Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Nagold Vergessene Power-Frauen im Steinhaus

Von
Vera Kopetz "Stillleben mit Saxophon", 1973 Foto: Schwarzwälder Bote

"Malerinnen des Expressiven Realismus" heißt die neue Ausstellung, die das Museum im Steinhaus vom kommenden Sonntag, 5. Juli an bis zum 16. August in seinen Räumen zeigen wird. Die Werke stammen aus der Sammlung des Tutzinger Kunstsammlers Joseph Hierling.

Nagold. Kein Sekt, keine Häppchen, keine großen Reden. Auch kein versierter Fachvortrag von ausgesuchten Experten über das künstlerische Oeuvre, das die neue, eindrucksvolle Schau im Museum Steinhaus die kommenden knapp sechs Wochen zeigen wird. Corona verhindert die eigentlich geplante Vernissage zur Ausstellungseröffnung. So kommt Sammler Hierling allein für ein Pressegespräch an die Nagold. Und zeigt sich sichtlich beeindruckt.

"Ich bin wirklich total begeistert", sagt der Mann mit der eindrucksvollen grauen Lockenmähne. Der Rahmen in den altehrwürdigen Räumen des Steinhauses sei "perfekt", die von Museumsleiterin Herma Klar kuratierte Präsentation einer Auswahl seiner Bilder "vortrefflich gelungen". Seit über 50 Jahren hat sich Hierling als Sammler auf Werke des Expressiven Realismus’ spezialisiert, hat dabei mit mehr als 1500, 1600 Bildern die weltweit bedeutendste geschlossene Sammlung dazu zusammengetragen. Der 1942 in München geborene Sammler ist gelernter Kameramann, war später lange Jahre Leiter der Film- und Fernsehproduktion beim Bayerischen Rundfunk.

Hierlings Sammel-Leidenschaft wurde entscheidend durch den Kunsthistoriker Rainer Zimmermann geprägt, der in den 1980ern ein Buch über die deutsche Malerei "der vergessenen Generation" herausgebracht hatte – und diese einem "Expressiven Realismus" zuordnete. "Kein Kunststil im eigentlichen Sinne", wie Hierling beim Pressegespräch im Steinhaus erläutert. Eher ein Oberbegriff für eine Künstlergruppe – eine Generation von Kunstschaffenden, die an der Schwelle des 20. Jahrhunderts geboren und vom damaligen Expressionismus und der späteren "Neuen Sachlichkeit" geprägt wurde. Und eigene Wege, Stile, Ausdrucksformen in der Bildgestaltung suchte.

Dem Kunstdiktat der Nationalsozialisten unterworfen

Die Tragik, die sie alle – Künstlerinnen wie Künstler – einte: Erst traf sie zur Hochzeit ihrer Schaffenskraft der Nationalsozialismus mit seinem verheerenden Kunstdiktat – bis hin zum Berufsverbot vieler Künstler dieser Zeit unter dem Stigma "entartete Kunst". Nach dem Zweiten Weltkrieg dann wurde im Westen in Zeiten des nahtlos sich anschließenden Kalten Krieges wiederum die "Abstraktion" zur in der Kunstwelt allein zulässigen Ausdruckssprache erhoben – quasi als politisches Kampfwerkzeug gegen den damaligen "Sozialistischen Realismus" des Ostens. Für die Maler hierzulande, die ihre Kunst sozusagen organisch und chronologisch aus dem Expressionismus heraus entwickelt hatten, blieb da wenig bis kein Raum in der öffentlichen Wahrnehmung übrig.

Nochmal "doppelt und dreimal mehr" galt dies, wenn es sich um Künstlerinnen – Malerinnen handelte, wie Hierling erklärt. Weil diese oftmals von ihren Familien, sogar ihren (Künstler-)Ehemännern in ihrer Kunst behindert wurden. Beispiel: Eva Josefa Kestermann, die ein Malverbot ihres Gatten traf. Das sie allerdings durch heimliche Aquarellmalerei ("weil der Ehemann so die Farben nicht riechen konnte, wenn er abends heimkam") unterlief – bis sie sich 1945 per Scheidung künstlerisch und persönlich "befreite". In kleinen Biografien der Künstlerinnen neben ihren im Steinhaus gezeigten Werken, mehr noch im ebenfalls hier erhältlichen, umfangreichen Katalog zur Ausstellung werden diese Geschichten eindrucksvoll erzählt. Power-Frauen allesamt – wie sie ja bekanntlich sehr gut nach Nagold passen.

Wobei die jetzige Nagolder Ausstellung mit Werken der "Malerinnen des Expressiven Realismus" zwei Vorläufer-Schauen hatte: Für Schweinfurt, wo in der dortigen Kunsthalle die Hierling-Sammlung zehn Jahre lang eine Heimat hatte, wurde diese Sonderausstellung einst thematisch entwickelt. Von dort ging sie im letzten Jahr ins neue Schloss Kißlegg, wo auch der in Nagold verfügbare Katalog zur Ausstellung entstand. Dorthin (zur Vernissage) hatte Sammler Hierling – gemeinsam übrigens mit Gaspard Dünkelsbühler – seinerzeit auch Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann eingeladen, nachdem man sich 2018 zur großen Otto Dünkelsbühler-Ausstellung im Steinhaus kennengelernt hatte. Auch Nagolds großer Sohn Otto Dünkelsbühler rechnet als Maler zum "Expressiven Realismus", den Eröffnungsvortrag der Retrospektive zum 120. Geburtstag des Künstlers hielt damals Joseph Hierling.

Weshalb, so OB Großmann jetzt zur Vorstellung der Hierling-Schau, diese neue Ausstellung so gut auch ins Steinhaus passe. Quasi eine Fortsetzung der Erfolgsgeschichte zu diesem Thema in Nagold sei. Wobei der Schultes vor allem auch die Gründung der "Otto Dünkelsbühler"-Stiftung als einen Meilenstein für die Stadt hervorhebt, der "uns mit unglaublich vielen kunstinteressierten Menschen zusammengeführt" habe. So ließ sich Sammler Hierling letztlich nicht lange bitte, seine Sonderschau der Vertreterinnen des Expressiven Realismus auch noch nach Nagold zu geben. Wobei die aktuelle Steinhaus-Ausstellung ausdrücklich auch mit zwei parallelen Schauen der Hierling-Sammlung korrespondiere, wie etwa im Leipziger Mädler-Art-Forum, wo Werke unter anderem auch von Otto Dünkelsbühler unter der Überschrift "Sehnsucht nach dem Süden" gezeigt werden. Und dem bekannten Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See, die den Titel "Wahrheitsmalerei" trägt.

Die Ausstellung "Malerinnen des Expressiven Realismus" aus der Sammlung Joseph Hierling ist ab 5. Juli bis 16. August im Nagolder Museum im Steinhaus (Badgasse 3) zu den üblichen Öffnungszeiten zu sehen: Jeweils Dienstag, Donnerstag, Sonntag und Feiertag von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, es wird auf die bekannten Abstands- und Hygieneregeln hingewiesen: Es besteht Maskenpflicht, zudem darf immer nur eine bestimmte Anzahl Besucher gleichzeitig die Räume betreten. Im Haus selber ist ein Rundgang ausgewiesen, der unnötige Begegnungen im Publikumsverkehr vermeiden soll. Der Hochglanz-Katalog "Malerinnen des Expressiven Realismus" ist im Museum zum Preis von 20 Euro erhältlich.

Fotostrecke
Artikel bewerten
0
loading

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.