Wir befinden uns immer noch in einem Landschaftsschutzgebiet", so Nägele. Freilaufende Hunde, Wildcamper und Lärm durch Motorrad-Raser hätten dort nichts zu suchen.

Nagoldtalsperre erfüllt ihren Zweck

"Die Regelverstöße nehmen überhand", appelliert Nägele an das Bewusstsein der Touristen. An einen Ausbau der Touristenangebote rund um den Wasserspeicher sei daher nicht zu denken. Immerhin: Die Talsperre hat seit ihrer Errichtung den Zweck erfüllt. "Es gab seither keine Überschwemmungen mehr rund um die Nagold." Die Überflutung infolge des Starkhagelereignis vergangenen Juni habe nichts mit der Rückhaltefunktion der Nagoldtalsperre zu tun.

Was die Zukunft wohl bringt? Häufiger auftretende Dürreperioden wegen des Klimawandels kann die Talsperre, die für einen gleichmäßigeren Wasserstand sorgt, ausgleichen. Wie im Jahr 2020, als es in der Sommersaison keinen Tropfen geregnet hat. "Der Wasserpegel der Hauptsperre war damals am Ende des Sommers extrem niedrig", erinnert sich Nägele. Er betont: "Es ist unklar, wie es mit der Nagoldtalsperre weitergeht." Nägele blickt angesichts weiter steigender Besucherzahlen mit einem mahnenden Auge in die Zukunft. Mit solchen Herausforderungen hatte man im Jahr 1968 nicht gerechnet.