Autorin Sanne Jellings aus Hamburg las in Nagold. Foto: Barbara Rennig

Autorin Sanne Jellings aus Hamburg spürte in der vierten Veranstaltung der Nagolder Literaturtage einer der prägenden Frauenfiguren in Deutschland nach.

Einige Schulen sind nach ihr benannt, doch weiß man auf Anhieb, wer Helene Lange war, die als Pionierin der deutschen Emanzipation gilt und nicht nur für die damalige Frauengeneration vieles wagte und anstieß? Sanne Jellings, zur vierten Veranstaltung der Nagolder Literaturtage aus Hamburg angereist, verriet deshalb einige Eckdaten aus der Biografie der 1848 – 1930 lebenden politisch äußerst aktiven Frau, ehe sie die Zuhörenden in ihren Roman „Helenes Stimme“ eintauchen ließ.

 

Mit 16 Jahren verwaist

Ihr Impuls war, so die 48-jährige Literaturwissenschaftlerin und Autorin, die selbst Wurzeln auf der Schwäbischen Alb hat, einer prägenden Frauenfigur in Deutschland selbst nachzuspüren. Das führte sie dann zu Helene Lange, die mit 16 Jahren verwaist, aus einem freigeistigen Oldenburgischen Elternhaus 1864 in ein schwäbisches Pfarrhaus kommt – als „Pensionatstochter“, um sich im dortigen Haushalt auf ihre spätere Rolle in der Ehe vorzubereiten.

Helene geht lieber spazieren

Für Helene Lange war es laut eigener Beschreibung das Jahr, das sie zur Frauenrechtlerin machte. Bereits bei ihrer Ankunft fällt Helene auf: Sie grüßt von sich aus, richtet das Wort an ihren Pensionsvater – und wirkt überhaupt „unzeitgemäß“ selbstbewusst und offen. Das fasziniert Pfarrerstochter Marie zwar, doch schreckt sie auch ab in ihrer tradierten Rolle zwischen zwei Brüdern und im Pfarrhaus als quasi öffentlichem Ort, in dem immer wieder zahlreiche Gäste einkehren, Nachbarn anklopfen, die versorgt sein sollen, Pflichten in Haushalt und Garten zu erledigen sind. Helene geht lieber spazieren, statt Äpfel für den Sonntagskuchen zu pflücken oder beim Backen zu helfen, spielt Schach, mischt sich in philosophische Tischgespräche ein, die traditionell Herren vorbehalten sind, und erhebt sozusagen ihre Stimme, während man Marie die ihre genommen hat.

Ehrendoktorwürde der Uni Tübingen verliehen

Zu Beginn des Buches, das zwischen mehreren Zeitebenen und den wechselnden Perspektiven von Helene und Marie angelegt ist, begegnet man der rund 80-jährigen Marie: Gebeugt, psychisch angeschlagen, in der Königlich-Württembergischen Irrenanstalt Bad Schussenried lebend, kann sie nur in Erinnerungen schwelgen. Helene hingegen konnte dank einer Erbschaft mit 21 Jahren nach Berlin ziehen, wo sie sich durch private Studien aufs Lehrerinnen-Examen vorbereitet (denn Hochschulzugang war Frauen untersagt), später ein Lehrerinnenseminar gründet und politisch aktiv wird. Ihre Forderung nach gleichen Bildungs-, Berufs- und politischen Chancen finden ebenso Ausdruck in der 1887 herausgegebenen „Gelben Broschüre“ oder dem „Handbuch der Frauenbewegung“. Just 1926, als Marie einsam am Federsee herumstreift, weiht Helene in Hamburg eine nach ihr benannte Schule ein. Auch wurde ihr inzwischen die Ehrendoktorwürde der Uni Tübingen verliehen.

Sittenbild des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts

Warmherzig und sprachlich prägnant entwirft Sanne Jellings ein Sittenbild des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, mit den beiden so unterschiedlichen Frauen als Protagonistinnen. Zwar ging die Spurensuche der Autorin authentischen Quellen nach, doch vieles in dem Roman sei auch Fiktion, verrät Sanne Jellings. Das überwiegend weibliche Publikum zeigte sich äußerst angetan vom Blick auf die damalige Zeit und die ungewöhnliche Führungsfigur der frühen deutschen Frauenbewegung.