Nagolds neue Stadtarchivarin freut sich über neuen Räume, berichtet im Kusa aber auch von den Widrigkeiten ihrer Arbeit. Dabei wird klar: Es gibt viel aufzuarbeiten.
Es sei die „Lieblingsbeschäftigung der Schwaben“, sagte zumindest Oberbürgermeister Jürgen Großmann in der Sitzung des Kultur-, Umwelt- und Sozialausschusses (Kusa). Und meinte damit „das Aufräumen und Wegschmeißen“, in diesem Fall von Akten und Unterlagen. Die Stadt Nagold verfügt jetzt über ein zentrales Archiv genau dafür.
Im nichtöffentlichen Teil nahmen die Kusa-Mitglieder die neuen Räumlichkeiten im Traube-Center selbst in Augenschein. In der öffentlichen Sitzung dann konnte sich Nagolds neue Stadtarchivarin Claire Hölig, seit einem knappen Jahr im Amt, den Stadträten erstmals mit einem kompletten Rechenschaftsbericht vorstellen.
Nur 30 Prozent sind erschlossen
Was man dazu wissen muss: Seit 1989 war die Stelle des Stadtarchivars nach dem Ausscheiden des letzten Stelleninhabers Karl Kempf nicht mehr besetzt worden. Dadurch sei es im Archivbereich zu einem „erheblichen Arbeitsrückstau“ gekommen.
Heißt: Es gibt ein Problem, im Moment seien nur 30 Prozent des gesamten Nagolder Archivbestandes „erschlossen“ und damit für Nutzer zugänglich, beziehungsweise überhaupt auffindbar. Und von diesen Nutzern gibt es doch einige, wie Hölig zeigen konnte: So hätten sich allein im vergangenem Jahr 75 Personen für Forschungen an das Stadtarchiv gewandt, ein Drittel davon für wissenschaftliche Zwecke, aber auch bei Privatpersonen, Ahnenforschern, bei Nachlassangelegenheiten und im Rahmen von Amtshilfe seien die Bestände gefragt. Und diese Bestände sind in ihren Dimensionen schon auch beeindruckend.
Exakt 868,5 „laufende Meter“ Archivgut gebe es im Moment in Nagold, bisher verteilt auf verschiedene Lager etwa in den Rathäusern der Ortsteile oder in zwei alten Magazinen des Museums Steinhaus.
Und die sind nicht immer im besten Zustand. Dabei sei „teilweise starke Verschmutzung“ noch das kleinste Problem. Wegen eines früheren Wasserschadens in einem der Steinhaus-Archive hätten beispielsweise „vier Archivalien einen Altschimmelschaden“, der im vergangenem Jahr „von einer Restaurierungsfirma fachgerecht gereinigt“ wurde. Und erst im Februar dieses Jahres wurde im Archiv Mindersbach „ein Schimmelbefall entdeckt“, weshalb man diesen Bestand „für die Nutzung gesperrt“ habe. Ein fachgerechte Reinigung auch hier stehe an, um die alten Akten wieder zugänglich zu machen.
Eine Wissenschaft für sich
Und genau das kann eine Wissenschaft für sich sein, wie Claire Hölig im Kusa zeigen konnte. Zum Beispiel erörterte sie, wie nervig es sein kann, wenn man Akten stunden-, tagelang nachträglich für die fachgerechte Langzeit-Archivierung von Metallklammern wieder zu befreien versucht.
Die Stadtarchivarin ergänzte, dass es dabei „um Sorgfalt“ und „handwerkliche Korrektheit“ gehe. Daher mache sie das lieber selbst. Und hat dafür nun künftig im neuen Stadtarchiv insgesamt über zwei Kilometer Archiv-Regale zur Verfügung – wobei mit der Fertigstellung sämtlicher Lagerflächen bis 2024 gerechnet werde.
Information
Aufruf des Stadtarchivs
Es sei das Gedächtnis einer Stadt. Aber auch ein kultureller Auftrag. Das Stadtarchiv. Weshalb Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann sich in der jüngsten Kusa -Sitzung mit einem öffentlichen Aufruf an alle Unternehmen der Stadt wandte, etwaige Altbestände an Akten und Unterlagen nach einer Inventur nicht einfach zu entsorgen und - „bevor sie auf dem Flohmarkt landen“ - doch bitte ans Stadtarchiv zu melden, damit dieses das Material sichten, prüfen und gegebenenfalls für die Nachwelt einlagern könnte.