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Nagold "Ostern ist in Vergessenheit geraten"

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Dekan Ralf Albrecht. Foto: Archiv Foto: Schwarzwälder Bote

Das Osterfest steht vor der Tür. Mancherorts um Nagold ist der Osterbrunnen dekoriert und in Gärten hängen bunte Eier in den Büschen. Was wäre Ostern ohne die Dekoration, den Hasen und das Osterlamm? Da bleibt nur die Frage, wo diese Bräuche eigentlich herkommen. Wir haben einen hiesigen Fachkundigen gefragt, nämlich Dekan Ralf Albrecht.

Herr Albrecht, was hat es mit den Osterbräuchen, vom Hase über die Eier bis hin zum Osterspaziergang auf sich und haben sie einen christlichen Hintergrund?

Vor allem hat Ostern selbst ganz und gar einen christlichen Hintergrund, das ist immer wieder zu betonen. Alle vier Jesus-Geschichten der Bibel, die "Evangelien", enden mit der Hauptgeschichte: Jesus ist auferstanden. Matthäus 28, Markus 18, Lukas 24 und Johannes 20 und 21 widmen diesen Fragen ihre letzten Kapitel der Bücher und erzählen mit Begeisterung und Staunen, Freude und Glauben: Das Jesusgrab ist leer. Die Weltenherrscher der damaligen Zeit mit ihrem Hass und der Gewalt konnten ihn nicht halten. Einmal im Jahr sich daran zu erinnern gibt so viel Hoffnung.

Allerdings: Ostern ist in Vergessenheit geraten. Da haben Hase und Ostereier und Frühling ganze Arbeit geleistet.

Wie wurde die Auferstehung gefeiert, bevor all das aufkam?

Ostern, das Fest der Auferstehung Jesu, wurde in frühester Zeit als eine ganz lebendige Erinnerung an dieses Wunder gefeiert. Man hat sich getroffen zu der Tageszeit, in der die Auferstehung an jenem Sonntag um das Jahr 30 nach Christus tatsächlich geschah, nämlich in der letzten Nachtwache zwischen 3 und 6 Uhr. Damit ist der Ursprung christlicher Feste überhaupt getroffen. In frühester Zeit haben in diesen Osternächten zum einen immer wieder Taufen stattgefunden – und zum anderen gehörte das Abendmahl zu den Grundinhalten dieser Gottesdienste.

Im vierten Jahrhundert treten zur Osternacht zusätzliche Sonntagsgottesdienste – wahrscheinlich für die nicht so Frühaufsteher – hinzu.

Ostern hängt vom Termin her mit dem jüdischen Passa­fest zusammen, in dessen Zusammenhang damals Jesus gekreuzigt wurde. Der erste Sonntag nach Vollmond nach Frühlingsanfang ist Ostersonntag – zwischen 22. März und 25. April ist es jedes Jahr so weit – dieses Jahr ja am 21. April.

Wissen Sie, woher das Wort stammt?

Das Wort "Ostern" kommt nicht von einem heidnischen Göttinnennamen – wie von manchen vermutet, die eine Göttin "Ostera" ausgemacht haben wollen. Auch nicht von irgendwelchen Fruchtbarkeitssymbolen her. Sondern einfach von dem Wort "Osten". Der Blick nach Osten, ist damit gemeint. Oder, wie man in den entsprechenden Gegenden im Nahen Osten sagt, der Blick zum Orient.

Warum gerade das?

Kommen Sie mit nach Israel und nach Jerusalem, und Sie werden es verstehen. Im Alten Testament wird ganz oft davon erzählt, dass der kommende Retter, der Messias, wenn er kommen wird, aus dem Osten Jerusalems in die Stadt kommen wird, vom Ölberg her. Und dort, im Osten, sind demnach auch viele, viele Gräber. Weil die Leute erwarten, dass wenn sie aus dem Tod auferstehen, diese Bewegung im Osten beginnt. Von Osten kommt der auferstandene Christus her. Und Ostern bedeutet: ge-ostet, orientiert auf den auferstandenen Christus hin.

Zwei Osterbräuche haben sich – wenn auch zeitlich nicht ganz genau festzustellen, an Ostern angelehnt: der Osterhase und das Osterei...

Zunächst das Ei...

Sicher hängt dies mit dem sogenannten Lehnswesen zusammen. Es waren ständig Abgaben und Steuern an Grundbesitzer und auch an Klöster und Kirche zu zahlen. Nicht in Mark und Pfennig, sondern in Naturalien. Was aber konnte man im frühen Frühjahr an Abgaben tatsächlich leisten? Felder gaben nichts her – was bot sich also zum Winterende besser an als das Ei? Dazu kommt noch, dass man in der Fastenzeit auf Tierprodukte verzichtete – und damit auch auf Eier. Die Hennen aber verzichteten nicht, sie legten brav weiter. Am ersten Tag nach der Fastenzeit hatte sich also ein ganz netter Vorrat an Eiern angesammelt, die weg mussten. Das wieder gegessene Ei wird zum Zeichen der Osterfreude.

