Drei Nagolder Biografien aus der NS-Zeit stehen im Mittelpunkt eines Vortragsabends. „Ich erwarte durchaus einen kontroversen Abend“, sagt einer der Referenten.
„Der Kreis Calw in der Zeit des Nationalsozialismus.“ Dieses erst vor wenigen Wochen erschienene rund 700 Seiten dicke Buch, sorgt derzeit ganz schön für Aufsehen. Aktuelle Forschungen zur Zeit des Nationalsozialismus werden darin aufgearbeitet – offen, ehrlich, schonungslos.
Von wegen Schlussstrich - auch 80 Jahre nach dem Kriegsende und dem Untergang der Schreckensherrschaft der Nazis ist noch lange nicht alles aufgearbeitet. Im Gegenteil. Ein Buch wie dieses hat lange auf sich warten lassen. Und es stößt auf reges Interesse.
Zu sehen ist das auch an den gut besuchten Vortragsabenden, die rund um die Buchveröffentlichung im gesamten Kreis Calw derzeit stattfinden. In Nagold steht ein solcher Abend am Donnerstag, 9. Oktober, ab 19 Uhr im Kubus an. „Verwalter, Verfolgter und Vollstrecker“, haben die Referenten ihren gemeinsamen Abend überschrieben. Drei Nagolder Biografien aus der Zeit des Nationalsozialismus stellen sie in den Mittelpunkt.
Ein Abend mit Gabriel Stängle, Claire Hölig und Lena Hauser
Interessant dabei, dass es keine Urnagolder sind, die da ihre Forschungsergebnisse präsentieren werden. Dafür sind sie aber echte Erinnerungsprofis. Und die drei wissen ganz genau, wie man Themen und Biografien wissenschaftlich recherchiert und aufarbeitet.
Gabriel Stängle, Claire Hölig und Lena Hauser haben jeweils Beiträge zu dem Buch geschrieben. Und aus diesen Forschungen heraus werden sie auch die Nagolder Biografien beleuchten.
Der Verwalter ist Nagolds Alt-Bürgermeister Hermann Maier, der Verfolgte ist der im Nagolder Exil gestrandete Künstler Otto Dünkelsbühler. Und der Vollstrecker ist der Leiter des damaligen Gesundheitsamtes, Gerhard Lang.
„Ich erwarte durchaus einen kontroversen Abend!“ Dieser Satz stammt von Gabriel Stängle, der schon seit vielen Jahren wichtige Forschungsarbeit zu Geschichtsthemen in Nagold vorantreibt, auch mit seinen Schülern der Christiane-Herzog-Realschule. Stängle ist einer der Herausgeber des Buchs. Und er wird die eher unbekannte Biografie des Gerhard Lang beleuchten.
„Wir wollen auch mit Legenden aufräumen“
Während die drei Referenten im Redaktionsgespräch über ihre jeweiligen erarbeiten Biografien sprechen wird auch schnell deutlich, dass es da auch immer wieder Verbindungen gibt.
Für erwähnte Kontroversen könnten zum Beispiel die Einschätzungen zu Alt-Bürgermeister Hermann Maier sorgen. Der Mann ist immerhin Ehrenbürger dieser Stadt. Seine Biografie hat Stadtarchivarin Claire Hölig erarbeitet. Maier war von 1913 bis 1945 Bürgermeister in Nagold und saß später auch noch 17 Jahre im Gemeinderat dieser Stadt. Im Galgenberg erinnert die Hermann-Maier-Straße an ihn. Umstritten ist Maiers Rolle als Bürgermeister in der NS-Hochburg Nagold dennoch – und heute mit größerem Abstand vielleicht mehr denn je. „Wir wollen auch mit Legenden aufräumen“, sagt Claire Hölig. Zum Beispiel jener, dass Maier doch nur Schlimmeres verhindert habe.
„Es ist schwierig, in solchen Zeiten unpolitisch zu bleiben“
Gerade diese eher unpolitische Haltung, die Maier nachgesagt wird, trage zur Stabilisierung des Systems bei, macht Stängle deutlich. „Es ist schwierig, in solchen Zeiten unpolitisch zu bleiben“, findet er. Und Claire Hölig verdeutlich weiter: „Er war ganz und gar Teil des Systems.“
Die drei Biografien aus der NS-Zeit haben Überschneidungen. Das wurde auch Lena Hauser schnell deutlich, als sie ihren Beitrag über den Maler Otto Dünkelsbühler verfasste. Schockierend fand sie unter anderem auch den Umgang, mit dem verfolgten Künstler nach der NS-Zeit. In Nagold jedenfalls landete der aufstrebende Künstler mit jüdischen Vorfahren nur wegen den NS-Schikanen – und er blieb ein Leben lang.
Dass es zwölf Jahre brauchte, bis Dünkelsbühler eine Wiedergutmachung zugestanden wurde - für Nagolds Museumsleiterin ist das nahezu unfassbar. Ihr Eindruck: Dünkelsbühlers Verfahren wurde ausgebremst an allen Ecken und Enden. „Die alten Beamten saßen ja wieder an den wichtigen Stellen“, erinnert sie. Dünkelsbühler sei finanziell total am Ende gewesen – und habe warten müssen, monatelang, letztlich zwölf Jahre lang. „Und das, obwohl er absolut antragsberechtigt war“, verdeutlicht Hauser.
Letztlich habe er zwar den Höchstsatz zugesprochen bekommen, doch auch der sei nur ein Bruchteil dessen gewesen, was ihm eigentlich zugestanden hätte.
Infos
Der Vortrag
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe des evangelischen Bildungswerks nördlicher Schwarzwald findet der Vortrag „Verwalter, Verfolgter und Vollstrecker: Drei Nagolder Biografien im Nationalsozialismus“ am Donnerstag, 9. Oktober, ab 19 Uhr im Kubus in Nagold statt. Referenten sind Lena Hauser, Gabriel Stängle und Claire Hölig. Codekan Tobias Geiger spricht ein Grußwort