Foto: Archiv Riefle Foto: Schwarzwälder Bote

Ein kleiner Metallklumpen erinnert an eine der größten Katastrophen in Nagolds Geschichte

Er ist dunkelgrau, zackig, hart, kalt und ganze 51 Gramm schwer. Aber dieser kleine Klumpen Metall erzählt Nagolder Geschichte.

Nagold. Das Objekt des Interesses stammt von dem pensionierten Lehrer Peter Bachteler (Jahrgang 1937), der es in jungen Jahren neben anderen Raritäten in einer Zigarrenkiste von seinem Großvater, dem Schulrat Paul Bachteler (1882-1949), geschenkt bekommen hat. Es war in Zeitungspaper eingewickelt und mit der Aufschrift "Brand in Nagold" versehen. Durch Zufall ergab sich ein Kontakt des Besitzers zu dem Autor, dessen Neugierde sofort geweckt war. Die historische Recherche konnte beginnen.

Wie Peter Bachteler vom Großvater erzählt bekam, war dessen Schwiegervater, Christian Jetter (1854-1917), zunächst Lehrer in Sulz am Eck und in Rohrdorf bei Nagold, danach Aufsichtslehrer am Nagolder Lehrerseminar gewesen. Aus dem Nagolder Ortssippenbuch ist als Beleg zu entnehmen, dass Jetter 19 Jahre, bis zu seinem Tod, am 9. Dezember 1917, in Nagold lebte. Er war Vater von zehn Kindern, von denen eine Tochter, Rosine Elsa, im Jahr 1907 den genannten Paul Bachteler ehelichte. Jetter berichtete ihm, seinem Schwiegersohn, von der schweren Nagolder Brandkatastrophe am 18. September 1893, in dessen Folge auch der alte Kirchturm in der Turmstraße ausbrannte. Der brennende Dachstuhl samt den vier zerschmelzenden Glocken stürzte damals in die Tiefe. Einige Tage nach dem Brand sah sich Jetter an der Brandstätte um und nahm den oben beschriebenen Metallklumpen – ganz eindeutig ein Glockenfragment – als Erinnerungsstück mit nach Hause. Es sollte über vier Generationen in der Zigarrenkiste überdauern und erst jetzt, 124 Jahre später, seine Geschichte preisgeben.

Der Brand wütete schrecklich

Eine Untersuchung des Metallstücks durch Fritz Martini ergab klar, dass es sich um Bonze handelt. Für das Objektfoto wurde ein Teilbereich der Rarität gereinigt, um neben den deutlich dunklen Feuerspuren den Bronzeglanz wieder erstrahlen zu lassen.

Der größte Nagolder Stadtbrand, von dem man weiß, und der im damaligen "Gesellschafter" ausführlich beschrieben ist, brach am 18. September nachts um halb eins in der Scheuer des Gasthauses zum Ochsen (heute Markstraße 16) aus. Die Zeitung berichtete darüber erst am 23. September, also fünf Tage danach, während man doch sonst bei den früheren Bränden in der Tagespresse zeitnah über die Brandkatastrophen ausführlich informiert worden war. Der Grund dafür war, dass die Druckerei und Buchhandlung Zaiser ebenfalls dem Brand zum Opfer gefallen war und provisorisch in anderen Häusern untergebracht werden musste.

Der Brand wütete schrecklich und fand in den alten Fachwerkhäusern, Scheunen und Schuppen zwischen Marktstraße, Hirschstraße und Turmstraße reichlich Zündstoff. Nach einem trockenen Sommer herrschte Wassermangel und die Feuerwehren aus zwölf umliegenden Ortschaften konnten ein Überspringen des Feuers auf die andere Seite der Marktstraße nur mit größter Mühe verhindern.

In dem Zeitungsbericht lesen wir, dass der Brand 27 Wohnhäuser und acht Scheunen in Asche legte und 60 Familien obdachlos wurden. Es heißt weiter über die noch nicht aufgeklärte Entstehungsart des Feuers: "...so darf man sich doch keiner Täuschung darüber hingeben, daß, wie auch die öffentliche Meinung annimmt, böswillige und teuflisch berechnete Brandstiftung vorliegt, und es ist ein berechtigter Wunsch, daß es gelingen möge, den ruchlosen Thäter zu ermitteln und der verdienten Strafe zu überliefern ...". Die Brandursache blieb jedoch ungeklärt.

