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Nagold Tausende Zeilen Heimatgeschichte

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Foto: Schneider Foto: Schwarzwälder Bote

Es muss ein sehr gebildeter, des Schreibens kundiger Mann gewesen sein, der vor rund 400 Jahren einen Brief verfasste. Adressiert war dieser an den Herzog Eberhardt Ludwig von Württemberg. Heute hält der Nagolder Manfred Brösamle diesen Brief in der Hand.

Nagold. Manfred Brösamle nimmt ein dickes, dunkelrotes Fotoalbum aus dem doppelt abgeschlossenen Schrank. Er schlägt es auf und blättert durch die Seiten. "Das ist mein Heiligtum", sagt er und deutet auf einen Brief – auf ihm prangt das Originalsiegel des württembergischen Herzogs Eberhardt, datiert auf das Jahr 1650. Es ist ein fürstlicher Befehl an die Stadt Nagold, einen Kostenanteil für den Westfälischen Frieden 1648 zu bezahlen. Dokumente wie diese sind Brösamles große Leidenschaft.

Angefangen hat die Freude am Sammeln bereits in der Schulzeit. Fortgesetzt wurde sie dann im Nagolder Philatelisten-Klub. Mittlerweile ist Brösamle dort seit dem Jahr 1977 erster Vorsitzender und hat schon mehrere Bücher über seine Sammelleidenschaft herausgebracht.

Waren es anfangs noch die Briefmarken, die ihn so sehr begeisterten, schwenkte der 82-Jährige bald auf Briefe und Postkarten um und arbeitete die ganze Nagolder Postgeschichte auf. Auch heute wächst seine Sammlung noch immer weiter, allerdings nicht mehr im gleichen Ausmaß wie früher. "Man bekommt immer weniger", erklärt Brösamle. Viele von seinen Sammelbänden hat er auch schon wieder aus seinen heiligen Schränken verbannt. Der Grund dafür: Man habe irgendwann einfach zu viel. "Im Lauf von 50 Jahren sammelt sich da einiges an." Behalten hat der Sammler nur die Fundstücke, die Aufschluss über Nagold, das Königreich Württemberg oder die Nagolder Postgeschichte ganz konkret geben.

Unter seinen Schätzen befinden sich nur Einzelstücke. Darunter auch ein Poststempel vom 23. März 1864 – acht Tage, nachdem der erste Poststempel überhaupt möglich war. "Da schlägt das Sammlerherz höher", sagt Brösamle lächelnd. Auch ein sogenannter "roter Einzeiler" befindet sich in seinem Besitz: ein roter Nagolder Poststempel – obwohl es doch eigentlich nur blaue Zweizeiler gab. "Da muss ein Fehler passiert sein", vermutet der Sammler. Ein Fehler, der eine Seltenheit und deshalb für Sammler umso wertvoller ist.

Die meisten seiner Briefe sind von Ämtern ausgestellt, immerhin gab es früher nur wenige Personen, die überhaupt schreiben und lesen konnten. Umso ergreifender sind die persönlichen Briefe. In einem Brief eines Auswanderers an seine in Nagold zurückgebliebene Schwester beispielsweise steht: "Liebe Schwester ich bedaure Dich sehr, daß du in einer Notleidende und großen Beschwerden, ja sogar Hungers leidende bist, ich bedaure Dich sehr und kränke mich sehr. [...] Theure Schwester Denke ja nie, daß ich Dich in meinem Innern vergessen habe."

Dass die Dokumente, allem voran die Briefmarken, echt sind, das bestätigt Sammlern ein vereidigter Prüfer vom Bund der deutschen Philatelisten. Sein Attest ist verbindlich. Wichtig ist das deshalb, weil oftmals Stempel verfälscht oder repariert wären und damit an Wert verlieren, erklärt Brösamle. Auch er ist darauf schon hereingefallen und hat falsche Stempel gekauft.

Der Weg zu den Sammelstücken des Philatelisten führt oft über Auktionen oder die vielen Kontakte, die er in den vergangenen Jahren geknüpft hat. Im Nagolder Verein habe außerdem jeder ein bestimmtes Sammelgebiet: Altensteig, Neuweiler oder – in Brösamles Fall – Nagold. So ist jeder Spezialist auf seinem Gebiet und sammelt auch für die anderen mit.

Auch Reisepässe und Botenbücher hat Brösamle noch im Original. Genauestens mussten die Personen und ihr Weg darin beschrieben werden. Weil vielerorts die Pest wütete, musste auch Gesundheitsstand und Herkunftsort in den Reisepässen vermerkt werden, sowie die Kleidung, Haarfarbe und sonstige Details zum Erscheinungsbild. Auch der älteste Pass von Nagold, aus dem Jahr 1763, befindet sich in Brösamles Besitz.

Manchmal begegnen ihm die Personen, deren Dokumente er besitzt, im Ortssippenbuch wieder, erzählt Brösamle mit strahlenden Augen – und setzen sich so zu teils sehr bewegenden, aber auf jeden Fall aufschlussreichen Geschichten zusammen. Ob die Menschen damals wohl geahnt haben, dass ihre Gedanken auch so lange Zeit nach ihrem Tod noch weiterleben werden?

In unserer Serie "Voll mein Ding" portraitieren wir außergewöhnliche Leidenschaften, seltene Steckenpferde und die Menschen dahinter. Haben auch Sie ein ausgefallenes Hobby oder gehen einer besonderen Leidenschaft nach? Dann erzählen Sie uns gerne mehr davon unter der folgenden Adresse: redaktionnagold@schwarzwaelder-bote.de

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