Und zum Zeichen, dass kein Feind, kein Tod das Leben auslöschen kann. Das finden wir nun wiederum in der Liturgie des jüdischen Festes als Vorläufer von Ostern, des Passafestes. Dort spielt das Ei auch eine Rolle. Es dient als Symbol dafür, dass der Pharao in Ägypten trotz aller Versuche das Volk Israel in Ägypten nicht hat ausrotten können. Das Leben hat über den Tod gesiegt.

Ein alter Osterspruch sagt: "wie der Vogel aus dem Ei gekrochen, so hat Christus den Tod zerbrochen." Auch die Auferstehungshoffnung der Christen kann man damit ausdrücken: Es wurde erzählt, dass sich früher Menschen teils in Tonsärgen beerdigen ließen, welche die Form eines lang gestreckten Eis hatten. Eines Tages bricht die Hülle der Sterblichkeit, und ein neues, unvergleichliches Leben wird geschenkt. Durch Jesus.

Und der Hase?

Längst nicht so alt wie das Ei ist der Osterhase. Zu ihm kann man nur sagen: "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts." Warum kam er in Verbindung mit Ostern?

Hier drei Lösungsvorschläge – suchen Sie sich den besten aus:

Erstens, die Ostereier sollten etwas Besonderes sein. Also konnten sie keine Hühnereier sein. Wer musste sie entsprechend bringen? Einer, der sonst ganz gewiss keine Eier legte, aber auch im frühen Jahr in Dorfnähe und in die Gärten kommt: der Hase.

Zweitens: In alten Bibelübersetzungen ist an verschiedenen Stellen von Hasen die Rede. Eigentlich ist hier eine andere Tierart gemeint: der Klippdachs, ein Wüstentier, aber das war damals noch nicht bekannt in deutschen Landen.

Der Hase wird in diesen so übersetzten alttestamentlichen Stellen verglichen durch seine Kunst, sich zu verstecken, mit Glaubenden, die sich bei Gott bergen und Zuflucht finden.

Theorie drei: Zins und Steuern mussten im Mittelalter in der Osterzeit entrichtet werden. Konnte nur ein Teil abgetragen werden, so war man als Leibeigener eine gewisse Zeit frei. Etwa ein Jahr.

Solche Freiheit wurde damals mit der eines Hasen verglichen, der, von einem Hund gejagt, nicht gefangen werden konnte. Eine gewisse Zeit der Ruhe, aber nicht endgültig.

Zum nächsten Ostern fiel dann die Entscheidung, ob der Mensch frei ausging oder wieder in Ketten kam. Ostern aber ist für Christen das Erlebnis der endgültigen Befreiung. Aus Tod und Schuld. Und das gehört in die Öffentlichkeit, weit sichtbar, mit den verschiedensten Mitteln.

Kennen Sie Osterbräuche und Traditionen, die der Region Nagold eigen sind?

Osterbrunnen – aber längst nicht nur der Nagolder Region. Das Ausgangsgebiet des Brauches "Osterbrunnenschmücken" lässt sich etwa auf die zentrale Fränkische Schweiz eingrenzen, doch ist eine genaue Herkunftsbestimmung nicht möglich.

Mündliche Überlieferungen belegen uns den Brauch etwa bis Anfang des 20. Jahrhunderts – so begann man beispielsweise in zwei Orten dort in der fränkischen Schweiz – Aufseß um l909 und in Engelhardsberg um 1913 – mit dem Schmücken der Brunnen.

Das Schmücken des Osterbrunnens beginnt zunächst mit dem Säubern der Anlage, dem sogenannten "Brunnen fegen". Diese Tätigkeit übten früher die jungen Burschen aus. Im übertragenen Sinne kann man das für unseren Ort ja auch sagen – einen Dank an Herrn Hain, der sich um diese Sache immer so viel Mühe macht!

Danach wird die Anlage geschmückt, im Volksmund spricht man dabei vom "Brunnen putzen". Als Schmuck dienen ausgeblasene Eierschalen, die bemalt und verziert sind. Wegen zunehmender Randale ist man in vielen Orten auch dazu übergegangen, Plastikeier zu verwenden. Zum Schmuck gehören weiterhin einzelne oder büschelweise gebundene Papierbänder, die sogenannten "Pensala", und Girlanden aus Fichtenzweigen, die um etwaige vorhandene Brunnentröge gewunden oder zu Gerüsten und Kronen geflochten werden. In manchen Orten ziert zusätzlich echter Blumenschmuck die Osterbrunnenanlage.

Wie bei vielen Bräuchen ergaben sich auch bei diesem Brauch verschiedenste seltsame Ansichten, die sich darum rankten.

Speziell dem Osterbrunnenwasser wurde besondere Wirkung zugeschrieben. Solange der Osterbrunnenschmuck hielt, glaubte mancher, das Wasser sei in dieser Zeit etwas ganz Besonderes. Kinder, mit solchem Wasser an Ostern oder kurz danach getauft, sollten besonders intelligent werden. Das Trinken von Osterwasser sollte gegen Krankheiten schützen, das Verspritzen im Haus Ungeziefer fernhalten.

