Peter Ammer am digitalen Spieltisch: Die Tastatur ist nur noch über den Computer mit der Orgel verbunden. Foto: Beyer

Mit digitalen Mitteln alles aus der Orgel herausholen: Das ist die Vision von Kantor Peter Ammer. Die Musikanlage der Stadtkirche hat er dazu in ein Experimentierlabor verwandelt.

Nagold - Mit einem Tabletcomputer steht Kantor Peter Ammer zwischen den Bänken der Nagolder Stadtkirche. Auf dem Touchscreen drückt er auf ein Symbol und die Orgel beginnt zu spielen. Während das Lied läuft, probiert Ammer verschiedene Register durch. Alles digital. Alles drahtlos über den Tablet-Computer. "So kann ich ausprobieren, welche Einstellung am besten klingt", erklärt Ammer. Dank des Tablets muss er dafür nicht neben der Orgel sitzen und hört somit die Orgel genauso wie später die Gottesdienstteilnehmer.

Ganz wichtig dabei: Der Ton kommt nicht aus dem Computer, sondern wird von den Pfeifen der Orgel erzeugt. Der Computer spielt nur auf der Orgel, so wie sonst der Organist. Dazu wurden in die Orgel eine Vielzahl kleiner Magneten eingebaut, die auf Befehl des angeschlossenen Computers die Ventile der Orgelpfeifen öffnen und schließen können.

Sensoren registrieren jeden Tastendruck

Durch die neue Technik wird erstaunliches möglich. So hat Ammer die Orgel so programmiert, dass sie ganz von allein ein Lied im Stil der venezianischen Mehrchörigkeit spielt. Die verschiedenen Elemente der Orgel und die kleinere Orgel hinter dem Altar werden dabei im Wechsel angespielt. Möglich ist das nur mit dem Computer. Denn die ständigen Manualwechsel sind zu komplex, als dass ein Musiker sie während des Spiels vornehmen könnte.

Weitere digitale Technik verbirgt sich im Innern des Spieltischs. Winzige Sensoren erkennen, welche Taste gedrückt wird und geben die Information an den Computer weiter. Zusätzlich kann die Orgel über eine gänzlich digitalen Spieltisch angesteuert werden, der derzeit vor dem Altar steht.

So ist es möglich, auf der Tastatur eine einfache Melodie einhändig zu spielen. Der Computer erkennt, welche Tasten gedrückt werden und spielt die passenden Akkorde dazu. Dadurch entsteht ein voller Klang, so als würde ein erfahrener Orgelspieler in die Tasten greifen.

Somit könnte auch ein Klavier- oder Keyboard-Spieler ohne Orgelerfahrung einen Gottesdienst begleiten. Solche Lösungen werden dringend gebraucht, denn es gibt immer weniger Organisten.

Das habe unter anderem damit zu tun, dass es in Deutschland immer weniger praktizierende Christen gebe, erklärt Ammer. Ein weiteres Problem: "Wenn ein altgedienter Organist in den Ruhestand geht, brauche ich vier neue, um ihn zu ersetzten. Weil die jungen nicht jeden Sonntag spielen wollen, sondern nur einmal im Monat."

Ist die Zukunft der Orgel also digital? Ammer weiß, dass viele davon noch nicht überzeugt sind. "Sowohl die Orgelbauer als auch die Kirchenmusiker haben Angst ohne Ende." Deshalb möchte Ammer mit Theologen, Musikern und Orgelbauern über die drängendsten Fragen diskutieren. Dafür hat er ein Symposium organisiert, das an diesem Wochenende stattfindet. Dabei stets im Zentrum der Aufmerksamkeit: Die Orgel der Nagolder Stadtkirche. "Hier kann man zeigen, wie die Zukunft einmal aussehen könnte."

Doch wenn es nach ihm geht, ist die derzeitige Orgelanlage noch nicht das Ende des Fortschritts. Denn Ammer möchte die Entwicklung einer künstlichen Intelligenz anstoßen, die nicht nur die Orgel vollautomatisch spielen, sondern sich dabei auch an den Gesang der Gemeinde anpassen soll.

Die neue Technik ist nicht unumstritten

So könnte der Computer dann dafür sorgen, dass die Orgelbegleitung die richtige Lautstärke hat, an den richtigen Stellen Pausen zum Luftholen setzt und die Tonhöhe passt. "Damit die Kirchenbesucher nicht vor sich hinbrummen müssen."

Doch Ammer ahnt, dass solche Ideen nicht unumstritten sind. "Wir diskutieren beim Forum auch die Frage: Wollen wir das, dass im Gottesdienst neben dem heiligen Geist auch die künstliche Intelligenz wirken darf?"

Wer sich nun selbst einen Eindruck von den neuen technischen Möglichkeiten machen möchte, hat dazu am nächsten Wochenende Gelegenheit bei gleich drei Orgelkonzerten. Am Freitag, 24. September, spielt Peter Schleicher ab 19 Uhr Stücke von Bach und Improvisationen, bei denen er die Klänge der Orgel mit digital erzeugten Tönen kombiniert.

Am Samstag, 25. September, treten ab 20 Uhr Maciej Sledziecki und Marion Wörle mit ihren digitalen Kompositionen in der Stadtkirche auf. Sie lassen gänzlich den Computer die Orgel bedienen.

Eine Orgelmatinee folgt dann am Sonntag, 26. September, um 11.30 Uhr. Lucas Bastian wird dabei sowohl ganz klassisch auf der Orgel spielen, als auch vom Computer Orgelklänge künstlich erzeugen lassen. Bei letzterem wird nicht die Orgel vom Computer angesteuert, sondern der Ton direkt über die Lautsprecheranlage ausgegeben. So kann das Publikum den echten Orgelklang mit dem digital erzeugten vergleichen.

Sowohl die Konzerte als auch das Symposium sind für die Allgemeinheit zugänglich. Während beim Symposium eine Teilnahmegebühr fällig wird, sind die Konzerte kostenlos. Um eine Spende wird aber gebeten. Besucher können sich anmelden per Mail an Bezirkskantorat.Nagold@elk-wue.de.