Weinredner Günther Oettinger (rechts) bedankt sich bei dem Team von Rose und Heiner Hamberger (Bildmitte) für die gute Küche. Foto: Fritsch

Ex-Ministerpräsident  mit ungeheuer viel Witz, Lebensweisheit und politischer Bodenhaftung.

Nagold - Und er kann es noch. Der bisweilen so schwäbisch-spröde wirkende frühere baden-württembergische Ministerpräsident und heutige EU-Kommissar Günther Oettinger hat bei der Nagolder Weinrede gezeigt, was in ihm steckt: ungeheuer viel Witz, Lebensweisheit und politische Bodenhaftung.

Während drinnen in der Alten Seminarturnhalle die 200-köpfige Hautevolee aus Nagold und dem ganzen Kreis Calw am süffigen Secco vom Württemberg schlürfte, fuhr der hohe Gast aus Brüssel vor und wurde von einem Defilee an Kommunalpolitikern begrüßt. Klassisches Déjà-vu mit ähnlicher Besetzung am selben Ort, nur war’s damals eine Parteiveranstaltung.

Aber so schlimm sollte es nicht werden. Im Gegenteil: Diese nunmehr 12. Weinrede des Nagolder Gewerbevereins hat mittlerweile Kultstatus und ein illustres Stammpublikum. Viele Kartenanfragen mussten negativ beschieden werden. Das liegt zum einen an der guten Küche und der perfekten Gastlichkeit, für die an diesem Abend wieder das Wirtsehepaar Rose und Heiner Hamberger vom Gasthaus "Sieben Schwaben" zuständig war, nicht zuletzt an den zum viergängigen Menü passenden Weinen, die die "Weinfindungskommission" des Gewerbevereins im Vorfeld sorgfältig ausgesucht hatte, aber vor allem an Rang und Namen der Weinredner, darunter ein badischer Prinz, der pfälzische Landesvater und nun ein echter EU-Kommissar.

Ja selbst frühere Weinredner wollen solche Abende unter "innovativen Genuss­pietisten" (Gewerbevereinschef Helmut Raaf) nicht missen. Unter den Ehrengästen war diesmal auch Rezzo Schlauch, das Grünen- Urgestein, das 2005 eine legendäre Weinrede hingelegt hatte und in diesem Jahr seines Freundes Günther Oettinger wegen nach Nagold kam. Er sollte diese persönliche Aufwartung nicht bereuen.

Oettinger kennt seine Pappenheimer beim Namen

Oettinger scheint, seit er von seinen Parteifreunden nach Brüssel weggelobt wurde, wieder zu seinen alten Stärken und Tugenden zurückgefunden zu haben. In freier Rede, nur mit ein paar Stichworten, spielt er die Klaviatur des charmanten und amüsanten Unterhalters perfekt, wechselt mit Leichtigkeit das Genre vom Ernsthaften zum Schelm und bettet dies alles ein in seine persönlichen Erlebnisse, die er mit Nagold und dem Schwarzwald verbindet. Seine Spitzen verschonen niemand: nicht die hohe Politik und auch nicht die Kommunalpolitiker hienieden. Kommissar Oettinger kennt seine Pappenheimer beim Namen und ist offenbar bestens im Bilde, was in Nagold so läuft.

OB Großmann bescheinigt er, dass es bei ihm "auffällig demokratisch" zugehen würde und spielt damit unverhohlen auf dessen Alleingang bei der Landesgartenschau-Verlängerung an. Sein guter Rat an den Parteikollegen: "Einmal im Jahr ist das vertretbar, aber nicht öfter. Das verträgt nicht jeder Gemeinderat." Mit seinen Repräsentanten habe man im Kreis Calw "im Großen und Ganzen Glück gehabt", meint Oettinger, nicht ohne dem Ex-OB und späteren SPD-Landtagsabgeordneten Rainer Prewo noch eine mitgegeben zu haben: "Er hat im Landtag links geblinkt und rechts überholt." Das Publikum johlte vor Vergnügen. Selbst eingefleischte politische Gegner attestierten ihm an diesem Abend eine große Rede.

Wenn Oettinger an seinen Opa erinnerte, wie der jeden Abend seinen Krug Most aus dem Keller holte und dies mit der Erkenntnis garnierte: "Mir scheint, die Menschen waren früher mit Most glücklicher als heute mit Bordeaux", traf er den Nerv des Publikums: "Wissen wir eigentlich ob unseres Glücks?", fragte er und konstatierte: "Keiner Generation vor uns ging es besser – und wohl auch keiner mehr nach uns."

Als Oettinger seine Rede mit einem flammenden Plädoyer für Europa beschloss, wollte der Applaus nicht enden. "Es gibt keinen besseren Botschafter für Europa", urteilte Rezzo Schlauch über seinen alten Freund, der an diesem Abend eine solch gute Figur abgegeben hatte.