Wechsel des renommierten Spezialisten Stefan Benz innerhalb des Klinikverbundes bahnt sich an / OB: "Wäre herber Verlust für Nagold"

Nagold - Auf diese Nachricht reagierten die Aufsichtsräte der Kreiskliniken Calw-Nagold bass erstaunt und sprachlos. Mit vielen Unwägbarkeiten hatte man in der schwierigen Krankenhausdebatte gerechnet, nicht aber, dass der Nagolder Chefarzt Stefan Benz die Kreiskliniken verlassen könnte. Sein angestrebter Wechsel käme fürs Nagolder Kreiskrankenhaus zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt.

Wie sich die Geschichten von Nagolder Persönlichkeiten doch manchmal gleichen. Vor 21 Jahren beklagte das damalige Nagolder Stadtoberhaupt Joachim B. Schultis larmoyant den Zustand seines Rathauses und forderte eine grundsätzliche Erneuerung. Zu diesem Zeitpunkt lag seine Bewerbung als Baubürgermeister in Heidelberg schon auf dem Tisch.

In diesem Frühsommer verkämpfte sich Stefan Benz, renommierter Chefarzt und gemeinsam mit seinem Kollegen Hubert Mörk Vater des Nagolder Bauchzentrums, intern und auch öffentlich exponiert für die Einhäusigkeit, also für eine völlig neue Klinik auf der grünen Wiese, die die Kreiskliniken wieder auf wirtschaftlich soliden Kurs bringen sollte. Da machte er sich insgeheim bereits Gedanken über seine berufliche Zukunft – außerhalb von Nagold.

Dann reifte die Entscheidung. Seit gut zwei Wochen liegt seine Bewerbung um die Nachfolge des vor wenigen Monaten verstorbenen Ärztlichen Direktors des gesamten Klinikums Sindelfingen-Böblingen, Gerhard Köveker (62), beim Klinikverbund. Köveker hatte in den Sindelfinger Kliniken das dortige Darmzentrum aufgebaut. Benz würde, falls er im Herbst, wenn die Entscheidung ansteht, gewählt würde, quasi das fortsetzen, was er in Nagold so erfolgreich begonnen hat. In dieser Woche informierte er den Calwer Landrat Helmut Riegger, der am Mittwoch seinen tagenden Klinikaufsichtsräten die Hiobsbotschaft überbrachte. Nagolds Oberbürgermeister Jürgen Großmann, der normalerweise diesem Gremium angehört, aber in Berlin weilte, fiel aus allen Wolken, als er telefonisch von Benz’ Bewerbung in Sindelfingen erfuhr. "Sein möglicher Weggang wäre ein herber Verlust fürs Nagolder Klinikum", konstatierte er gestern.

Dass der 49-jährige Benz, eine bundesweit anerkannte Kapazität für Bauch- und Gefäßchirurgie, bei diesem Bewerbungsprozedere unterliegen könnte, ist in den Augen von Insidern eher unwahrscheinlich. Zum einen würde sich der Klinikverbund mit dem internen Wechsel des geschätzten Spezialisten von Nagold nach Sindelfingen weiterhin dessen Engagement sichern, zum anderen meint ein Aufsichtsrat: "Die werden ihn nicht ablehnen. Da müsste eine Kapazität kommen, die’s gar nicht gibt."

Auch die Kollegen im Krankenhaus nahmen die Nachricht von den Abwanderungsgedanken ihres Chefarztes mit großem Bedauern auf. "Ihr seid das beste Team, das ich je gehabt habe", revanchierte sich Stefan Benz vor versammelter Mannschaft.

Aber letzten Endes erkannte er offenbar die aussichtslose Lage in seinem Kampf für ein neues Klinikum, das die Zukunft des von ihm geleiteten Bauchzentrums – auch mit den nötigen Fallzahlen – gesichert hätte.

