NS-Zeitzeuge Rolf Hinderer (96 Jahre). Foto: Manuel Virág

Mit 16 Jahren an der Westfront die Schützengräben ausgehoben, später einen Schraubstock mit Hermann Hesse geteilt. Rolf Hinderer hat in Nagold von der NS-Zeit erzählt.

„Zunächst warfen sie Sprengbomben und danach warfen sie Brandbomben mitten ins Chaos“ – erinnert sich NS-Zeitzeuge Rolf Hinderer bei seinem Vortrag im Nagolder Bürgerzentrum.

 

In Zusammenarbeit mit dem Jugendgemeinderat und der Urschelstiftung, teilte der 96-Jährige seine Erinnerungen an die NS-Zeit, das Kriegsende und den Neuaufbau in der Nachkriegszeit.

Kritik an der heutigen Gesellschaft

Zu Beginn seines Vortrags, kritisierte Hinderer die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die momentan in Deutschland stattfindet.

Durch Krisen, wie die Corona-Pandemie, der Situation in Gaza oder dem Ukrainekrieg, gepaart mit einer instabilen Regierungssituation, habe sich der Rechts-und Linksextremismus in den letzten Jahren wieder verstärkt, so Hinderer.

Die Zerstörung in der Ukraine erinnere ihn außerdem an die Zustände nach dem zweiten Weltkrieg, an Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit, die kurz nach Kriegsende im Mai 1945 in Deutschland herrschten.

Frühe Jahre und Eintritt in die NPEA

Die Nationalsozialisten lockten mit Arbeit und Angeboten für die Jugend, auch Hinderer selbst sei von den Uniformen und Freizeitangeboten verzaubert worden, erinnert er sich. So trat er zunächst in das „Jungvolk“ ein und später in die Nationalpolitische Erziehungsanstalt (NPEA), eine Eliteschule der Nationalsozialisten.

Die NPEA sei laut Hinderer allerdings nie über die Machenschaften der Partei aufgeklärt worden. Hinderer habe nie etwas über die Verbrechen der Nationalsozialisten erfahren, behauptete er. Der politische Einfluss seiner Professoren sei ihm erst Jahre später bewusst geworden.

Einsätze beim Schanzen und Luftangriffe auf Pforzheim

Im Jahre 1944 wurde Rolf Hinderer mit gerade mal 16 Jahren zum Schanzen in das Elsass geschickt. An Weihnachten gab es Urlaub. Von Weihnachtsstimmung war allerdings wenig zu spüren, denn Hinderer und seine Familie saßen die meiste Zeit nur im Luftschutzkeller. Es sei das letzte mal gewesen, dass er seine Mutter gesehen habe, erzählt Hinderer.

Im Februar 1945 kam es dann zu einem erneuten Bombenangriff auf Hinderers Heimatstadt Pforzheim. „Zunächst warfen sie Sprengbomben, dann warfen sie Brandbomben mitten ins Chaos“, erinnert sich Hinderer. Seine Mutter habe den Angriff nicht überlebt. Hinderer sei währenddessen mit dem „Volkssturm“ in Gefangenschaft der Franzosen geraten, er habe nach dem Krieg vor den Trümmern seines Elternhauses gestanden.

Neubeginn und Wiederaufbau

Nach Kriegsende hatte der junge Hinderer nun nichts mehr. Seine Heimat war zerstört, er war arm und auf ihm lastete das negative Stigma eines NPEA-Mitgliedes. Sein Vater, welcher aus der Kriegsgefangenschaft der Amerikaner frei kam, bemühte sich darum, mit seinem Sohn in Stuttgart Fuß zu fassen und habe Trümmer für eine Aufenthaltsgenehmigung geschippt.

Rolf Hinderer selbst sei die Stuttgarter Aufenthaltsgenehmigung aufgrund seiner NPEA-Vergangenheit verwehrt geblieben.

Rolf Hinderer mit Mitgliedern des Jugendgemeinderats. Foto: Virág

So habe er in Calw eine Ausbildung bei Heinrich Perrot angefangen, wo er sich einen Schraubstock mit Hermann Hesse geteilt habe. Trotzdem war das Geld knapp. Als die anderen Lehrlinge ihre Butterbrote auspackten, habe er sich geschworen irgendwann aus der Armut zu kommen.

Mit Erfolg: Hinderer stieg in den 1950er Jahren mit seiner eigenen Modekollektion aus Ski- und Rennhosen zum erfolgreichen Unternehmer auf.

Appell an die neue Generation

Am Ende seines Vortrags appellierte Hinderer, sich gegen die politische Spaltung im Land einzusetzen und zeigte sich erschüttert darüber, dass die Schrecken der NS-Zeit bereits nach drei Generationen schon wieder vergessen zu sein scheinen.