Charlotte Michel-Biegel kennt sich aus mit Problemen, die Alleinerziehende haben. Foto: Fritsch Foto: Schwarzwälder Bote

Wir im Bürgerzentrum: Charlotte Michel-Biegel vom VAMV berät immer öfter auch alleinerziehende Väter

Plötzlich alleinerziehend – und dann? Betroffene Eltern stehen nicht nur vor ganz praktischen Problemen, sondern fühlen sich auch oft mit den psychischen Belastungen alleingelassen. Charlotte Michel-Biegel will Alleinerziehende auffangen – und für ein bisschen Frieden kämpfen.

Nagold. Wenn es Schlag auf Schlag kommt und ein Elternteil plötzlich alleine dasteht, hat Charlotte Michel-Biegel ein offenes Ohr. Die promovierte Erziehungswissenschaftlerin und Diplom-Sozialarbeiterin ist bei der Nagolder Ortsgruppe des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) die erste Anlaufstelle für Alleinerziehende – im Ehrenamt.

"Solidarität ist meine Triebfeder", erklärt die Mutter dreier erwachsener Kinder. "Was uns wichtig war während des Studiums in den 70er-Jahren in Frankfurt – das hat mich nicht verlassen." Sie schmunzelt verschmitzt. "Damals waren wir noch revolutionärer."

Ein Stück weit revolutionär mochte es für die damalige Zeit jedenfalls erscheinen, dass Michel-Biegel ihr Studium als alleinerziehende Mutter meisterte. "In Frankfurt war das damals gar kein Problem", winkt die 67-Jährige ab. Anders habe dagegen die Situation im ländlichen Raum ausgesehen. Gerade bei der Wohnungs- oder Arbeitsplatzsuche seien Alleinerziehende lange Zeit auf Vorbehalte gestoßen.

In diese Zeit fiel die Gründung der Nagolder VAMV-Ortsgruppe. Dabei stand weniger die politische Interessensvertretung im Vordergrund. In erster Linie profitierten die Frauen vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch und der Gemeinschaft. Und das ist bis heute so.

Vor einigen Jahren beschlossen die Mütter, deren Kinder inzwischen längst erwachsen sind, die Gruppe wieder zu beleben. Zu dieser Zeit stieß auch Michel-Biegel dazu, als sie zufällig einige der Frauen kennenlernte. Inzwischen hat sich ein neuer fester Kern von etwa 15 betroffenen Eltern herausgebildet. Diese stehen in regelmäßigem Kontakt und gehen auch mal gemeinsam aus.

Seit den Gründungszeiten hat sich nicht nur die gesellschaftliche Akzeptanz von Alleinerziehenden verändert, sondern auch der Anteil an betroffenen Vätern. Immer öfter suchen auch alleinerziehende Männer Rat bei der Erziehungswissenschaftlerin. Während bei Frauen oft Existenzängste und der Berufseinstieg im Vordergrund stünden, gelte es für Männer eher, Zugang zum Umfeld des Kindes zu bekommen. "Meistens sind Väter vor einer Trennung voll berufstätig und beispielsweise nicht in den Beiräten in Kindergarten und Schule aktiv", erklärt Michel-Biegel.

Die Beraterin hat in erster Linie ein Ziel: Frieden stiften. Dies sei für alle Beteiligten inklusive Kinder der Schlüssel, um langfristig mit der Situation ins Reine zu kommen. Davon handelt auch ihr erstes Buch, in dem die Wahl-Nagolderin Beispiele von "Kindern im Trennungskrieg" schildert.

So nüchtern die Erziehungswissenschaftlerin Lösungswege abseits des Rosenkriegs aufzeigt, so leidenschaftlich ist ihr Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Dieser führte sie auch in die Politik: Von 2004 bis 2018 war Michel-Biegel stellvertretende Vorsitzende des Kreisverbands der Grünen sowie Bundesdelegierte.

Und auch, wenn sie sich inzwischen etwas aus der Politik zurückgezogen hat, so ist ihr Interesse unverändert geblieben. "Ich bin sehr an Innovationen in der Gesellschaftspolitik interessiert", erklärt die Verfahrenshelferin am Familiengericht. "Dabei möchte ich gesamtgesellschaftlich denken und die Interessen anderer berücksichtigen", erklärt die 67-Jährige.

Auch ihr ehrenamtliches Engagement betrachte sie ein Stück weit als die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Und davon nimmt Michel-Biegel viel auf sich. Ob A.S.M., Tauschring, Eine Welt oder die Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: Nach ihren Tätigkeiten gefragt, fallen ihr spontan nicht einmal alle ein. "Ich bin bei so vielen Vereinen, dass ich manchmal nur durch die Rechnung am Ende des Jahres daran erinnert werde", gesteht sie augenzwinkernd.

Während der Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) auf Bundes- und Landesebene vor allem politische Interessensarbeit leistet, stehen in der Nagolder Ortsgruppe der gegenseitige Erfahrungsaustausch und die Beratung Betroffener im Vordergrund. Dabei ist eine Beratung erst einmal kostenlos und nicht an eine Mitgliedschaft gebunden. Sie kann im Bürgerzentrum zu den Sprechzeiten des VAMV immer dienstags von 10 bis 12 Uhr sowie nachmittags auf Anfrage in Anspruch genommen werden. In der Beratung werden neben weiteren Fragen hauptsächlich die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Gestaltung der neuen Situation von Seiten beider Eltern und der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt thematisiert. Darüber hinaus freuen sich die Mitglieder der Ortsgruppe darauf, weitere Betroffene kennenzulernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Jeden zweiten Sonntag im Montag bietet ein Brunch in den Räumen der A.S.M. die unverbindliche Möglichkeit, sich kennenzulernen und auszutauschen. Eine Anmeldung ist dienstags von 14 bis 17 Uhr im Kinderbüro im Burgcenter oder telefonisch unter 07452/887 94 88 möglich.