Regierungspräsidium will Schule dicht machen. Brief an Kultusminister. Wiehe sieht Handlungsbedarf.
Nagold - Binnen weniger Tage und ohne Vorwarnung wollte das Regierungspräsidium Karlsruhe die einjährige Berufsfachschule für Elektronik am Berufsschulzentrum Nagold dicht machen. Nach Interventionen von Schulleitung und Landkreis sollen die Azubis jetzt in Nagold und in Calw zur Schule gehen. An der Nagolder Schule macht man sich jetzt Sorgen.So mancher Betrieb hat derzeit Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden, gerade wenn es um technische Berufe geht. Da ist es schon eine gute Nachricht, wenn sich letztlich 15 junge Menschen – nach einer arbeitsintensiven Werbeaktion der Schule – für das laufende Schuljahr an der einjährigen Berufsfachschule für Elektroniker an der Gewerblichen Schule des Berufsschulzentrums Nagold anmelden. Das Einzugsgebiet des Angebots reicht dabei bis weit in den Kreis Freudenstadt hinein. Der Weg ist also recht weit. Doch die nächste Schule dieser Art liegt noch weiter weg – in Richtung Norden in Calw und in Richtung Süden in Oberndorf am Neckar (Kreis Rottweil).
15 Schüler haben nun also ihre Berufskarriere als Elektroniker am Berufsschulzentrum Nagold begonnen. Und 15 ist für Klassen an Berufsschulen eine heikle Zahl. Denn hat eine Klasse weniger als 16 Schüler, gilt sie als Kleinklasse und muss dem Regierungspräsidium gemeldet und explizit genehmigt werden. Allerdings erfolgt die Meldung üblicherweise nicht in den Ferien, sondern in den ersten Tagen der Schulzeit. So auch im Fall der Elektroniker.
Die Schüler besuchen also schon die Schule, als die Schulleitung am Dienstag vergangener Woche der Anruf des Regierungspräsidiums Karlsruhe erreicht. Und die Nachricht ist eindeutig: Die Kleinklasse wird nicht genehmigt, das Angebot für Elektroniker binnen sechs Tagen komplett nach Calw verlagert.
Daraufhin überschlagen sich die Ereignisse. Schulleiter Reinhard Maier nimmt Kontakt zum Ersten Landesbeamten Frank Wiehe, beim Schulträger Landratsamt für die Berufsschulen zuständig, auf. Sie stimmen sich ab und entscheiden sich für eine Intervention in Karlsruhe. Mit Erfolg. Am vergangenen Donnerstag folgt die zweite Entscheidung aus Karlsruhe: keine Schließung, keine komplette Verlagerung, sondern nur eine Aufsplittung. Die Berufspraxis wird weiter in Nagold unterrichtet, für die Theorie und die Allgemeinbildung müssen die 15 Schüler ins für viele noch weiter entfernte Calw an die Berufsschule, wo sie mit den dortigen Kollegen eine reguläre Klasse bilden sollen – und zwar ab Montag dieser Woche.
"Ein besonnener Kultusminister sollte so viel Rückgrat haben"
Die Blitzentscheidung aus Karlsruhe stößt vor Ort auf Unverständnis und ruft ersten Widerstand hervor. In einem Brief aus der Lehrerschaft an Kultusminister Andreas Stoch, der unserer Zeitung vorliegt, wird die Weiterführung des kompletten Angebots in Nagold gefordert und eine Diskussion mit den Handelnden vor Ort angemahnt. Für den Autor war schnell klar, dass sein Adressat nicht das Regierungspräsidium sein konnte: "Das Regierungspräsidium setzt nur um, was es als Vorgabe vom Land bekommt, und da geht es nur darum, Geld einzusparen", sagt der Autor des Briefes im Gespräch mit unserer Zeitung.
Erster Kritikpunkt an Stoch ist die übereilte Umsetzung der Entscheidung: "Wir können nicht verstehen, dass Sie und Ihre Mitarbeiter uns vor vollendete Tatsachen stellen, ohne den Ausbildungsbetrieben, Eltern und Schülern sowie dem Lehrpersonal Zeit einzuräumen, die Situation zu bewerten", heißt es in dem Brief. "Ein besonnener Kultusminister sollte so viel Rückgrat besitzen und sein Vorhaben rechtzeitig ankündigen."
Der Autor des Briefes fürchtet dass diese Teil-Schließung nur der Anfang gewesen sein könnte, denn andere Klassen stünden ebenfalls auf der Kippe: "Heute sind es die Elektroniker, die dran glauben müssen, morgen die Textilklasse", so der Lehrer, dem schwahnt, dass sich nach Entscheidungen wie diesen viele Jugendliche anders orientieren, die Region verlassen und damit den Betrieben als Nachwuchs verloren gehen könnten.
Schulleiter Reinhard Maier bestätigt, dass das Vorgehen der Karlsruher Behörde jede Menge Unruhe in der Region verursacht habe und befürchtet nun, dass sich die mühsam von der Schule angeworbenen Schüler gegen die Ausbildung entscheiden und der Schule wegbrechen. Er bestätigt auch, dass es innerhalb der Schule stellenweise die Sorge gebe, dass das der Einstieg in den Austieg aus dem Elektroniker-Angebot gewesen sein könnte. Da es im Kreis Calw an den Berufsschulen manche solcher Kleinklassen gibt, steht laut Maier auch die Befürchtung im Raum, dass mittel- bis langfristig Ausbildungsgänge ganz aus dem Kreis in Richtung großer Standorte wie Pforzheim abwandern könnten. "Und dann haben wir ein richtiges Problem", sagt Maier.
Ganz so dramatisch sieht es der Erste Landesbeamte Frank Wiehe nicht, auch wenn er das Vorgehen des Regierungspräsidiums in diesem Fall deutlich kritisiert. "Das kann so nicht sein. Ich hätte nicht gedacht, dass es eine solche Entscheidung geben kann." Darüber hinaus sei der Zeitpunkt der Entscheidung "sehr ärgerlich". Für den Schulstandort Nagold würden die Vorgänge aber keine negativen Konsequenzen haben, ist sich Wiehe sicher, der aber Handlungsbedarf sieht. Es gelte Konsequenzen zu ziehen und sich als Landkreis frühzeitig mit Schulen und Regierungspräsidium über solche Bildungsangebote abzustimmen. Das helfe dabei, die hohe Qualität der Schulstandorte Calw und Nagold langfristig zu sichern.