Dimitri Ashkenazy und Anna Magdalena Kokits bei ihrem Auftritt im Kubus. Foto: Kosowska-Németh Foto: Schwarzwälder-Bote

Musik: Konzertreihe geht mit Dimitri Ashkenazy und Anna Magdalena Kokits zu Ende

Von Maria Kosowska-Németh

Nagold. Das letzte Nagolder Kammerkonzert in dieser Saison war ein wahrer musikalischer Genuss. Dimitri Ashkenazy aus der Schweiz und die Wienerin Anna Magdalena Kokits begeisterten das Publikum nicht nur mit erstklassigen Interpretationen der ausgesuchten Werke für Klarinette und Klavier aus der Zeit zwischen 1849 und 1962, es gelang ihnen auch, ihre eigene Gefühlswelt geradlinig und aufwühlend, ohne Pathos, intim und emotionsstark vorzustellen und diese mit den Zuhörern zu teilen.

Den interpretatorischen Grundriss ihrer Musik kennzeichneten die immense Vielfalt an dynamischen, farblichen, agogischen und Artikulationskontrasten und eine geradezu unbegrenzte Virtuosität. Bereits in den Fantasiestücken op.73 von Robert Schumann fügte das Kammerduo deutliche Höhepunkte in die lyrisch-chopinsche Gestaltungsfreiheit ein, die sich in der Sonate Es-Dur von Johannes Brahms zeitweise in eine fast rauschhafte Dramatik steigerte.

Zusammenspiel wirkt geradezu organisch

Von künstlerischer Rage erfasst, setzte sich die Pianistin anfangs durch und übertrumpfte stellenweise den Klarinettenklang, im weiteren Verlauf aber wirkte das ausgewogene Zusammenspiel geradezu organisch in seiner Expressivität und beeindruckte durch natürliche, oft pastoral geprägte Phrasierung und einheitliche, geschmackvolle Artikulation.

Besonders deutlich fiel diese Auffassungs-Homogenität in der französischen Musik von Claude Debussy und Francis Poulenc auf.

Der Impressionist Debussy komponierte seine "Premiére Rhapsodie" 1909 als ein Pflichtstück für Bläserwettbewerbe an dem Pariser Konservatorium. Kokits und Ashkenazy boten mit diesem faszinierenden Werk eine mit Poesie, Farbenpracht und stiller Intensität gesättigte, mal schlafwandlerisch verträumte, mal offene und rasant virtuose Interpretation. Magische Momente, die unter die Haut gingen.

In der dreisätzigen Klarinettensonate von Poulenc, einem meisterlichen Bindungsglied zwischen "mozartscher Melancholie und neobarocker Beweglichkeit" fand Ashkenazy eine ideale Ebene für das Ausleben seiner musikalischen Sensibilität. Der Klarinettist führte das scherzhafte Allegretto an einem seidenen Klangfaden, in der Romanze hielten die Zuhörer den Atem an, als er ein filigranes, feinstes piano dem Klavier zuhauchte. Im Finale hingegen flossen unaufhaltsam die gemeinsamen Kaskaden der vitalen, fast elementaren Virtuosität.

Dieses Werk und die "Rhapsody in Blue" von Georg Gershwin ersetzten die im Programm avisierte Sonate von Sergei Prokofjew. Das sympathische und bescheiden auftretende Duo gab offen zu, an diesem Abend "keine Lust auf Prokofjew" gehabt zu haben und das Publikum stimmte dem Tausch gerne zu.

Nach dem weltberühmten Glissando der Klarinette lieferte Kokits eine famose Interpretation der "Rhapsody" in der Klavier-Adaptation. Mit einem im Kubus selten gehörten kristallklaren, höchst kultivierten Anschlag markierte die Pianistin Grenzen der optimalen Lautstärke des Steinway-Flügels, sodass ihre Klaviertechnik à la Liszt in einem brillanten Glanz erschien und in Verbindung mit der wechselhaften, mit Zäsuren versetzten Phrasierung einen orchestralen Eindruck hinterließ.

Bevor das Publikum das Duo Kokits/Ashkenazy nach dem heftigen Beifall von der Bühne entließ, spielten die Künstler im Konzertanschluss zwei Miniaturen für Klarinette und Klavier von Ernst Krenek und Witold Lutoslawski.

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