Kliniken in Sindelfingen vier Mal so groß

Die Signale aus dem Aufsichtsrat indes waren andere. In dem Gremium, so viel dringt nach außen, ist die Einhäusigkeit so gut wie kein Thema mehr. Vielmehr hat man sich den Erhalt der beiden Klinikstandorte Nagold und Calw auf die Fahnen geschrieben. Wie berichtet, stecken die beiden Krankenhäuser tief in den roten Zahlen – in diesem Jahr irgendwo zwischen sieben und acht Millionen Euro. Zwar läuft das Bürgerbeteiligungsverfahren noch und auch das Gutachten steht noch aus, das letztlich bei den politischen Entscheidungen des Kreistags wegweisend sein wird, aber Stefan Benz konnte die Signale nicht überhören: Im Kreis Calw liebäugeln viele Verantwortliche mit einem Gesundschrumpfen der defizitären Krankenhäuser, das nur noch eine Regelversorgung der Patienten vorsehen würde: Wer zum Beispiel einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleidet, fände weiterhin eine kompetente Behandlung vor, aber schwierigere Fälle würden an andere Kliniken – und da vor allem nach Sindelfingen-Böblingen – verwiesen. Für ein Nagolder Darmzentrum wäre bei dieser politischen Lösung kein Platz mehr.

Allein die Kliniken Sindelfingen sind von ihrer Bettenkapazität mehr als vier Mal so groß wie Nagold. Dort hätte Stefan Benz, der seit acht Jahren in Nagold wirkt, eine echte berufliche Perspektive und könnte seine komplexen Tumorbehandlungen – in Nagold hat er sich vor allem auf Darmkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs spezialisiert – fortsetzen.

Über so kleinen Tumorzentren wie in Nagold schwebt ohnedies ein bundespolitisches Damoklesschwert. Ein nationaler Krebsplan des Gesundheitsministers sieht eine Zentrenbildung vor, die mit den entsprechenden Fallzahlen auch die nötige Kompetenz in der Tumorbehandlung und nicht zuletzt die für solche Zentren jährlich notwendigen Zertifizierungen garantieren würde. Die Entscheidung von Benz, sich beruflich neu zu orientieren, ist also auch eine Konsequenz dieser globalen Trends zur Zentralisierung in der Tumorchirurgie. Nach Informationen unserer Zeitung ist der 49-Jährige nicht der einzige Bewerber. Bislang war die Stelle nur intern ausgeschrieben, die öffentliche Ausschreibung ist druckfrisch.

Bei besagter Aufsichtsratsitzung wurden auch die Weichen in Sachen Nagolder Geburtsklinik neu gestellt. Nach öffentlichen Protesten gegen eine mögliche Schließung der Einrichtung verschwand das Thema in der Versenkung – bis am Mittwoch, als es wieder auf der Tagesordnung landete. Jährlich kommen auf "Teufels Hirnschale" etwas weniger als 300 Kinder zur Welt. Die Verluste der Geburtsklinik summieren sich in diesem Jahr fast auf 700 000 Euro – also legen die Kreiskliniken pro Baby runde 2000 Euro drauf.

Dieser Entwicklung will das Aufsichtsgremium nicht länger tatenlos zusehen: Entweder müsse man investieren, um das Haus attraktiver zu machen, oder aber man komme an der Schließung nicht vorbei, heißt es aus gut informierten Kreisen. Auch ein Hebammenhaus wäre eine Option. Um alle Wege offen zu halten, wurde die Klinikverbundleitung beauftragt, den Belegärzten der Geburtsklinik den Vertrag zum Jahresende zu kündigen.

Zu allem Unbill flatterte den Kreiskliniken noch die 78 Seiten dicke Klage des Bundesverbandes Deutscher Privatkliniken ins Haus, die ausgerechnet den Kreis Calw für einen Präzedenzfall auserwählt haben, weil hier – wie anderswo auch – öffentliche Gelder in wirtschaftlich marode Krankenhäuser fließen würden. Damit verstoße man im Kreis Calw gegen europäisches Wettbewerbsrecht, wettern die Privatkliniken. Eine schlechte Nachricht kommt eben selten allein.