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Nagold Kurt Brei betrachtet jeden Tag als Geschenk

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Der CDU-Stadtrat und ASM-Vorsitzende Kurt Brei feiert an diesem Freitag seinen 60. Geburtstag.Foto: Reimer Foto: Schwarzwälder Bote

Kurt Brei wird diesen Freitag 60 Jahre alt. In seinem Leben musste er einige schwere Schicksalsschläge hinnehmen. Doch in diesen Momenten erkennt der blinde Nagolder Stadtrat einen tieferen Sinn. Sie prägten seinen weiteren Lebensweg und brachten letztlich auch etwas Gutes.

Nagold. Kurt Breis’ älterer Bruder war gerade 18 geworden und hatte den Führerschein frisch in der Tasche. Um das zu feiern entschieden sich die beiden, eine Spritztour zu unternehmen. Kurt Brei saß auf dem Beifahrersitz, als sein Bruder in einer Kurve die Kontrolle über den Wagen verlor. Es kam zum Unfall. Das Auto überschlug sich mehrfach. Kurt Brei war nicht angeschnallt, weil sein Gurt kaputt war. Er wurde beim Unfall durch die Windschutzscheibe geschleudert und prallte mit seinem Kopf gegen einen Baum. Dabei erlitt er schwerste Verletzungen. Als die Rettungskräfte am Unfallort eintrafen, schlug sein Herz bereits nicht mehr. In dieser Juninacht im Jahr 1977 war Kurt Brei klinisch tot.

Dieses Jahr feiert er seinen 60. Geburtstag. Als jüngstes von vier Kindern kam er am 30. Oktober 1960 in Altshausen, im Kreis Ravensburg, auf die Welt. "Auf den Punkt genau um 18.30 Uhr." Seine Familie betrieb einen Bauernhof, auf dem er und seine zwei Brüder früh mithelfen mussten, nachdem die Mutter verstorben und der Vater nach einem Unfall behindert war.

Neben dem Autounfall, der zu seiner Erblindung führte, musste er noch weitere Schicksalsschläge in seinem Leben hinnehmen. Doch sie alle haben einen Sinn, sagt er. Doch dieser zeigt sich erst viel später, oft nach Jahren.

Brei wurde nach dem Unfall von den Rettungskräften wiederbelebt. Im Krankenhaus lag er drei Wochen im Koma. Während dieser Zeit hatte er eine Nahtoderfahrung, berichtet er. Als er aufwachte, konnte er sich an sein früheres Leben nicht mehr erinnern. Er wusste nicht mehr, was es heißt zu sehen und merkte daher zunächst auch nicht, dass er erblindet war. Doch als seine Bettnachbarn im Krankenhaus immer wieder vom "Sehen" sprachen, dämmerte ihm allmählich, dass etwas fehlte. Er begann zu verstehen, dass er blind ist. "Ab dem Moment wollte ich nicht mehr leben", erinnerte sich Brei.

Als er später in eine Reha-Klinik kam, traf Brei Menschen mit Behinderungen aller Art: "Ich war auf einmal froh, dass ich nur blind war", sagt Brei und lacht. "Denn keiner wollte dort mit dem anderen tauschen." Hier kam es dann zu einem Erlebnis, das Brei für den Rest seines Lebens prägen sollte. Ein Rollstuhlfahrer kam zu ihm und sagte: "Schiebe mich und ich sage dir, was ich sehe." Er erkannte, dass jeder dem anderen eine Hilfe sein kann. Dieser Moment habe in ihm die Kämpfernatur geweckt, sagt er.

1981 kam er nach Nagold und arbeitet seitdem bei der Agentur für Arbeit. Er suchte eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Behinderungen aller Art. Doch sowas gab es nicht. "Ich wollte alles in einem Topf haben." 1989 gründete er schließlich die ASM – die Aktive Selbsthilfegruppe Miteinander. "Viele haben das damals belacht", erinnert er sich. Es gab Zweifel, ob so ein Konzept funktionieren könne. Brei erwiderte: "Wenn es ums helfen geht, kann man nie was falsch machen. Jeder kann dem nächsten eine Hilfe sein." Damals zählte die Gruppe 21 Mitglieder. Heute sind es etwa 650.

Die Gruppe hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, Behinderte aus ihrer Isolation herauszuholen und sie in die Gesellschaft einzugliedern. Um Behinderte und Nicht-Behinderte zueinander zu führen wurde 1994 der Tag der Begegnung ins Leben gerufen. Verschiedenste Organisationen präsentierten sich seitdem in der Nagolder Innenstadt. Ein Konzept, dass auch von anderen Städten, mitunter auch im Ausland, übernommen wurde, wie Brei erzählt. Im Jahr 2002 erteilte sogar Papst Johannes Paul II. den Teilnehmern des Begegnungstags seinen Segen.

Doch das Schicksal sollte Brei später wieder übel mitspielen. 2010 brach er wegen eines Burn-outs zusammen. 2012 erlitt er einen doppelten Herzinfarkt und musste zweimal wiederbelebt werden. "Der 22. Juni 2014 war der schlimmste Tag meines Lebens", sagt Brei. Sein Sohn starb bei einem Verkehrsunfall im Alter von 20 Jahren. "Warum?" Diese Frage stellte er sich immer wieder. Seine Familie und seine Freunde spendeten ihm in dieser Zeit Kraft. Trost gab ihm auch, dass sein Sohn bis zur "letzten Sekunde glücklich war".

2016 brachte sich sein Bruder, mit dem er 1977 den Unfall hatte um. Kurt Brei machte ihm nie einen Vorwurf. Aber zu einem Gespräch über den Unfall kam es zwischen den beiden nie. Für Kurt Brei bleibt das ein unerfüllter Wunsch. 2017 wurde er mit seinem Blindenhund Lando von einem Auto erfasst. Lando blieb unverletzt, Brei trug nur leichte Verletzungen davon. Beiden fehlte aber danach die Sicherheit und das Vertrauen zueinander. "Es war harte Arbeit für uns wieder zusammenzufinden, aber jetzt sind wir noch stärker zusammengeschweißt durch diese Erfahrung."

Brei betrachtet jeden Tag als Geschenk: "Wir kriegen mit jeder Sekunde die Chance, das Beste aus unserem Leben zu machen." In seinen Schicksalsschlägen sieht er einen tieferen Sinn: "Wenn ich damals den Unfall nicht gehabt hätte, dann gäbe es die ASM nicht, dann gäbe es den Tag der Begegnung nicht." Die Erfahrungen, die er gemacht hat, helfen ihm dabei für andere Menschen da zu sein, sei es am Sorgentelefon oder in seiner Selbsthilfegruppe. Aber um den Sinn der Rückschläge zu erkennen, müsse man wieder zurück ins Leben finden und seinen Weg weitergehen. Wichtig für ihn war, dass er auf seinem Weg Begleiter hatte, die ihn in schwersten Zeiten unterstützten. Seine Frau Heike, seine Kinder und Enkelkinder und seine Freunde sind Teil seines Lebens, sagt er. Seine Geburtstagsfeier in der Festhalle in Gündringen mit rund 400 Gästen musste wegen Corona abgesagt werden. "Dann bleibe ich eben noch ein Jahr lang 59", scherzt er. Pläne für die Zukunft hat er auch: "Als Bauernsohn war es immer mein Lebenstraum einen kleinen Hof zu haben. Diesen Traum werde ich mir noch erfüllen."

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