Anfang der 50er Jahre, mit dem Aufkommen der zentralen Wasserversorgung, geriet der Brauch ein wenig ins Hintertreffen. Doch in den letzten Jahrzehnten hat er an Wichtigkeit wieder zugenommen. In Folge der in den 80er Jahren neu erwachten Heimat- und Brauchtumspflege erfuhr das Osterbrunnenschmücken eine intensive Neubelebung.

Warum werden ausgerechnet Brunnen geschmückt?

Der Hauptgrund ist vor allem in der Bedeutung des Wassers für die Existenz von Leben schlechthin zu sehen. Wasser ist Leben. Und die Auferstehung, das neue Leben, ist für den Menschen wichtiger als Wasser – lebenswichtig. Ohne die Botschaft von Ostern bliebe das Leben ein auf-den-Tod-Zugehen.

Mehr noch als die Kirche war der Brunnen früher der Ort, wo alle vorbeikamen. Es gab ja noch keine Wasserleitungen. Und alle sollten es mit dem geschmückten Osterbrunnen sehen: Wir gehen auf Ostern zu. Wir leben von Ostern. Wir brauchen den auferstanden Christus so nötig wie das tägliche Wasser.

Auch geht es um die Schönheit von Ostern. Es ist ein sehr hohes Fest im christlichen Kalender. Insbesondere der Ostersonntag soll ein Tag der Freude sein, denn da wird die Auferstehung Christi gefeiert und damit auch das Ende der Fastenzeit. Wie schön es ist, nach der Zeit des Fastens wieder zu feiern! Jeder soll schon von weitem die Bedeutung dieses Festes sehen.

Wie sieht es mit diesem Brauch außerhalb des deutschsprachigen Raums aus?

In Frankreich, und zwar in der Gegend von Piemont, gibt es einen alten Brauch. Wenn am Morgen des Ostersonntags zum ersten Mal die Glocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene an den Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit dem kühlen, klaren Brunnenwasser. Manche wissen wahrscheinlich gar nicht mehr, warum, – wie so oft bei Bräuchen – sie rennen einfach mit. Aber die ganze Handlung war ursprünglich eine Art Gebet, in dem die Menschen um neue Augen, um Oster-Augen baten. Sie wollten besser "sehen", besser "einsehen"", was durch die Auferstehung anders geworden ist in ihrem Leben, im Leben aller Menschen. Sie wollten besser den Jesus "sehen" können, der nicht mehr tot ist, sondern lebt – mitten unter uns.

Ist es heute noch bei ebenso vielen Menschen hier in der Gegend Brauch, an Ostern die Kirche zu besuchen, wie früher?

Osternachtsfeiern kommen ja erst in den letzten Jahren wieder vermehrt auf – und auch wir in Nagold werden so wieder Ostern feiern, mit einem gemeinsamen Gottesdienst in Iselshausen.

Die Gewohnheiten der Menschen haben sich an dieser Stelle verändert – es besuchen noch viele Leute die Ostergottesdienste, aber die sind total unterschiedlich geworden in ihrer Art.

Allein am Ostersonntag beginnt es in der Evangelischen Kirche Nagold sehr früh morgens: Osternacht um 5.30 Uhr – hineinfeiern mit Abendmahlsfeier in den beginnenden Tag mit aufgehender Sonne. Es folgt um 8 Uhr der Ostergottesdienst direkt auf dem Friedhof. Und alle treffen sich anschließend gemeinsam zum Frühstück im Lemberggemeindehaus, bei dem auch die bunten Ostereier nicht fehlen dürfen. Um 9.30 Uhr wird nicht nur in der Iselshauser Jakobuskirche, sondern auch in der Stadtkirche Ostern weiter gefeiert. Diesmal mit Mozarts "Krönungsmesse" und mit Abendmahlsfeier. Unfassbare Ostermusik mit hoher Qualität – und Lichter, die in der Kirche darauf warten, entzündet zu werden und als Osterlichter in die Häuser genommen zu werden.

Es könnte leicht sein, dass Ostern 2019 mehr Leute in der Kirche sind als Ostern 1969 in Nagold …

Das klingt, als gehe es inzwischen mehr um das Feiern an sich. Haben Sie den Eindruck, dass Kindern auch heute noch vermittelt wird, warum Ostern überhaupt gefeiert wird?

Aber sicher – nur eben sehr unterschiedlich. In unseren Kindergärten der Kirche wird diese Geschichte der Bibel erzählt und deutlich anschaulich gespielt und gebastelt, dass an Ostern nicht das Huhn wieder lebendig wurde, sondern Jesus den Tod besiegt hat. Das neue Leben wird gefeiert, gerne auch mit dem erklärt, was passiert, wenn eine Pflanze neu gesät wird und was dann wächst, ganz wie es auch in der Bibel beispielhaft erklärt wird. Und dann eben noch die schönen Lieder dazu. Das geht den Kindern ins Herz und sie feiern es mit, ohne alles verstehen zu müssen – wie wir ja vielleicht auch nicht. Dass der Tod nicht das letzte Wort hat in unserer Welt, ist ja auch für uns Erwachsene nicht leicht zu glauben.

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