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Nagold Kabarettist tritt als Reinkarnation der Knef auf

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Das hat Charme: Der Knef-Auftritt im "Biergarten-Ambiente" kam beim Publikum gut an. Foto: Kunert

Nagold - Einen herrlich lauen Abend lang wird der Hof der Alten Seminarturnhalle zum Berliner Kiez. Kabarett im Sonnenuntergang, später unterm Sternenzelt. Irmgard Knef ist angesagt, die "Grand Dame des halbseidenen Showbiz", wie sie sich selbst gerne ankündigt.

Ihren 95. Geburtstag feiert die irgendwie klapprige, aber immer noch renitente "kleine Schwester" der großen Hildegard Knef. Okay, man weiß natürlich, dass Ulrich Michael Heissig unter der blassen Schminke, der platinblonden Perücke und in dem viel zu weiten schwarzen Kostüm samt weißen Seiden-Halstuch steckt. Aber diese irritierend echte Knef-Reibeisenstimme, diese TV-bekannte Gestik, dazu diese präzise, gerne schnoddrige, aber immer unbedingt gefühlvolle Interpretation und Variation der alten Knef-Songs, -Texte und -Themen – die stets zwischen Altersweisheit und lakonischer Ironie oszillieren.

Heissig ist in Sindelfingen geboren, in Böblingen zur Schule gegangen. Er kennt Nagold, den Nordschwarzwald, das Schwabenland. Charmant baut er viel Lokalkolorit in sein zweistündiges Programm ein. Das sich bis zum großen Finale konsequent steigert. Drei Zugaben muss er geben, bis ihn das im Semi-Hof Corona-korrekt verteilte Open-Air-Publikum "ins Hotel Eisenbahn und zu einer Schlaftablette" entlässt. Fulminanter Höhepunkt: Der finale Rausschmeißer – "Nagold, Nagold", gesunken zur Melodie von "New York, New York", mit dem schon ein Sinatra es schaffte, dass sich eine ganze Stadt ihm zu Füßen warf. Auch bei Irmgard Knef klappt das bei Zeilen wie "unterm Viadukt hat sich wer in mich verguckt" – Bravo-Rufe, frenetischer Applaus. Man meint für einen Moment, eine glitzernde Showtreppe auf der Hof-Bühne der Alten Semi zu ahnen, über die "die Knef" mal wieder einen Schauplatz eines ganz großen Comebacks verlässt.

Auch die kleine Knef ist gerne mal wie "die große Schwester" ein wenig schlüpfrig

Die war ja zuerst Schauspielern – stürzte als "Die Sünderin" einen ganzen Nachkriegs-Kontinent in einen moralisierenden Skandal. Die kleine Schwester lässt das Revue passieren mit einer "Traumsequenz", in der Ex-Papst Ratzinger sich (von Heissig ebenfalls stimmlich perfekt parodiert; er "kann" also auch Papst) am Bett der Knef über "die Irritationen und Erektionen" beschwert, die dieser Film in der Kurie ausgelöst habe. Ja, auch die kleine Knef ist gerne mal wie "die große Schwester" ein wenig schlüpfrig. Oder auch handfest obszön, wenn sie damit eine verkniffene Bigotterie der Gesellschaft treffsicher entlarven kann.

Später war die echte Hildegard Knef dann eine der erfolgreichsten Sängerinnen, ließ als ihre unsterbliche Erkennungsmelodie rote Rosen auf sich regnen. Für die ewig Zweite – die imaginäre Schwester – sind nicht nur die roten Rosen ausverkauft. Und wenn dann doch wieder lieferbar, mit Pestiziden verseucht und durch den Transport per Flieger aus Afrika auch klimamäßig ziemlich bedenklich. Was zeigt, dass Heissigs Knef-Texte an aktuellen Bezügen nichts zu wünschen übrig lassen. "Greta mit den Zöpfen", die "Fridays for Futures", "genauso schlecht bezahlte wie gut aussehende Pflegekräfte" nehmen die Themen der Zeit auf, wie es auch die wirkliche Knef wohl getan hätte in ihrem Werk.

Und das vielleicht ist auch die größte Kunst des Theaterregisseurs, Sängers, Schauspielers und eben auch Autors Ulrich Michael Heissig – der soviel mehr ist als Parodist, Travestie-Künstler, Promi-Imitator und eine eben auf seine besondere Art ganz eigene "Drag-Queen": seine Texte nehmen ziemlich exakt den Wortwitz, das Vokabular, diesen ganz eigenen "Knef’schen Blick" auf das Zeitgeschehen und die jeweils aktuellen Realitäten auf, als wäre er tatsächlich eine Reinkarnation der 2002 verstorbenen, so unendlich selbstbewussten, echten deutschen Hollywood-Diva. Die mit ihrem autobiografischen Werk "Der geschenkte Gaul" auch das bis dahin erfolgreichste Buch in Deutschland nach 1945 veröffentlichen sollte. Die Knef brach mit jedem ihrer großen Talente unentwegt Tabus, schrieb etwa ein weiteres Werk über ihre Brustkrebserkrankung, machte das Unerhörte öffentlich – und lehrte nicht nur die Nation, was starke Frauen sind, sondern, dass man eben auch über solche, bis dahin Tabus unbedingt zu reden hat.

Heissig macht das auch – als Mann in Frauenkleidern. Und eigentlich genauso gut und stilsicher wie sein großes Idol. Die stete Verehrung der zahllosen Knef-Fans – Heissig ließ sie hier im Hof der Alten Semi wieder aufleben, durfte am Ende ein gutes Stück davon gerne auch für sich verbuchen.

Wobei – ein Star dieses ganz besonderen Abends war auch die Alte Seminarturnhalle selbst mit ihrem zu einem Sommernachts-Freiluft-Traum verwandelten Innenhof. Das Publikum kam durchwegs sehr viel zu früh zu diesem Termin – vielleicht um einen guten Platz in ungewohnter Bestuhlung zu erwischen. Ganz sicher aber, um das unbeschwerte Zusammentreffen mit Bekannten und Freunden hier in diesem improvisierten Biergarten in Corona-Zeiten zu zelebrieren und zu genießen.

Was auch die vielen engagierten Helfer des Fördervereins der Alte Semi irgendwie selbst verblüffte – und nachdenklich macht: "Nagold (A)live", in dessen Rahmen auch Irmgard Knef auftrat, "war ein Experiment", erzählt Semi-Chef Wolfgang Schäfer. Ein Experiment, wie Klein- und große Kunst in Corona-Zeiten funktionieren kann. Hier im Hof der Seminarturnhalle – sehr viel besser als gedacht. Der Abend zuvor, der Auftritt von "Ambience" – "ausverkaufter Hof", fast 200 Besucher. Auch bei "Knef" – deutlich mehr als erhofft. Dazu diese einmalige Atmosphäre. "Ja, mal sehen, was wir daraus machen."

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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