Nachdem eineinhalb Stunden nach Brandbeginn, um zwei Uhr nachts, Regen einsetzte, gelang es den Feuerwehren wenigstens, das Kaufhaus Heller (heute Waschbetonbau am Turm), die Apotheke, das Rathaus und den Gasthof "Hirsch" (heute Marktstraße 28) zu retten.

Wir lesen den Zeitungsausschnitt weiter, nun zum Thema der Glocken des alten Turms kommend:

"...Leider war eine Rettung (durch die Feuerwehren) nicht möglich bei unserem alten Kirchturm, dem Wahrzeichen von Nagold, dessen brennender Dachstuhl einen schauerlich schönen Anblick gewährte und endlich samt den zerschmolzenen Glocken zum Leidwesen aller guter Nagolder in die Tiefe stürzte, indem die Uhr eben vier Uhr geschlagen hatte. Wie man hört soll der Turm gut versichert sein und samt Glocken wiederhergestellt werden ...".

Ein Augenzeuge schilderte, wie ein ungeheures Flammenmeer die Glocken immer wieder in Bewegung setzte, bis ihr letzter Ton verklungen war und die Glocken in die Tiefe stürzten. Im Zeitungstext folgt eine Bezifferung des Gesamtschadens auf rund 460 000 Reichsmark. Die Frage der Versicherung wird ebenfalls aufgeworfen, und die Namen der über 60 "Abgebrannten" werden aufgelistet.

Die Teilnahme am Unglück war riesengroß, weit über die Region hinaus, sogar ein Telegramm von König Wilhelm II. drückte dessen Bedauern aus. Spenden flossen reichlich und Kollekten brachten den zum Teil nicht versicherten Familien viel Unterstützung.

Die vier Glocken des alten Kirchturms, die die Namen der vier Evangelisten trugen, waren also vom Turm gestürzt und ihre aus Bronze gegossenen Formen zu bizarren Klumpen geschmolzen. Wie man weiß, war in einer von ihnen die Jahreszahl 1446 eingegossen gewesen. Was mit den Metallresten geschah, ist unbekannt. Lediglich das Jetter-Fundstück ist eine letzte Erinnerung an diese einstigen "Rufer vom Turm, die ihre Stimme erheben zum Frohlocken, zum Trost, zur Mahnung, zum Gedächtnis" (Walter Beier, "Nagold, Bild einer Stadt").

Das dreifach tödliche Schicksal der Glocken

Schon im folgenden Jahr, 1894, wurden vier neue Glocken auf den wieder hergestellten alten Turm aufgezogen, von denen allerdings drei bereits am 23. Juni 1917 als "Kriegsopfer für das Vaterland" nach Stuttgart abgeliefert werden mussten. Die Bronze der Kirchenglocken mit ihrem hohen Kupferanteil war ein begehrter Rohstoff und wurde im Ersten Weltkrieg zur Herstellung von Kriegsgerät gebraucht. Für die 1005 Kilo abgeliefertes Glockenmaterial erhielt die Stadt 4015 Mark. Zur Glockenabgabe liest man im "Gesellschafter" vom 23. Juni 1917 unter der Überschrift "Die scheidenden Glocken" folgenden Vierzeiler:

"Das Vaterland hat euch gerufen, Lebt Wohl! Des Sieges Aehre reift. Steigt von des Turmes hohen Stufen, Auch wenn der Schmerz zur Seele greift."

1921 musste die Stadt, bereits also zum dritten Mal, neue Glocken für den alten Turm gießen lassen. Der Zweite Weltkrieg verschonte aber auch dieses neue Geläut nicht. Am 14. März 1942 mussten abermals die drei großen Glocken des alten Turms mit einem Gesamtgewicht von 2480 Kilogramm abgeliefert werden, nur die kleinste blieb zurück. Vierzehn Jahre später, am 11. Mai 1956, beschloss der Gemeinderat die Wiederbeschaffung eines Viergeläutes mit zusammen 3104 Kilogramm zu 25 737,60 DM. Die Große Glocke des Geläutes hat eine es’-Stimmung und trägt die Inschrift: "Des Bürgers Sinn mich neu erschuf, nach Krieg ich nun um Frieden ruf ’. Zum Gedächtnis an 1893, 1918 und 1945 ist dies Geläute von der Stadt Nagold wiedergeschaffen worden."